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Novelle Das Kriegsandenken

Das Kriegsandenken

Novelle von Clara Viebig
In: Naturgewalten. Neue Geschichten aus der Eifel, Berlin 1905

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Auf der Höhe gen Schmidtheim zu ist’s selbst im Sommer öde. Nicht Schatten, nicht Bäumerauschen; die Wälder sind zurückgeblieben in geschützteren Strichen, übers kahle Plateau mit seinen hungrigen Ginsterbüschen und dem verbrannten Heidekraut streicht frei der herbe Eifelwind. Jetzt ist er zum Schwert geworden, zum scharfen Schwert, das die Brust verwundet und das Gesicht zerschneidet. Es ist November. Und es schneit.

Schräg fallen die Flocken, vom Nordost getrieben; aber sie fallen dicht und unablässig und schichten die weiße Last immer höher und höher, die auf der erstarrten Erde liegt. Kein Weg, kein Meilenstein, alles ist verweht. Nur dürftige Ebereschenbäumchen ragen wie Besen aus der verschneiten Öde und zeichnen mühselig die Linie der Chaussee.

Auf der Höhe von Schmidtheim krächzen die Raben. Ein ganzer Schwarm der schwarzen Vögel treibt daher. Auf einer einsamen Kiefer fallen sie ein, schlagen mit den Flügeln, dass der Schnee von den Zweigen stiebt, und reißen gierig die Schnäbel auf. Sie erwarten Fraß.

Langsam, langsam naht ein Zug. Hinter der nächsten Schneewehe taucht er gespenstisch auf, umhüllt von Flockenschleiern; sein Ende ist nicht abzusehen, das verliert sich im weiten Meer endlosen Schnees, im gleichgrauen Dämmer des sinkenden Novembertages.

Kein Ruf, kein Wort; stumm naht der Zug. Aber die Raben krächzen triumphierend laut, frech äugeln sie die Menschen an: das sind Todgeweihte!

Niemand scheucht die Vögel.

Das Gesicht in den hochgeschlagenen Mantelkragen vergraben, den Helm tief in die Stirn gedrückt, reitet der preußische Wachtmeister voran; er ist müde, und sein Pferd ist auch müde, und verdrossen sind sie alle beide. Er sieht sich nicht um; der Karabiner hängt ihm lässig über den Rücken: von denen da hinter ihm wird keiner desertieren. Des ist er sicher.

Die Füsiliere, die, in weiten Abständen, den Gefangenentransport eskortieren, haben auch nicht Acht. Mühsam stapfen sie voran; heute hat ein jeder genug mit sich selber zu tun. Schwer nur hebt sich der Fuß aus dem tiefen Weiß; ganze Hände voll Schnee nimmt der Sturm und schleudert ihn in die kalten und doch verschwitzten Gesichter. Mit geschlossenen Augen, mit vorgebeugtem Oberkörper sucht ein jeder die Windstöße zu parieren.

In Lumpen, in Zotteln, in notdürftigen Fetzen, so wandern die Gefangenen von Metz, die Söhne Frankreichs, dem Barackenlager auf der Wahner-Heide entgegen. Der Weg dahin ist noch weit. Bis Trier hat die Eisenbahn sie gebracht; aber die Eifel durchquert noch kein Schienenstrang, da heißt es: marschieren. Tage und Tage.

Schnee liegt auf den Käppis, die roten Hosen sind zerrissen. Ihrer viele sind ohne Strümpfe und Schuhe, haben die blutenden Füße nur mit Lappen umwickelt; und alle sind sie verhungert, verfroren, verelendet.

Wie weit noch der Marsch, wie lange noch bis zum Nachtquartier?! Seit dem grauenden Morgen sind sie marschiert; nein, nicht marschiert, geschlichen wie Schnecken, gekrochen wie Würmer.

„Vorwärts - marsch!“ Das ist ein Kommando, aber niemand hört es. Der starke Eifelwind nimmt das Menschenwort und zerrupft es in nichtige Stückchen.

Jetzt setzt sich einer platt nieder und fängt an, die durchnässten Lappen von seinem Fuß loszuwickeln; andere setzen sich daneben und machen’s ebenso. Die blaugefrorenen, nackten, mageren Beine stehen im eisigen Schnee. Gutmütig gibt ein Mann von der Eskorte sein buntes Sacktuch her, aber das langt nicht; so wird noch ein Fetzen von der roten Hose dazu abgerissen. Glücklich, wer ein Stück Pferdedecke, einen Mantelfetzen zum Verband hat!

„Vorwärts!“ Weiter geht’s dann wieder. Noch immer kein Dorf, und schon kommt der Abend. Sterne lugen zwischen bleichem Gewölk vor, aber niemand sieht zu ihnen auf.

Weiter, immer weiter. Und eine tödliche Müdigkeit stiehlt sich in die Glieder. Hinlegen – hier – da – wo es auch sei – sich hinlegen, nur nicht mehr weiter müssen!

Einer bleibt zurück. Jean-Claude Durand aus Valence ist’s.

Die Ruhr hatte ihn in Metz gepackt; nun war die Schwäche der Krankheit noch in ihm. Gestern schon, auf dem langen Marsche – auf, ab – ab, auf – über unendliche Eifelwellen, getrieben vom mächtigen Wind, der längs der Schneifel daherstreicht, war er zusammengebrochen. Kameraden hatten sich bemüht, ihm weiter zu helfen – hatten sie doch auch miteinander die Qualen der Belagerung im engen Metzer Loch ausgestanden – aber hier versagte ihnen allen die Kraft. Liegen geblieben wären sie elend am Weg, hätte nicht ein Bäuerlein, das ledig daherzockelte, sie auf sein Gefährt geladen, das arme Vieh der übrigen Herde nachgebracht.

Aber heute, heute nahte kein Wagen, kein Retter.

Jean-Claude stand und lauschte. Todesstille ringsum. Die Kameraden waren weiter gewankt; kaum schleppten sie sich allein, sie merkten sein Fehlen nicht. Niemand merkte das. Ein Grausen kam ihn an, eine plötzliche Furcht – ob er rief, Hilfe schrie?! Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Nein, nicht rufen, wozu auch?! Es würde ihn niemand hören, der Schnee verschlang jeden Laut.

Ach, so müde! Langsam duckte er sich nieder – nur ein bisschen sitzen, dann würde er die anderen schon wieder einholen, die gingen langsam – huh, wie kalt! Entsetzt fuhr er gleich wieder auf, der Schnee war ihm eisig durch die dünnen Hosen gedrungen. Die Zähne klapperten ihm, und doch brannte seine Kehle heiß von verzehrendem Durst; Schnee musste den löschen. Er schlürfte und schluckte; der Magen krampfte sich ihm zusammen, in seinen Eingeweiden wühlte Schmerz. Er musste sich hinlegen, mochte es noch so kalt sein – nur hinlegen!

Über den Einsamen jagten die Schneeschauer. Unablässig musste er sich schütteln, bald diesen Arm heben, bald jenen, bald das linke Bein, bald das rechte: ganz zuschneien wollte er doch nicht. Aber warum denn die Mühe, was schadet denn eigentlich das Zuschneien?! Nur rasten, ruhen!

Jean-Claude streckte sich lang. Ah, das tat wohl, sich so zu dehnen! Die erfrorenen Füße wurden jetzt warm im Schnee. Er lag auf dem Rücken und starrte gen Himmel. Nun sah er die Sterne sie blinkten trüb durchs Schneegewölk – daheim blinkten sie anders, viel größer, viel goldener, viel freundlicher! Ach ja, in Frankreich! Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte ihn flüchtig: Frankreich würde er nicht wiedersehen – nie! Nun gut. Wenn er jetzt nur schlafen könnte, schlafen ohne zu erwachen!

Sterben – ja sterben! Das war das Einzige, wonach es Jean-Claude Durand verlangte. Er faltete die Hände auf der Brust, gerade über dem Amulett, das ihm seine Mutter umgehängt hatte. Sie hatte geweint, als er ihr adieu gesagt, und seine Liebste hatte auch geweint – nun gut, mochten sie noch mehr weinen, wenn er nicht zurückkehrte! Er konnte es nicht ändern, er war zu müde, er musste sterben.

Er hatte es eilig damit. Nur nicht mehr sich durch diese Öden schleppen, auf diesen kranken Füßen, deren Zehen voller Beulen, deren Sohlen offene Wunden waren! Und immer weiter voran, immer weiter – wohin?! In immer schrecklichere Öden, wo es nur Schnee gab, immer Schnee, so viel Schnee an einem Tage, wie er in den ganzen zwanzig Jahren seines Lebens zusammen nicht gesehen hatte.

Wenn nur der Hunger nicht so grimmig nagte! Mechanisch steckte er die Hand in die Tasche der zerschlissenen Hose – leer, keine Krume mehr darin! Nun gut. Dann gab’s eben nichts mehr zu essen, desto eher kam der Tod!

Und der junge Jean-Claude sah greisenhaft alt aus mit seinen hungrigen, blutlosen Lippen, mit seinen abgemagerten Wangen, mit seinen Blicken voll stumpfer Resignation.

Er legte sich ein wenig auf die Seite, dass der Schnee ihm nicht gerade ins Gesicht fiel, faltete die Hände wieder auf der Brust und schloss die Augen. So lag er gut; nun war er zufrieden. Mochten die Kameraden auch jetzt vielleicht schon im Quartier sein, er beneidete sie nicht, am Morgen mussten sie ja doch wieder weiter, die Armen! Er hatte es besser. Ihn legte jetzt die Mutter in ein weiches Federbett und deckte ihn bis an den Hals zu.

Er hatte auch von dem Wein getrunken, von dem feurigen roten, den er vergangenen Herbst selbst gekeltert hatte. ‚Trink, mein Kind’, sagte die Mutter ‚trink du nur, dann schläfst du gut!’ Die Krämpfe im Leib ließen schon nach. Wohlig versank sich’s in den Federn, in lauter Federn.

Und es schneite und schneite.
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„Dunnerkiel“, sagte Schmitzen Ingenatz, der mit seinem Weib hinauf gen Schmidtheim stapfte. „Dat es ’ne Schnie! Treck, treck, Frau, dat mir häm kommen met unser sibbe Saache. Kotzdonner noch ehs, treck!“

Er hatte sein Weib vor das Kärrchen gespannt, darin sie Holz geholt hatten aus dem Tal des Dahlemer Baches, waren sie doch sicher, heute bei dem Schnee nicht dem Gendarmen zu begegnen. Zudem war’s schon Abend. Sie hatten schwer geladen, ein paar ordentliche Kiefernknorren aufgepackt und unter Reisig auch noch ein paar Buchenscheite von des Försters Klafterholz verborgen. Aber nun würde es auch warm werden in der abgelegenen Hütte, durch deren zerbrochenes Fensterchen, obgleich es mit Papier beklebt war, der Wind gewaltig pustete.

„Hott, har! Treck, treck!“ ermunterte Ingenatz.

„Däu, däu!“ ächzte das Weib.

Der Schnee stemmte sich gegen die Räder. Die beiden fluchten und schimpften und stoßseufzten und strengten sich an, dass ihnen der Schweiß troff. Ihr schwollen die Sehnen am Halse daumdick vom Zerren; er drückte hinten gegen den Karren, schob, stieß und drängte mit Armen, Brust und Knien. Oft blieben sie stecken in tiefen Schneelöchern, dann nässte ihnen das kalte Weiß die Beine, aber sie machten sich nichts daraus: heut Abend noch hell loderndes Holzfeuer im Herd statt des schwelenden Torfes! Und einen Topf Zichorienkaffee würde die Hann auch bereithalten – das hatte die Mutter ihr beim Fortgehen noch eingeprügelt.

Mit der hereingebrochenen Nacht hatte der Wind sein Blasen eingestellt. Auch das Schneien hatte jetzt aufgehört, nur ganz vereinzelte Flocken stiebten noch nieder. In einer großen Klarheit spannte sich plötzlich der Himmel, hoch und kalt, in seiner unermesslichen Weite mit Sternen besät. Die blinkten und zuckten; es war etwas Grausames in dem blanken, bleichen Licht, das sie nieder sandten aufs gestorbene Bergland.
„Eweil sein mir bal dao“, tröstete Ingenatz und spuckte in die eisigen Hände. Horch, schon Hundegebell! