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Neues über die Eifeldichterin Clara Viebig


Bücher, Bühnenstücke und andere Veröffentlichungen
von Dieter Heimer und Sophie Lange
in: Heimatkalender 2011 Eifelkreis Bitburg-Prüm

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Clara Viebig
Die Dichterin Clara Viebig hat ein langes Leben gehabt. 1860 in Trier geboren, verstarb sie 1952 in Berlin. Dazwischen liegen 92 bewegte Jahre voller Schaffenskraft und Ehrgeiz, voller Anerkennung und Erfolg, aber auch voller Anfeindung und persönlichem Gram. Über 30 Bücher hat sie insgesamt veröffentlicht, dazu kommen zahlreiche Novellen, Erzählungen, Skizzen sowie Bühnenstücke.1
Heute bemüht man sich, Leben und Wirken der erfolgreichen Dichterin lückenlos aufzurollen, und tatsächlich finden aufmerksame Sammler noch immer in Archiven und Antiquariaten bisher unbekannte Schriftstücke der Dichterin sowie Rezensionen über ihre Bücher. Einige dieser Neuentdeckungen werden hier vorgestellt.
Das Erstlingswerk von Clara Viebig, der in Posen spielende Roman „Wildfeuer“, wurde 1896 in 66 Folgen in der Berliner Volks-Zeitung veröffentlicht, aber nie in Buchform gedruckt. Hier ist zwar schon die spätere Clara Viebig erkennbar, aber der Naturalismus hat noch nicht Einzug in ihr Werk gehalten. Die Beschreibung der Natur macht ihr auch in diesem frühen Werk bereits Freude, doch wenn sie Natur und Mensch in Einklang bringt –was ihr später so gut gelingt-, wird der Text doch recht schnulzig.2
Erst als Clara Viebig sich den französischen Romancier Èmile Zola und den Naturalismus zum Vorbild nahm, fanden ihre Werke die ausdrucksvolle Sprache, mit der sie die Menschen erreichte und faszinierte. Zur Eifelschriftstellerin wurde sie durch ihre Eifelromane, aber auch durch ihre Liebe zur Eifel. In einem „Selbstbekenntnis“ schwärmt sie von den charakteristischen Merkmalen dieser Landschaft: „Weite Heiden, über die der Wind hinseufzt – kahle Kratergipfel, im ausgebrannten Schlund ein unergründlich geheimnisvolles Maar – malerische Burgruinen in versteckten Tälern – forellenreiche Bäche und menschenleere Hochwälder – das ist Poesie.“3
Alle Bücher Clara Viebigs erreichten hohe Auflagen. Das größte Aufsehen erregte die naturalistische Dichterin 1900 mit dem Eifelroman „Das Weiberdorf“, der in Eisenschmitt spielt. Es waren nicht nur Lobesworte, die Clara Viebig für diesen Eifelroman erhielt, sie musste sich ebenso heftige Anfeindung und Häme gefallen lassen. Die Kritiken übertrumpfen den Seitenumfang des Eifelromans bei weitem. Folgender Text möge als Beispiel dienen: „Besonders Eifelleute, welche sonst die redende Kunst nicht in dem Maße beachteten, fällten besonders scharfe und zornige Urteile, wenn die Rede auf das „Weiberdorf“ kam.“4 Vor allem die Geistlichkeit der katholischen Kirche wetterte gegen die offene Sprache der Dichterin. Sie sprach von „abstoßender Wirklichkeit“ und „sinnlicher Rinnsteinkultur.“5Eine besonders ausführliche und harsche Kritik, die eher einer Hasstirade ähnelt, schrieb der katholische Pfarrer P.Görg aus Großlittgen, der die Meinung vertrat, dass „die Eifelwerke Viebigs nicht bloß für katholische, sondern auch für gläubig-protestantische Kreise unbedingt abzulehnen“6 seien.
Wort für Wort und Satz für Satz hat der kritische Geistliche die Romane „Kinder der Eifel“, „Das Weiberdorf“, „Rheinlandstöchter“ und „Vom Müllerhannes“ akribisch auseinander gepflückt. Viebigs Beschreibungen der Landschaft, der Wege, der „Hütten“, des Eifeler Dialekts und des bäuerlichen Leben sowie die Darstellung der Mentalität der Eifeler Bevölkerung greift er erbarmungslos an. Viele seiner Kritikpunkte lassen sich jedoch widerlegen, von den Schmähungen ganz zu schweigen.
Sicher ermahnten die Pfarrer ihre Pfarrkinder, das „Weiberdorf“ nicht zu lesen. Auf den päpstlichen Index Librorum Prohibitorum wurde das Buch aber nicht verdammt, auch wenn das bis heute noch immer fälschlicherweise behauptet wird.7

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Novellen und Skizzen
Neben ihren Büchern erschienen zahlreiche Novellen und Skizzen von Clara Viebig in den unterschiedlichsten Zeitschriften und Anthologien. Es seien hier nur ein paar bisher wenig bekannte Veröffentlichungen aufgezählt:
Jugend, Münchener Illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben (u.a. Die Rosenkranzjungfer, 9. Mai 1896,
Die Einzige, 23. Oktober 1897)
Trowitzsch’s Volkskalender (Die Nachtigall, 1897)
Velhagen & Klasings Almanach (Das Ei der Sommer, o. J.) Gartenlaube Kalender (Der alte Fritz, 1912)
Illustrierte: Uhu (Gesichter aus einer deutschen Landschaft, Februar 1921, mit Fotos von August Sander)
Frauenalmanach, (Marlene, 1924)
Scherl-Kalender (Eifelbilder, 1927)
Das Magazin (Mai. Eine Plauderei zum Frühling, 1929)
Frauen schreiben (Das Kind, 1932)
Die Woche – (Die kleine Stadt, 22.11.1930 und weitere Artikel)

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Bücher im Ausland
Clara Viebigs Bücher hatten nicht nur in Deutschland Erfolg, sondern auch in anderen Ländern und Sprachen. Sie wurden übersetzt in Englisch, Französisch, Niederländisch, Norwegisch, Finnisch, Schwedisch, Tschechisch, Dänisch, Lettisch, Ukrainisch, Italienisch, Spanisch und Russisch. Auch im asiatischen Raum sollen ihre Romane Einlass gefunden haben. Die Dichterin selbst hat in einem Interview erklärt: „Meine Werke sind in alle Kultursprachen übersetzt. Sie erschienen auch in Japan und in China. Nur die Türkei schloss sich aus.“ 8 Bisher sind aber – soviel bekannt – keine chinesischen oder japanischen Bücher aufgetaucht.
Folgende Eifelromane wurden übersetzt und fanden im Ausland viele Leser:
Kreuz im Venn (niederländisch, schwedisch)
Weiberdorf (niederländisch, französisch, tschechisch)
Vom Müller Hannes (tschechisch)
Einer Mutter Sohn, (englisch und norwegisch)
Unter dem Freiheitsbaum (niederländisch)
Die goldenen Berge wurden auf Englisch in England und in Amerika vertrieben.
Besondere Erwähnung verdient ein Clara Viebig-Buch, das in Amerika als Schullektüre eingesetzt wurde: Der Gefangene, 1931, aus dem Novellenband „Franzosenzeit“ von 1925. Das in New York herausgegebene Buch enthält neben dem deutschen Text, Vokabeln und Erklärungen auch ein englisches Vorwort (Preface) von O. S. Fleissner und E. Mentz-Fleissner vom Wells College in Aurora, New York. Diese Schule ist „a private liberal arts college and an exquisite campus in the heart of the finger lakes region of New York“.

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Theater
„Ein Theatererfolg ist mehr wert als hundert Bücher.“ Das sagt eine Berliner Schriftstellerin in Clara Viebigs vorherrschend biographischem Roman „Es lebe die Kunst“ (1899). An anderer Stelle ist zu lesen: „Nur das Theater macht berühmt!“9
Dem Theater gehörte Clara Viebigs große Liebe; es war allerdings eine unglückliche, unerwiderte Liebe. In einem Bericht von 1910 zu Claras 50. Geburtstag erfahren wir über ihre Begeisterung für die Bühne: „Es ist die alte unstillbare Epikersehnsucht nach dem Theater, von der auch Clara Viebig robust gepackt worden ist. Und sie hat denn auch einige Expeditionen ins gelobte Theaterland unternommen, freilich bisher ohne das rechte Glück.“10
Ihren ersten Theaterversuch unternahm sie mit dem Stück „Barbara Holzer“. Nach der Lektüre von Zolas „Germinal“ fühlte Clara Viebig sich „wie im Taumel“. Aus dieser Euphorie heraus schrieb sie 1896 ihre erste naturalistische Novelle: „Die Schuldige“. Die Geschichte dazu hatte sie auf den Eifelreisen mit ihrem Onkel Mathieu erfahren, zusätzlich nimmt die Novelle die Genovevasage als Hintergrund auf. Schon lange hatte Clara diesen Stoff mit sich herumgetragen. Jetzt schrieb sie die Erzählung innerhalb von zwei Tagen. Aufgenommen in dem Sammelband „Kinder der Eifel“ wurde diese Novelle 1897 ihr erster großer Erfolg. Gleichzeitig hatte sie das Thema zu einem Bühnenstück bearbeitet, jedoch mit einigen Änderungen. So ist aus dem „tiefblickenden“ Staatsanwalt Milde „sinngemäßer ein Landesgerichtsrat Mathieu geworden.“11
Unter dem Titel „Barbara Holzer“ wurde die Eifelnovelle 1896 in der „Freien Volksbühne“ in Berlin und 1897 im „Deutschen Schauspielhaus“ in München aufgeführt, denkbar auch noch in anderen Städten. Ein Problem war es allerdings, dass das Schauspiel in Moselfränkischem Dialekt geschrieben ist, was für die städtischen Schauspieler kaum zu sprechen war. Vorgetragen im Berliner oder Münchener Slang war das Geschehen dann für die Zuschauer kaum nachzuvollziehen.
Eine späte Wiederentdeckung erhielt das Stück „Barbara Holzer“ im Jahr 1976, als 25 Spieler der Studiobühne der Universität Köln im Rheinischen Freilichtmuseum des Landschaftsverbands Rheinland in Kommern das Drama aufführten. Die erweiterte Inszenierung im Freien erhielt viel Beachtung.12
Das im Jahr 1899 erstmals veröffentlichte Bühnenstück „Die Pharisäer“ ging in Hamburg erfolglos über die Bühne. Die Schriftstellerin nennt die Aufführung in einem Brief „Hamburger Fiasko“ und „Durchfall der Pharisäer“.13
In Bremen wurde das Stück 1899 von einem „abfälligen Schicksal bewahrt“. Der Anthroposoph Rudolf Steiner, mit dem Clara Viebig persönlich bekannt war, schrieb zum Pharisäer, das manchmal als Komödie und manchmal als Drama charakterisiert wird, eine durchaus positive Kritik: „Das Drama hat den Vorzug wahrer dramatischer Kunstwerke: es trägt den Stempel der Aufführbarkeit in jeder Szene an sich. Es erhebt sich turmhoch über die meiste dramatische Produktion der Gegenwart.“14
Als die „Pharisäer“ in München aufgeführt wurden, war man jedoch ganz anderer Meinung: „Im Münchener Schauspielhaus kam es bei der Erstaufführung von Klara Viebigs Komödie „Pharisäer“ zu einem Theaterskandal. Die Zuschauer pfiffen und johlten, und die Darsteller gaben das Spiel von vornherein verloren. Mag die Komödie im Ganzen verfehlt sein, man hätte Klara Viebig wohl mehr Achtung bezeigen können.“15
Einen solchen dramatischen „Durchfall“ beschreibt Clara Viebig im Roman „Es lebe die Kunst“ von 1899. Ob das hellseherisch vor dem „Drama“ der Münchener Aufführung geschah oder rückblickend auf eigene leidvolle Erfahrung basiert, muss offen bleiben.
Der vierteilige Zyklus „Kampf um den Mann“ von 1903 fand 1905 seine Premiere in Amsterdam. Der Teil „Die Bäuerin“, entstanden aus der Novelle „Die Rosenkranzjungfer“, hatte einen „starken berechtigten Erfolg“ und wurde in den späten 1920er Jahren „several hundred times“16 aufgeführt.
In Berlin wurden die Zyklen in der Freien Volksbühne aufgeführt. 1905 spielte dort die erfolgreiche Theaterschauspielerin Rosa Bertens (1860-1934) die Hauptrolle in „Fräulein Freschbolzen, „ein kleines Kabinettstück, naturalistischer Milieu- und Sittenschilderung“, das die Zuschauer begeisterte: „Man atmet selbst die stockig dumpfe Atmosphäre, fühlt all den Jammer gebrochener Lebenslust im Herzen mit.“17
„Das letzte Glück“ wurde am 23.04.1909 in Frankfurt aufgeführt. Die knappe Beurteilung: Erfolglos! Für die Vorstellung war die Dichterin bei der Einstudierung selbst dabei. Sie begeisterte sich und schwärmte: „Köstlich, dieses unsichere, erregende und verwirrende Vorgefühl bei den Proben, wenn man dem Ungewissen zusteuert, wenn Verfasser und Darsteller eine enge, dem Ziel geweihte Interessengemeinschaft bilden. Ich habe den Frankfurter Schauspielern ihre Rollen vorgespielt, zu Hause und auf der Bühne, ich habe sie zu nehmen gewusst und ich habe damit erreicht, dass sie für meine Sache eintraten wie für ihre eigene. Ich habe mich denn auch gar nicht losreißen können. Immer war ich wieder in der Nähe des Theaters, wie der Verbrecher, der ja auch stets von neuem den Schauplatz seiner Untat aufsucht.“
Aber trotz des persönlichen Engagements der Dichterin brachte „Das letzte Glück“ der Dichterin kein Glück. In Amsterdam in der niederländischen Übersetzung wurde das Stück jedoch wohlwollender beurteilt.
Durch diverse Theater-Misserfolge ließ die Dichterin sich nicht entmutigen. Der große Erfolg des Romans „Das Weiberdorf“ sollte auf den Bühnen als Schwank in drei Aufzügen mit dem Titel „Pittchen“ seine Fortsetzung finden. Man rechnete hier wohl mit einem internationalen Erfolg, denn es heißt auf der Titelseite: „Übersetzungsrecht für alle andern Sprachen vorbehalten. Für sämtliche Bühnen Deutschlands und Österreich-Ungarn im ausschließlichen Debit der Firma Egon Fleischel & Co.; Berlin erschienen, von der allein das Recht der Aufführung zu erwerben ist.“
Dieses Theaterstück sollte nach Clara Viebigs Vorstellungen in Düsseldorf uraufgeführt werden. Leider wurde ihrem Wunsch nicht entsprochen. Doch am 21. November 1909 konnte „Pittchen“ in Berlin an der „Neuen freien Volksbühne“ Premiere feiern.
Der „Lokalkolorit“, (wie C.V. es in „Es lebe die Kunst“ nennt) fehlt in der Komödie „Pittchen“ vollständig. Ein Bezug zur Eifel wird nicht hergestellt, und auch das Weiberdorf „Eisenschmitt“ wird nicht genannt. Nur Oberkail taucht mal auf. Pittchen, in dem Roman ein gewiegter Filou, ist in dem Bühnenstück eher eine charakterschwache Figur.
Nach einigen Jahren Abstinenz vom Theater schrieb Clara Viebig die Librettos für zwei Opern ihres Sohnes Ernst. Die Oper in drei Akten „Nacht der Seelen“ wurde am 19. Mai 1922 in Aachen uraufgeführt.
Auf der Grundlage ihres Romans „Absolve te“ schuf die Eifeldichterin das Textbuch zu der nächsten Oper ihres Sohnes Ernst. „Mora“ wurde im März 1925 im Düsseldorfer Stadttheater uraufgeführt.
Zu „Mora“ heißt es: „Das Werk bewegt sich über die Grenzen der Realität. Nichts ist wirklich, nichts wirklich greifbar. Es greift in die tiefste Psyche des Seelenlebens hinein, in das Problem des Weibes. Die Mora ist ein Weib, ein unbefriedigtes, ein suchendes Weib, ein niemals findendes Weib.“18
Die Zuschauer taten sich schwer mit den bedrückenden Szenen der „Mora“ und fühlten sich „peinlich berührt“. Die Aufführung erhielt aber einen Achtungserfolg.

Kaum bekannt ist, dass Clara Viebig auch bei zwei Stummfilmen als Autorin zeichnet. Das erste Drehbuch lautet „Delila“, und wurde nach der Novelle „Simson und Delila“ aus dem Band „Kinder der Eifel“ (1897) verfilmt. Der Dreiakter ist eine französische Produktion der „Pathé frères“ und wurde in Deutschland von der Tochtergesellschaft, der Berliner Literaria-Film-GmbH, in Berlin-Tempelhof gedreht. Regie führte Eugen Illés (1879-1951), Hauptdarstellerin war Leontine Kühnberg.
In einem „Führer in das Gebiet Eisenschmitt-Himmerod“ ist die Stelle genau beschrieben, an der die Filmaufnahmen gedreht wurden: „Auf der Chaussee oder durch den Wald nach Himmerod, dann auf der Chaussee weiter bis zum ersten Waldwege rechts hinter dem Forsthause Himmerod, wo Clara Viebig’s Novelle „Simson und Delila“ an Ort und Stelle verfilmt wurde. Am ersten Waldwege, ca. 50 Schritt, befindet sich links unter den Buchen das Grab des ehemaligen Försters Rudolf Wolf.“19
Im September 1914 wurde der Film der Zensur vorgelegt und mit „Jugendverbot“ belegt.20
Der zweite Film trägt den Titel „Ein Gast aus der andren Welt“, der als Filmentwurf in „Deutsche Dichterhandschriften“21 in Claras Handschrift veröffentlicht wurde. Dieser Film ist eine Produktion der dänischen Firma Nordisk und wurde von deren Tochterfirma „Nordische Films Co Berlin“ in Deutschland hergestellt.
In einer Kritik heißt es zu dieser Lebensgeschichte eines Zuchthäuslers: „Der Inhalt balanciert bedenklich zwischen Kitsch und Unnatürlichkeit, wenn er auch immerhin eine dichterische Idee behandelt.“22 Der Gesamteindruck wird als „ergreifend“ beurteilt. Dem nordischen Hauptdarsteller Aage Hertel wurde in dieser Rolle „eine Meisterleistung mimischer Darstellungskunst“ bescheinigt.
Nach diesen Ausflügen in die Theater- und Filmwelt widmete sich Clara Viebig wieder ganz dem Schreiben von Novellen und Romanen. Jahr für Jahr kam ein neues Werk von ihr auf dem Markt. Ihr letzter Roman unter dem Titel „Der Vielgeliebte und die Vielgehasste“ erschien im Jahr 1935.

Die Schriftstellerin war nun 75 Jahre alt und hatte sich einen ruhigen, gesicherten Lebensabend verdient. Doch die Jahre bis zu ihrem Tod 1952 waren von Zwietracht, Einsamkeit und bitterer Armut geprägt.
Das Verhältnis zwischen Mutter und ihrem einzigen 1897 geborenen Sohn Ernst war immer voller Spannungen gewesen. Es wird von dauerndem Streit und heftigen Tumulten im Viebig-Haus berichtet. Als Ernst einmal während eines Urlaubs der Eltern wertvolle Gegenstände aus der Wohnung „plündern“ wollte und von den Hausangestellten daran gehindert wurde, schoss er wahllos mit einer Pistole um sich.23
Dabei war er ein hochbegabter Musiker, auch schriftstellerisches Talent bewies er mit seinen Memoiren. Als viel beschäftigter Kapellmeister in Berlin arbeitete er u.a. mit Größen wie dem legendären Max Reinhard zusammen. Er war aber eine schillernde Persönlichkeit von unstetem Charakter. Spielleidenschaft, zahllose Frauengeschichten, zweifelhafte Freundschaften und ständige Geldnot kennzeichneten sein Leben in der Hauptstadt. 1934 wanderte er nach Brasilien aus. Ob er nun als Halbjude (sein Vater Fritz Cohn war Jude) vor den Nationalsozialisten oder vor seinen Schulden floh, wird unterschiedlich gesehen. Auf jeden Fall hinterließ er einen Riesenberg an Schulden, der nun von den Eltern abgetragen werden musste und diese an den Rand des Ruins brachten.
Als 1936 der Ehemann Fritz Cohn starb, war Clara Viebig allein. Nur ihre langjährige Haushälterin Marie Holzbaur, die ihr eine treue und vertraute Gefährtin geworden war, hatte sie um sich. 1937 besuchte sie ihren Sohn in Brasilien. Der Aufenthalt war für drei Monate geplant, doch bereits nach vier Wochen trat sie die Heimreise an. Das Wiedersehen und der Aufenthalt waren alles andere als angenehm gewesen.

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Reichskulturkammer
Wie an einem Mitgliedsausweis zu ersehen ist, wurde Clara Viebig 1939 Mitglied der Reichskulturkammer. Viele Künstler wurden während der NS-Zeit gedrängt, in die Reichskulturkammern einzutreten, damit sie keinen massiven Repressalien ausgesetzt waren und weiter arbeiten und veröffentlichen konnten.
Die Kriegszeit ab 1941verbrachte Clara Viebig mit ihrem Mariechen in Schlesien. Krank und all ihrer Habe beraubt kehrte sie 1946 nach Berlin zurück.
Zu dieser Zeit tauchte Leo Müller, ehemaliger Bürgermeister von Hillesheim, in Berlin auf. Clara Viebig kannte ihn von ihren Besuchen in den 1920/30er Jahren bei Fritz von Wille auf der Burg und in einem Landhaus in Kerpen. Müller kümmerte sich fortan um die Dichterin, zog mit seiner Frau in das Viebig-Haus ein, nannte sich Viebigs Generalsekretär und Geschäftsführer, führte für sie den Schriftverkehr, schirmte sie von der Außenwelt ab und startete Verkaufsaktionen (bereits vor ihrem Tod). Ernst Viebig warf dem „Sekretär“ vor, einen Keil zwischen ihm und seiner Mutter zu treiben, was das sowieso schon angespannte Verhältnis noch verschlechterte.
In die Schlagzeilen gerieten Müller und Viebig durch einen Prozess im Jahr 1948. Es ging einmal um eine Kündigung von Untermietern im Haus Viebig, von der die Dichterin nichts wusste, zum andern um eine erschlichene Volkskongress-Unterschrift. 24
Nach dem Tod der Dichterin 1952 übernahm Müller den Nachlass. Die komplette Viebig-Korrespondenz nach 1946-1952 kam in seinen Besitz, ist aber seither unauffindbar wie vieles andere aus dem Nachlass. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, die „Akte Müller“ hier ganz aufzurollen. Soviel sei aber gesagt: Die Dichterin war erleichtert, dass sich jemand um ihre amtlichen und persönlichen Angelegenheiten kümmerte. Der freundliche Herr Müller ließ aber bei aller Hilfsbereitschaft nie den eigenen Vorteil außer Acht.
Von den letzten Lebensjahren der Dichterin wissen wir nur wenig. Die Dichterin zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sie schien vergessen zu sein. Doch ihre Bücher waren nicht vergessen. Es folgten in den nächsten Jahrzehnten immer wieder neue Auflagen. Besonders an ihrem 150. Geburtstag 2010 zeigte sich, dass sie noch im Bewusstsein vieler Leser lebt.

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Clara Viebig 1950



Clara Viebig starb am 31. Juli 1952 in Berlin. Ihrem ausdrücklichen Wunsch folgend wurde sie im Grab des Vaters auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof begraben.

Quellenangaben:

1 Dieter Heimer: Erstausgaben von Clara Viebig. In: Gero von Wilpert & Adolf Gühring: Erstausgaben Deutscher Dichtung, 2. Auflage 1992, Seite 1533/34/35
2 C. Viebig: Wildfeuer, Roman. In: Volks-Zeitung Organ für Jedermann aus dem Volke. Berlin, 1896, Archiv Dieter Heimer, Daun
3 Clara Viebig: Selbstbekenntnis, in: Deutsche Roman-Bibliothek, Archiv Heimer
4 C. Ferdinands: Das Weiberdorf von Clara Viebig. In: Rheinische Bücher, Archiv Heimer 5 Carola Stern mit Ingke Brodersen: Kommen Sie, Cohn!
Friedrich Cohn und Clara Viebig, Köln 2006, Seite 48 6 P. Görg, Großlittgen (Eifel): Die Objektivität und Realistik in Klara Viebigs Eifelwerken. In: Die Bücherwelt, März 1907, Seite 121 und April 1907, Archiv Heimer
7 Sophie Lange „Die katholische Kirche ist sehr böse auf mich“.
In: Eifel Jahrbuch 2008.
Siehe auch: Clara Viebig stand nicht auf dem Index
8 Die Dichterin der Eifel. In: Christel Aretz (Hrsg.): Clara Viebig Mein Leben, Hontheim 2002, Seite 194, Quelle Neue Züricher Zeitung.
9 Clara Viebig: Es lebe die Kunst, Berlin 1899, Seite 186 und 282
10 Hans Land: Clara Viebig zum 50. Geburtstag, 17. Juli 1910,
In: Reclams Universum Weltrundschau, Seite 303 bis 305, Archiv Heimer
11 Prof. Dr. Reichard Maria Werner: Clara Viebig. In: Die Gesellschaft Jg. 1899 I, Seite 121, Archiv Heimer
12 Theater im Museum. In: Kreis Euskirchen Jahrbuch 1977, Seite 89 bis 90
13 Charlotte Marlo Werner: Schreibendes Leben. Die Dichterin Clara Viebig, Dreieich 2009, Seite 43
14 Rudolf Steiner: „Pharisäer“. Komödie in drei Akten von Clara Viebig.
In: Magazin für Literatur 1899, 68. Jg. Nr. 43, Seite 348-35
15 In: Theaterwoche, Archiv Heimer
16 Sarah Colvin: Women and German Drama. Playwrights and their Texts, 1869-1945, 2003
17 Freie Volksbühne vom November 1905, 10. Jahrgang, 3. Heft, Archiv Heimer
18 Zur Uraufführung von „Die Mora“: Blätter des Stadttheaters Düsseldorf, Heft 12 (März 1925, Jg. 1924/1925), Archiv Heimer
19 Glück auf Eisenschmitt, Eisenschmitt=Himmerod und seine Umgebung, zugleich Führer in das Vulkan-Gebiet der Eifel Manderscheid-Daun etc., Eisenschmitt 1926, Seite 14, Archiv Heimer
20 Mitteilung Prof. Dr. Helmut Diederichs. 22. Mai 2009, Archiv Heimer
21 Dr. Hanns Martin Elster, HG: Deutsche Dichterhandschriften: Clara Viebig, Dresden 1920
Der Gast aus der andern Welt
22 Ludwig Hamburger, Berlin: Der Gast aus der andern Welt. In: Bild & Film (M. Gladbach), Nr. 1, IV. Jahrgang, 1913/14, Seite 19-20, Archiv Heimer
23 Eidesstattliche Erklärung vom 18. April 1952, Archiv Heimer
24 Neues Deutschland, 9.4.48, Berliner Ausgabe der Münchener Neuen Zeitung, Tagesspiegel vom 9.4.48, Telegraf 9. 4. 1948, Archiv Heimer

Fotos: Archiv und Copyright Dieter Heimer, Daun