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C. Viebig machte 1908 das Monschauer Land berühmt

Historisches im Roman „Das Kreuz im Venn“
Sophie Lange In: Das Monschauer Land Jahrbuch 2011

Das Kreuz im Venn

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Bild: Fritz von Wille

Was sind in dem Roman „Das Kreuz im Venn“ von Clara Viebig geschichtliche Fakten und was ist erdachte Fiktion? Dieser Frage soll hier in einigen Punkten nachgegangen werden.
Historisch ist natürlich das Kreuz als solches. Am Vorabend des Festes Peter und Paul im Jahr 1890 ließ der Kalterherberger Pfarrer Gerhard Joseph Arnoldy zur Erinnerung an den „Vennapostel“ Stephan Horrichem (1607 – 1686) ein 1.228 kg schweres und sechs m hohes Eisenkreuz auf der Richelsley bei Kalterherberg errichten. In einer natürlichen Nische der Richelsley wurde aus Anlass des silbernen Priesterjubiläums ihm zu Ehren 1894 eine Mariengrotte eingerichtet. Diese Ziele vieler Wanderer und Pilger, heute zur belgischen Gemeinde Bütgenbach gehörend, wurden durch den Roman von Clara Viebig weit über die Grenzen des Landes bekannt. Auch heute ist der Roman noch nicht vergessen und liegt in Neuauflagen vor.
Der Originaleinband des Buches „Das Kreuz im Venn“ zeichnete der berühmte Eifelmaler Fritz von Wille, mit dem Clara Viebig befreundet war. Das Buch erschien 1908 in Berlin und erreichte als eines der bedeutendsten Werke der Erfolgsschriftstellerin hohe Auflagen. Im gleichen Jahr wurde es unter dem Titel „Het kruis in het veen“ ins Niederländische und als „Korset pa myren“ (Kreuz im Moor) ins Schwedische übersetzt.1

Die Eifeldichterin

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Clara Viebig

Clara Viebig wurde vor 150 Jahren am Sonntag, den 17. Juli 1860, im „alten, heiligen Trier, dicht an der Porta nigra“2 geboren. Die Eltern -„preußischen Geblüts“ und streng protestantisch - stammten aus der Provinz Posen. Der Vater war als Oberregierungsrat nach Trier beordert worden. 1868 wurde er von Trier nach Düsseldorf versetzt, wo die Familie am Schwanenmarkt 3 ihr neues Domizil einrichtete. Als der Vater 1881 starb, zog Clara mit ihrer Mutter nach Berlin. Dort heiratete Clara 1896 den Verleger Friedrich Theodor Cohn, der vor der Eheschließung auf Drängen von Claras Mutter vom Judentum zum Protestantismus konvertierte. Ein Jahr später wurde der Sohn Ernst geboren.
Abgesehen von den Kriegs- und Nachkriegsjahren von 1941 bis 1946 lebte sie bis zu ihrem Tod am 31. Juli 1952 in Berlin-Zehlendorf. Sie fand auf eigenem Wunsch in dem Grab ihres Vaters in Düsseldorf ihre letzte Ruhe.

Nach mehreren Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen erschien 1897 Clara Viebigs erstes Buch, der Novellenband „Kinder der Eifel“. Bis 1935 folgten nun Jahr für Jahr neue Veröffentlichungen: Romane, Novellen, Erzählungen und Skizzen.3 Auch an einigen Bühnenstücken versuchte sich die Schriftstellerin: Barbara Holzer (1897), Die Pharisäer (1899), Kampf um den Mann (1909), Das letzte Glück (1909) und Pittchen (1909), das Bühnenstück zum Weiberdorf. Zu zwei Opern (Nacht der Seelen sowie Mora) ihres Sohnes schrieb sie die Textbücher. Ebenfalls stammen zwei Drehbücher zu Stummfilmen aus ihrer Feder: Delila sowie Der Gast aus der andern Welt (siehe www.sophie-lange.de ).

