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Drei Eifeldichterinnen: Viebig, Lambrecht, Harten


von Sophie Lange

In: Eifel Jahrbuch 1994: Die Eifel als literarische Wahlheimat von drei Dichterinnen (gekürzt)

Der Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert mit seiner Industrialisierung und Modernisierung bedeutete für die Frauen der damaligen Zeit eine umwälzende Wende. Sie traten verstärkt an die Öffentlichkeit, stellten sich den Problemen der Gegenwart und kämpften für ihre Rechte. Sie setzten sich mit Literatur auseinander und griffen selbst zur Feder. Aus dieser Zeitepoche werden hier drei Schriftstellerinnen vorgestellt, welche die Eifel zu ihrer literarischen Wahlheimat machten: Die „berühmt-berüchtigte Eifeldichterin“ Clara Viebig, die weniger bekannte Nanny Lambrecht und die total vergessene Angelika Harten alias R. Fabri de Fabris.

Clara Viebig

Clara Viebig

Clara Viebig


„Ich war ein rechtes Lesekind, und Märchen waren meine ganze Wonne!“ Das schrieb 1930 die in Trier geborene Schriftstellerin Clara Viebig (1860-1952) in einem Bericht „Bücher meiner Jugend.“ 1 Die allgemeine Meinung, dass Kinder durch Gruselmärchen verrohen und ihre Seelen vergiftet würden, konnte die spätnaturalistische Schriftstellerin nicht teilen. Sie hatte als Kind auch grausame Märchen mit glühenden Wangen in sich aufgenommen und keine verrohende Wirkung verspürt.
Auch über Jungmädchenbücher hatte die in Berlin lebende Dichterin, die durch Novellen und Romane erstmals die Eifel literarisch bekannt machte, ihre eigene Meinung. Sie schrieb in dem gleichen Artikel: „So viel ich heute noch an diese ersten Lesefreuden denke, so wenig Erinnerung habe ich an Backfischschriften, deren es gewiss auch zu meiner Jungmädchenzeit viele gegeben hat. Dass sie keinen Eindruck bei mir hinterlassen haben und sicher für meine spätere schriftstellerische Entwicklung keine Bedeutung gewannen, spricht gegen ihren Wert. Ich kann auch heute noch nicht die Meinung vieler teilen, dass die heranwachsende Menschheit, die Werdenden, einer eigenen für sie bestimmten Literatur bedürfen.“
Anstatt sich Nesthäkchen, Trotzkopf oder Wildfang als Vorbild zu nehmen, griff Clara Viebig lieber zu Coopers „Lederstrumpf“. Als 12-jährige las sie Heinrich Heines „Buch der Lieder“. Ihren Lesestoff während ihrer Jugendjahre beschrieb sie folgendermaßen: „Ich habe sowohl in meinem Elternhaus alles gelesen, was damals das Interesse der Erwachsenen erregte, Storm und Raabe, Spielhagen und Heyse, Hebbel und Ludwig, Freytag und Auerbach, als auch in meiner Pensionatszeit in Trier, neben der deutschen Literatur die Größen der englischen, französischen und italienischen Dichtung wahllos in mich aufgenommen. So habe ich der Frage des Jugendschutzes gegen den unheilvollen Einfluss der Literatur immer sehr skeptisch gegenübergestanden. Aber ich bin ja vielleicht Partei. Hat es doch zuzeiten Stimmen gegeben, die selbst meinen Werken die Möglichkeit zuschrieben, verderblich auf die Jugend zu wirken. Mein „Weiberdorf“ war vor 30 Jahren ein unerhörtes Wagnis und einen Roman von der ernsten, sittlichen Tendenz meiner „Passion“ hat man noch vor wenigen Jahren als bedenklich angesehen.“
Diese Sätze blieben nicht unwidersprochen. Am 17. Juli 1930, Clara Viebig wurde 70. Jahre alt an diesem Tag, wurde in der Trierischen Landeszeitung die Äußerung über die „Frage des Jugendschutzes“ hart attackiert: „Clara Viebig kennt keine Rücksicht auf die Zartheit der Seele der Jugendlichen. Alles muss enthüllt werden. Dabei ist sie in ihren Schriften bis nach dem Weltkrieg gegen alles Katholische, das sie doch in Trier und Düsseldorf ganz unbefangen hätte kennen lernen können. Wenn sie später in ihren Ferien zu Fuß und zu Wagen die katholische Eifel besuchte und dann in ihren Schriften vor aller Welt in der schlimmsten Weise entehrte (anders kann man es gar nicht ausdrücken), so hat sie ihrer Geburtsheimat Trier damit keinen Gefallen getan, auch nicht der Wahrheit gedient, wie es der Naturalismus vorgibt… Wir können nicht stillschweigen, wenn unser Heiligstes im Namen der Kunst und des Naturalismus entweiht wird.“ 2
Oftmals wurden diese Zeilen zitiert, ohne jedoch den Bezug zu dem Artikel „Bücher meiner Jugend“ von Clara Viebig zu schaffen. Auch wurde meist nicht berücksichtigt, wer die vernichtende Kritik geschrieben hatte. Es war Domkapitular Kammer, der Diözesanpräses der Borromäusvereine Trier. In seiner Position konnte er kaum anders über Clara Viebigs Ansicht über Jugendliteratur urteilen.
Im Jahre 1840 hatte man begonnen, sich in katholischen Kreisen um eine eigene Presse zu bemühen. Im Jahr 1844 wurde in Bonn der Borromäusverein gegründet, dessen Zweck die „Förderung von Geistes- und Herzensbildung auf katholischer Grundlage durch Verbreitung guter Bücher“ war. „Gute“ Bücher durften nichts gegen den katholischen Glauben und gegen die guten Sitten enthalten. Überall in den katholischen Pfarren und in den Klosterschulen entstanden Borromäus-Bibliotheken. 1929 waren es zum Beispiel 5000 Bibliotheken mit drei Millionen Bände; die Jahresausleihe betrug acht Millionen Bücher. 3
Gerade in den Dörfern bedeutete der Borromäusverein für Kinder und Jugendliche die einzige Möglichkeit, den Lesehunger zu stillen; denn auf eine reichhaltige Hausbibliothek wie im gut bürgerlichen Elternhaus von Clara Viebig konnten Kinder vom Lande kaum zurückgreifen. Eine vom Borromäusverein ernannte literarische Kommission entschied über die Aufnahme eines Buches in das Zentralverzeichnis, das den Ortsvereinen als Empfehlung für die Auswahl ihrer Bücher dienen sollte. Die protestantische und mit einem Juden verheiratete Clara Viebig fand zwar örtlich zunächst Aufnahme in den katholischen Pfarrbibliotheken, wurde aber – wahrscheinlich nach Veröffentlichung des Romans „Das Weiberdorf“ – zumindest aus den Eifelbüchereien verbannt.

Nanny Lambrecht

Nanny Lambrecht

Nanny Lambrecht

Die katholische Schriftstellerin Nanny Lambrecht wird gerne mit Clara Viebig verglichen und die „katholische Viebig“ genannt. 1868 im Hunsrück geboren, lebte sie als Lehrerin in Malmedy und Aachen und zog 1919 nach Bad Honnef. 1942 starb sie in Schöneberg an der Sieg. Diese „Eifeldichterin“ war schon eher im Borromäusverein zu Hause, wenigstens zunächst.
In den Borromäus - Blättern veröffentlichte Nanny Lambrecht 1904 einen Artikel „Eifelliteratur“. Darin sprach sie ihrer Zeitgenossin Clara Viebig kein gutes Zeugnis aus: „Fangen wir nun gleich mit der Kategorie der Eifelschmäher an, und sagen wir ein „Gott sei Dank, es ist nur Eine!“ Ist Viebig – wie ihre Verehrer behaupten - die kompetente Persönlichkeit, die mit voller Objektivität sich in das Geistesleben des Eifeler Bauerngeschlechtes versetzt? Ihre Hilfsmittel waren scharfe Beobachtungsgabe und Herablassung, Auf diesem Wege machte sie ihr Wahrnehmungen, aber nur mittelbar, durch Hinhorchen, Hinsehen! Dagegen versteht sie es nicht, mit dem Volke zu fühlen und zu denken. 3
Über sich selbst urteilte Nanny Lambrecht recht selbstsicher. So schrieb sie am Ende des Artikels: „Zum Schlusse sei der Vollständigkeit halber auch eine Selbstanzeige der Verfasserin dieses erlaubt. Mein Novellenband aus der Eifel und der Wallonie „Was im Venn geschah und andere Erzählungen“, der bei den Blumenspielen in Köln 1904 preisgekrönt wurde, erscheint im Verlage von Fredebeul und Koenen, Essen-Ruhr“ Zu Empfehlung dieser Novellen darf ich wohl den bekannten Ausspruch Mörikes anwenden: „Gottlob, nichts Unreines ist darin.“
Einige Jahre später (1908/1909) geriet Nanny Lambrecht allerdings selbst in die Kritik der katholischen Öffentlichkeit. In ihrem Roman „Armsünderin“ hatte sich doch „Unreines“ eingeschlichen, und das Buch wurde als „katholikenfeindlicher Tendenzroman“ angegriffen: „Aber nicht die ästhetische, sondern die moralische Seite des Romans gab den Anlass zum Ärgernis: das düstere, im Hunsrück spielende Schicksal einer von einem Bauern verführten, dann der Qual der Volksjustiz ausgesetzten Magd und Mutter, das mit aller Drastik erzählt wird und dabei auch den Klerus nicht schont, erregte in der katholischen Publizistik die heftigsten Debatten.“ 5
Ihre folgenden Publikationen (Die Statutendame. Das Haus im Moor. Notwehr. Die Suchenden) gaben Anlass „zu einer regelrechten Literaturfehde innerhalb der katholischen Literaturbewegung.“ 6

Angelika Harten alias R. Fabri de Fabris

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Eine zur gleichen Zeit lebende, völlig in Vergessenheit geratene Dichterin, die ganz im Sinne des Borromäusvereins schrieb, war Maria Schmitz geb. Köhler, die unter den Pseudonymen Angelika Harten und R. Fabri de Fabris zahlreiche Märchen, Novellen, Gedichte, Jungmädchenbücher und Romane schrieb. Geboren wurde sie am 25. Februar 1858 in Neuss. Als Maria 12 Jahre alt war, wurde der Vater, ein Gymnasialdirektor, nach Münstereifel versetzt. 1875 kam er nach Emmerich. Maria aber blieb in Münstereifel und lebte und studierte in der dortigen Pensionatsschule der Ursulinen von St. Salvator. Sie wurde Lehrerin und heiratete 1882 den Fabrikdirektor Joseph Schmitz aus Aachen.
Wie Clara Viebig konnte auch Maria Köhler in ihrer Jugend auf eine gut bestückte Hausbibliothek zurückgreifen. Zusätzlich wird ihr die Münstereifeler Klosterbibliothek Zugang zu den deutschen Dichtern gewährt haben. Vor allem die Romantiker gestatteten ihr „manchen heimlichen Hochflug ins Wunderland der Poesie“. Neben den Gebrüdern Grimm las sie Schiller, Eichendorff, Brentano, Uhland, Andersen, Fritz Reuter, Dickens und in späteren Jahren Goethe, Shakespeare, Mörike, Raabe, Storm und Fontane.
Ganz im Gegensatz zu Clara Viebig achtete Angelika Harten als Schriftstellerin die „Zartheit der Seele der Jugendlichen“. Trotz Kriegsnöten und Schicksalsschlägen blieb bei der Jugendbuchautorin die Romanwelt stets eine heile Welt. Auch andere Autorinnen jener Zeit, so etwa Else Ury (1877-1943) mit ihren „Nesthäkchen“ - Bänden, hafteten dieser weltfremden Richtung an. Die Ermahnung zu unbedingtem Gehorsam, stetem Fleiß, frommer Opferbereitschaft und zum tugendhaften Lebenswandel war der Haupttenor dieser Erzählungen. Solche „populär-katholische Literatur“ passte vollkommen in das Konzept des Borromäusvereins. Wie andere Autorinnen schrieb Angelika Harten anscheinend direkt im Auftrag des Borromäusvereins, was für eine schreibende Frau eine finanzielle Sicherheit bedeutete.
Als im Naziregime die Borromäus - Leihbüchereien 1933 von „staatsfeindlicher Literatur“ gesäubert und 1937/38 geschlossen wurden, geriet Angelika Harten in Vergessenheit. Ihr Sterbedatum ist nicht bekannt. Es wird nach 1935 angenommen.
Angelika Harten = R. Fabri de Fabris war wie Clara Viebig eine fleißige „Vielschreiberin“. Neben einzelnen Erzählungen und Novellen sind 40 Bücher von ihr erschienen, bei Clara Viebig waren es 38 Bücher zusätzlich jedoch viele einzelne Erzählungen. Nanny Lambrecht übertrifft die beiden sogar noch, denn von ihr gibt es 42 Bücher. 7

Nachtrag: Inzwischen konnte ihr Todestag festgestellt werden. Maria Schmitz starb am 8. 1. 1945 im Samariterheim in Kraschnitz bei Bad Warmbrunn in Schlesien, wohin sie evakuiert worden war.

Literaturangaben:


1) Clara Viebig: Bücher meiner Jugend. In: Nimm und lies! 1930
2) Domkapitular Kammer: Clara Viebig. In: Trierische Landeszeitung. 17.7.1930
3) Lexikon der Theologie und Kirche, Freiburg 1931
4) Nanny Lambrecht: Eifelliteratur- In: Borromäus – Blätter, November 1904
5) Zitiert bei Josef Schreier: Nanny Lambrecht. In: Elisabeth Fischer-Holz (Hrsg.): Anruf und Antwort, 3. Band, 1992
6) Walter Reuter: Vor hundert Jahren wurde Nanny Lambrecht geboren. In: Die Eifel, Heft 4, 1968
7) Josef Zierden: Die Eifel in der Literatur, 1994