Ob das Romangeschehen „Das Kreuz im Venn“ auch auf die Theaterbühne gelangte, ist nicht bekannt. 1931 wurde in Eicherscheid ein Bühnenstück unter dem Namen „Das Kreuz im Venn“ aufgeführt. Geschrieben hat es Johann Kaulard Isaak. Den „Anstoß zur Abfassung dieses Stücks“ fand der Heimatdichter in Viebigs Roman. Das Bühnenstück führt jedoch in das 15. Jahrhundert und erzählt die Geschichte des Klosters Reichenstein.4

Urlaub im Hohen Venn

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Kalterherberg

Als Urlaubsziel wählte die Dichterin neben Posen hauptsächlich Bad Bertrich (von 1901 bis 1936) sowie die Gegend um Manderscheid in der Vulkaneifel. Doch nach dem Skandal um das „Weiberdorf“ Eisenschmitt mied sie nach 1900 die Vulkaneifel und fuhr in die Westeifel zur Sommerfrische, wo sie Jahr für Jahr längere Zeit in Kalterherberg verbrachte. Bei Ludwig Mathar können wir nachlesen, dass sie dort im „Gasthof zur Schwalm“ wohnte, „dies Paradies gesottener oder gebratener Forellen, das alle deutschen Offiziere heimsuchten und das die Eifeldichterin zu ihrem Hauptquartier erkor.“5 Wahrscheinlich ist mit dem „Gasthof zur Schwalm“ das ehemalige Hotel Moll „Zur Post“ gemeint.

Ob Viebig bewusst Kalterherberg wegen seiner besonderen Ortsgeschichte als Urlaubsort auswählte oder ob sie zufällig oder durch Bekannte ins Venn kam und dann die vielschichtige Ortsgeschichte von Kalterherberg als Romanhintergrund wählte, sei dahingestellt. Sie selbst hat folgendes zu ihren Aufenthalten im Venn gesagt: „1904 brachte ich in meiner geliebten Eifel die Sommermonate zu, und zwar wie schon seit mehreren Jahren oben im Venn, in dem eigenartigen Kalterherberg, der Urstätte von Dorf Heckenbroich in meinen Roman „Das Kreuz im Venn“.6
Als Urlaub verstand Viebig aber nicht nur Erholung, sondern sie beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit der Geschichte und den Menschen des Landstrichs, erforschte die Landschaft und band diese dann in einen Roman oder in Novellen ein. So entstanden ihre Romane und Novellen rund um das Venn. An den Daten der Veröffentlichung können wir in etwa den Zeitraum ihrer Aufenthalte erkennen:
(In Klammern Erstveröffentlichungen)

Der Wolf, (1901) Naturgewalten, 1905
Das Kind und das Venn, (1902) Naturgewalten 1905
Die letzte Nummer, (1904) Naturgewalten, 1905

Die Primiz, (1907) Die heilige Einfalt, 1910
Der Käse, (1908) Die heilige Einfalt, 1910
Der Jan und der Jup, (1909) Die heilige Einfalt, 1910


Vor dem Roman „Das Kreuz im Venn“ (1908) erschien 1906 der Roman einer Adoption „Einer Mutter Sohn“, der sowohl im Hohen Venn als auch in Berlin spielt. 1908 wurde noch eine Skizze „Morgen im Venn“7 veröffentlicht. Mit dem Jahr 1909 enden die Erzählungen mit Bezug zum Venn.

Clara Viebig hat in ihren frühen Romanen manch Biographisches in das Romangeschehen eingeflochten. Sie selbst zählt auch „Das Kreuz im Venn“ zu den Romanen, in denen sie „mehr als nur ein Stück von mir den Hauptfiguren gegeben hat.“8 Ob sie sich hier mit der schönen Helene identifiziert?

Der naturalistischen Schriftstellerin ging es hauptsächlich darum, spannende und unterhaltsame Lektüre zu schaffen, wobei sie Fiktion und Wahrheit miteinander verknüpfte, eine heute allgemein übliche Verflechtung in historischen Romanen. Viebig selbst hat zwar behauptet: „Ich habe in allen meinen Eifelromanen nur die Wahrheit geschrieben“ 9, doch das hat man ihr in vielen Punkten widerlegen können. Ihre Ortsangaben sind oft ungenau oder sogar falsch und eine Wanderung nach ihren Beschreibugen würde auch rund um Kalterherberg in die Irre führen. Vor allem werden die „vielen Blasphemien oder blasphemische Redewendungen“10 in ihren Eifelwerken kritisiert.

Im „Kreuz im Venn“ sind jedoch die meisten Ereignisse historisch belegbar. Dr. Maria Regina Neft hat in ihrer Dissertation „Clara Viebigs Eifelwerke“ die geschichtlichen Hintergründe der Eifelromane untersucht und festgestellt: „Am ausführlichsten fällt die realistische, auf Fakten beruhende Schilderung im Roman „Das Kreuz im Venn“ aus.“11

Viebig wählte als Schauplätze Monschau, Elsenborn und hauptsächlich den Ort Kalterherberg mit der Richelsley und dem „Kreuz im Venn“, das in Mathars Roman „Herr Johannes“ zunächst „Kreuz des Friedens“ genannt wird. Als die Richelsley nach dem Ersten Weltkrieg zu Belgien kam, war der Name „Kreuz im Venn“ für das Friedenskreuz aber allgemein gebräuchlich. Ob Viebigs Roman hier Pate stand? Bei Mathar heißt es: „Belgien gestattet wie bisher den Pilgerverkehr der deutschen Bevölkerung zum sogenannten „Kreuz im Venn“ zwischen Mützenich und Ruitzhof ohne Zoll-, Pass- und Polizeikontrolle. Das Friedenskreuz ist gerettet.“ Am Kreuz auf der Richelsley, wie man in Kalterherberg allgemein sagt, wird auch heute deutsch gebetet auf belgischem Boden.

Der Ort Kalterherberg ist von der Dichterin in Heckenbroich umbenannt worden, denn die haushohen Hecken haben es der Dichterin angetan. Mehrmalig beschreibt sie diese, so zum Beispiel in der Novelle „Das Kind und das Venn“ (ebenfalls in Kalterherberg lokalisiert): „Um jedes Haus herum ragt die hohe Hainbuchenhecke, dieser Stolz des Besitzers, dieser Schutz gegen Sturm, dieser Wall gegen Schnee, diese Mauer gegen die Welt da draußen.“11 So oder so ähnlich wiederholt sie die Beschreibung immer wieder. Von Kalterherberg notiert sie: „Hinter seinen hohen Hainbuchhecken, die sich giebelhoch, mit mauerfestem Astgefüge schützend vor jedes Haus im Dorf stellen, duckte sich Heckenbroich.“ Oder sie gibt eine Abendstimmung im Dorf so wider: „Von Menschen nichts zu sehen, alles war wie ausgestorben, und doch belebt von einem heimlichen Leben, das sich hinter jenen Hecken abspielt, wie Hüterinnen eines bescheidenen, weltfernen, friedvollen Glücks.“
Barbara Krauß-Theim sieht in ihrer Dissertation über Clara Viebig aber auch andere Hintergründe für die Namensgebung: „ Der bezeichnende Ortsname „Heckenbroich“ in „Das Kreuz im Venn“ steht für Rückständigkeit und Weltfremdheit seiner Bewohner: die Bauern werden als unmündig, unvernünftig und als blind dem Katholizismus ergeben dargestellt.“12

Die schöne Helene

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Clara Viebig

Das Romangeschehen beginnt im Städtchen Monschau bei der Beerdigung des Wirtes „Zum weißen Schwan“. Gemeint ist mit dem Restaurant „Zum weißen Schwan“ das ehemalige Hotel Richter, zur damaligen Zeit ein Gasthof von Rang und Namen, in dem die Herren aus dem Fabrikanten- und Militärmilieu von Monschau und Elsenborn regelmäßig einkehrten. Im Roman heißt es: „Dem ‚Weißen Schwan’ hatten die Pfingsttage keinen geringen Trubel gebracht. Seit die Automobile aufgekommen waren, schien es bei den Belgiern Mode geworden, von Verviers über die Baraque in sausendem Tempo über Heckenbroich bis hinunter zur Kreisstadt zu fahren. Gegen diese Geschwindigkeit konnten selbst die Herren Offiziere in ihrem Krümperwagen nicht an, und wenn die Burschen noch so auf die Pferde peitschten.“ Angezogen fühlten die Offiziere sich hauptsächlich von der Wirtin, der schönen Helene.

Clara Viebig soll während der Arbeit an dem Roman regelmäßig Gast im Hotel Richter in Monschau gewesen sein. Sie freundete sich mit der Wirtin Frau Richter an, der sie als der schönen Helene im Roman ein literarisches Denkmal setzte. Diese sagte später: „Das Buch wurde ein großer Erfolg für die Dichterin. Die Herrschaften kamen aus ganz Deutschland, aus Belgien, Holland. Mit ihren großen, neumodischen Autos verstopften sie sonntags die engen Straßen, dass kaum noch ein Fuhrwerk hätte vorbeikommen können. Ja, Clara Viebig hat unser Eifelstädtchen und das Haus hier berühmt gemacht.“13

Frau Richter selbst musste jedoch unter dem Roman leiden, denn die Leser trennten nicht Wahrheit und Erdichtetes und so wurde sie wegen der Freizügigkeit der Romanfigur geächtet. Dabei entsprach das Romanbild ganz und gar nicht der Wirklichkeit. Die Wirtin präsentierte sich bestimmt nicht in der Art, wie Viebig es beschreibt: „Sie zuckte die Schultern, die unter dem neuen schwarzen Kleid, das dünn wie ein Flor war, glatt und weiß in ihrer ganzen appetitlichen Fülle durchschimmerten. Ihr Rock, auf Seide gearbeitet, rauschte und raschelte; sie legte die Arme auf das rote Kissen im geöffneten Speisesaalfenster…“ Schon bald nach der Veröffentlichung des Vennromans zerbrach die Freundschaft der beiden Frauen. Die Wirtin verbot der Dichterin das Haus.

Es ist vielleicht nur ein Gerücht, dass der berühmten Eiflerin zudem der Zutritt zu ganz Monschau untersagt wurde. Aber in Monschau und auch in Kalterherberg sah man die Schriftstellerin nun nicht mehr gerne, denn so rückständig wie Clara Viebig die Eifeler beschrieben hatte, wollte man nicht gesehen werden. Es geschah somit fast das Gleiche wie um 1900 in Eisenschmitt, wo die Dichterin wegen der entwürdigenden Beschreibung der Eifler im „Weiberdorf“ angefeindet wurde. So verkommen wie im „Weiberdorf“ werden die Frauen im „Kreuz im Venn“ allerdings nicht geschildert. Wie vor Jahren aus der Manderscheider Gegend, so zog Viebig sich jetzt gezwungenermaßen aus dem Monschauer Land zurück.

Der Eifeldom von Kalterherberg

Der Bau der Kirche Sankt Lambertus (eingeweiht 1901) wird im Roman von 1906 als abgeschlossen gesehen. Die Bewohner sind mächtig stolz auf das Wahrzeichen des Ortes: „Die Kirche war schön, die war ein Werk, auf das man stolz sein konnte. Weit ins Land ragte sie, ein stolzer Dom, stattlicher als manche Stadt sie aufwies.“

Dem Bürgermeister wird jedoch wiederholt vorgeworfen, dass man besser das Geld für den Bau einer Wasserleitung verwendet hätte. Er verteidigt sich: „Wat jeschehen is, is jeschehen, et is nix dran zu ändern. Un et is jut so. Die Kirch’ steht, Jott sei Dank! Wenn unsere Leiber als lang zu Staub zerfallen sind, wird sie noch stehen. Die überdauert uns alle.“

Die Wasserleitung

Der geschichtlich belegte und aktenkundige Bau einer öffentlichen Wasserleitung wird im Roman breit ausgefächert. Die Bewohner von Heckenbroich scheuen die Kosten für eine weitläufige Wasserleitung und vertrauen ihren alten Brunnen. Erst eine Typhusgefahr kann im Roman die Menschen von der Notwenigkeit einer modernen Wasserversorgung überzeugen.

Untersuchungen hatten damals tatsächlich ergeben, dass besonders die Orte in der Nähe des Truppenübungsplatzes von einer typhösen Verseuchung betroffen waren. So machte man neben den privaten Brunnen auch die Nachbarschaft zum 1895 eingerichteten Truppenübungsplatz Elsenborn verantwortlich und mutmaßte, dass durch die viertausend Soldaten das empfindliche Vennwasser belastet wurde.

Der Truppenübungsplatz Elsenborn

Die Soldaten in Elsenborn sind in dem Roman ganz und gar nicht von dem abgelegenen Platz begeistert: „Das war ja ein Sibirien, eine Verbannung. Nichts als Venn, endloses Venn, Moor und Himmel.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Diese gottverfluchte Gegend, diese verdammte Ödenei! Was einem hier alles passieren konnte! Wie in Südwestafrika; schlimmer war’s in den Wüsten und bei den Hottentotten auch nicht als hier in der Heide und im Moor.“

Laut Viebig stammte das Geld für den Kirchenbau aus dem Landverkauf für das Gebiet des Übungsplatzes: „Hätten wir den Militärübungsplatz nit hier oben und nit dat viele Jeld für unser Land jekriegt, wir hätten auch unsre neue schöne Kirch nit bauen können, unsre schöne neue Kirch.“ Dass Pfarrer Arnoldy und die Kalterherberger Katholiken jahrelang –auch in schlechten Zeiten - unermüdlich für den Bau spendeten, erwähnt Clara Viebig nicht.

Das Gefangenenlager

Eine große Rolle spielt in dem Roman ein Gefangenenlager - das „Haus mit dem roten Ziegeldach“-, das außerdem Hauptthema in den Novellen „Der Wolf“ und „Die letzte Nummer“ ist. Geschichtlich ist belegt, dass die Sträflingskolonie im Jahre 1900 zur Kultivierung des Venns eingerichtet wurde. Die bisher ertraglosen Flächen sollten eine gute Klee- und Grasernte erzielen und neue Weideplätze schaffen. Die “Heckenbroicher“ waren nicht gerade begeistert von der Nachbarschaft der Gefangenen und fühlten sich von allen Seiten bedroht: „Im Rücken die Sträflingskolonie – von der einen Seite das Lager – von der anderen die Helene – eine böse Umzingelung für Heckenbroich! Dass der Teufel sie alle miteinander hole!“

Viebig beschreibt sehr drastisch und überzogen das Haus, die Gefangenen sowie die unmenschliche harte Arbeit, die miserablen Schlaf- und Wohnbedingungen. Kein Wunder, dass nach Veröffentlichung des Romans eine Gegendarstellung erfolgte und ein Bild, wie es der Wirklichkeit entsprach, dargestellt wurde. Es heißt in dem Artikel über die Dichterin: „Wie reich ist doch die Phantasie einer Frauenseele, wenn es sich um das ihr fremde Gebiet eines Gefängnisses handelt!“14

Dass die Dichterin sich jedoch in der Gaunersprache auskennt, zeigt sie mit vielen geheimsprachlichen Ausdrücken, die sie für die Milieuschilderung der Gefangenen und als „Kolorit der Verbrecherwelt“ einflicht. Unter anderem gebraucht sie folgende Spottnamen: Ganeff (Dieb, Ganove), Süßchenbecker (Rossschlächter), Kochemer (Kluger, Kenner der Gaunersprache), Achelpeter (gewöhnlicher Mensch, der nur ans Essen denkt), Pracher (Bettler), Schnorrer (Bettler, Landstreicher), Schlemihl (Pechvogel), Schaute (Narr, Einfaltspinsel), Freischupper (Betrüger, Falschspieler), Torfdrücker (Taschendieb), Betnoster (Betbruder), Paternapgacker (jemand, der ständig „paternollt“, betet.)15

Die Lumpenfabrik

Zur Milieuschilderung der Dorfbewohner nutzt Clara Viebig im Roman eine Lumpenfabrik des Fabrikbesitzers Schmölder, in dem die Mädchen von Heckenbroich unter menschenunwürdigen Bedingungen ein karges Brot verdienen. Hier sind die Zustände unzumutbar. Bei Clara Viebig sitzen die Mädchen auf den Lumpensäcken, wenn sie in der Mittagspause „ihren Happen verzehren mit schmutzigen Fingern, die Kehle trocken vom gefährlichen Staub.“

Folgendes über die Fabrikmädchen aus Kalterherberg ist in einem Bericht über Pfarrer Arnoldy zu erfahren: „Gleich nach der Schulentlassung gingen die Mädchen zur Fabrik nach Monschau, in der Lumpen sortiert und zur Weiterverarbeitung vorbereitet wurden. Sie arbeiteten zehn Stunden am Tag, dazu kam der Hin- und Rückweg von zwei Stunden – im langen Winter bei Eis und Schnee, das ganze Jahr über in Sturm und Regen. Sie verdienten pro Woche sieben Mark, später zehn Mark.“16

Eine Lumpenfabrik auf Dreistegen bei Monschau wurde 1770 erbaut und 1863 von Alexander Arnold Scheibler in eine Kunstwollfabrik umgewandelt. Das inzwischen ruinöse Gebäude beherbergte ab 1957 eine Kunststopferei.

Volksfrömmigkeit

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Clara Viebig

Die streng protestantisch erzogene Clara Viebig greift in ihren Werken immer wieder die Volksfrömmigkeit der katholischen Eifelbevölkerung an und zieht besonders die Geistlichkeit ins Lächerliche. Es ist daher eine Ausnahme, dass der hoch geachtete Pfarrer Gerhard Joseph Arnoldy, von 1869 bis 1914 Pfarrer in Kalterherberg, im Roman nicht vorkommt, obwohl er für die Entwicklung Kalterherbergs eine prägende Rolle gespielt hat. Auch als Errichter des Kreuzes auf der Richelsley tritt er nicht in Erscheinung; er wird also von einer Beurteilung der Dichterin verschont, aber es werden auch nicht seine Verdienste gewürdigt. Mit einer kritischen Beschreibung hätte Viebig sich sicher den grimmigen Unmut aller Kalterherberger zugezogen. Durch Angriffe in der Vergangenheit war sie hier vorsichtig geworden. In der Novelle „Die Primiz“, die ebenfalls in Kalterherberg spielt, rollt Viebig jedoch das Priestertum kritisch auf.

In vielen Novellen beschreibt Clara Viebig das Wallfahrtswesen. In der Novelle „Das Kind und das Venn“ erzählt sie von einem Jungen, den das Venn depressiv und stumm macht. Zuerst pilgert die Großmutter wöchentlich mit dem kleinen Gerret „niederwärts nach der Richelsley, dem Riesenstein im Venn, wo – größer als ein Mensch – das wundertätige Muttergottesbild in bunten Gewändern im Felsspalt steht.“ Doch die Bittgänge zur Richelsley bleiben ergebnislos. So macht die Mutter sich schließlich mit dem Sohn auf nach Mariawald. Gerret erhofft sich allein durch den schönen Namen „Mariawald“ Hilfe. Doch er findet im Angesicht eines Mönches nur sein eigenes Elend gespiegelt: „Das war dieselbe unermessliche Einsamkeit, die ihn immer anstarrte, alltäglich, stündlich. Dieselbe starre Öde. Dieselbe ewige Traurigkeit… auch hier war das Venn, das Venn!“

Im Roman „Das Kreuz im Venn“ wallfahrt die junge Bäreb mit ihrem kranken Brüderchen nach Echternach. Vom Monschauer Land sind um 1900 Wallfahrten nach Heimbach, Moresnet, Kevelaer, Steinfeld und Hollerath belegt. Echternach war damals für die Bewohner des Monschauer Landes kein allgemeines Wallfahrtsziel. Entspricht hier also das Romangeschehen nicht der Wahrheit, so ist die Beschreibung der Springprozession ein schriftstellerisches Meisterwerk: „Das ist eine Musik! Sie dreht einem die Seele im Leibe herum, sie lockert alle Gelenke, die Füße heben sich wie von selber im Takt; es geht gar nicht anders, man muss mit, muss hüpfen, springen, da hilft kein Widerstand. Alte werden zu Jungen, Gichtgeplagte zu munteren Böcklein. Fünf Schritte vor und drei zurück - man kommt nicht aus der Stelle und springt doch so hoch, springt, springt, springt – fünf vor und drei zurück.“

Dieses Springen vorwärts und zurück wurde jedoch als falsch tradierte Beschreibung widerlegt; der richtige Schritt geht vorwärts seitlich nach links, dann vorwärts seitlich nach rechts.17

Das Venn

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Cover Das Kreuz im Venn

Der Roman „Das Kreuz im Venn“ hat – wie gezeigt – mehrere Handlungsstränge. Eine einzige Hauptperson gibt es in dem Vennroman nicht. Das Hauptelement und damit der eigentliche Held des Romans ist das Venn an sich, das Viebig in vielen Facetten beschreibt: „Von hier aus gesehen war die Heide ein Meer mit Wellen und Wellchen, und die Sonne tauchte unter wie ins große Wasser, die ganze Flut rot färbend mit ihrer Glut.“ Immer wieder ergötzt sie sich an diesen „Wellen und Wellchen“: „Wie ein Meer mit Wellen und Wellchen, eine Flut, endlos, ohne Ufer, ohne Begrenzung dehnt sich das Venn, und der Wagen fährt wie ein winziger Nachen in die Unendlichkeit.“ Und an anderer Stelle schwärmt sie: „Röter und röter erglühte die Heide. Ihr Braun ward jetzt tiefpurpurn, von einer solchen Kraft des Leuchtens, dass der Himmel blass und farblos dagegen erschien. Von dem Sonnenball war nichts mehr zu sehen, er war versunken; aber röter, noch immer röter flammte das Heidekraut und alle Lachen im Venn flammten mit.“ Den „Zauber der stillen Venndörfer“ stellt sie dar „wie Oasen, grünen Tellern gleich, die im roten Heidenmeer schwimmen.“

Der Romantitel ist nicht unbedingt das Hauptthema, aber das Kreuz im Venn wird immer wieder eingeblendet. So schreibt Clara Viebig: „Nur um das Kreuz der Marienley war es noch hell, als habe sich alles Licht des scheidenden Tages darum versammelt. Schwarz hob sich die Kreuzesform vom Goldgrund ab.“

Im letzten Satz des Romans lässt Clara Viebig nochmals das Kreuz im Venn aufleben: „Aber hinter ihnen ragte das Kreuz der Ley, das einzige Ragende auf der weiten Fläche. Das alles Überragende – das Wahrzeichen im schwarzen Land.“

Quellenangabe und Anmerkungen

1 Insgesamt sind 49 Bücher in elf verschiedenen Sprachen von Viebig bekannt, Archiv Dieter Heimer, Daun, Auflistung siehe unter www.sophie-lange.de Clara Viebig
2 Clara Viebig: Aus meinem Leben In: Heimat , 1914, Seite 7
3 Dieter Heimer: Erstausgaben von Clara Viebig. In: Gero von Wilpert & Adolf Gühring: Erstausgaben Deutscher Dichtung, 2. Auflage 1992, Seite 1533/34/35
4 Hermann Althoff, Eicherscheid: Das Kreuz im Venn. In: Das Monschauer Land Jahrbuch 1981, Seite 157
5 Ludwig Mathar: Herr Johannes, München 1930, Seite 310
6 René Maus: Clara Viebig und die Gemeinde Manderfeld. In: Eifeljahrbuch1961, Seite 114
7 Clara Viebig: Morgen im Venn. In: Illustrierte Zeitung. Rheinnummer vom 9. April 1908, Privatarchiv Peter Kämmereit
8 Clara Viebig: Ganz nahe bei Berlin. In: 8 Uhr-Blatt Nürnberg. In: Mein Leben. Autobiographische Skizzen, Hrsg. Christel Aretz, Hontheim 2002, Seite 190
9 Wiener Neue Freie Presse, 1903
10 P. Görg, Pfarrer, Großlittgen, Eifel: Die Objektivität und Realistik in Klara Viebigs Eifelwerken. In: Die Bücherwelt, März und April 1907, Archiv Heimer
11 Maria-Regina Neft: Clara Viebigs Eifelwerke (1897-1914) Imagination und Realität bei der Darstellung einer Landschaft und ihrer Bewohner, Münster 1997, Seite 61, siehe auch bei http://books.google.de/
12 Barbara Krauß-Theim: Naturalismus und Heimatkunst bei Clara Viebig, Dissertation, Frankfurt 1992, Seite 169
13 Fritz Bleckmann: Die schöne Helene. In: Eifel-Kalender 1954, Seite 35
14 Montjoie’r Volksblatt. Organ für die katholischen Interessen von Montjoie und Umgegend, 31.12.1910, zitiert bei Neft
15 Georg Schuppener: Süßchenbäcker & Co. Gaunersprachliches in Clara Viebigs „Das Kreuz im Venn“, Seite 41-58. In: Christian Efing/Corinna Leschber (Hrsg.): Geheimsprachen in Mittel- und Südosteuropa, Frankfurt am Main, 2009
16 Johannes Alt, Kalterherberg: Pfarrer Arnoldy und sein Kalterherberg. In: Das Monschauer Land Jahrbuch 1974, Seite 116
17 Alois Döring: Rheinische Bräuche durch das Jahr, Köln 2006, Seite 242

Fotos – Copyright Dieter Heimer, Daun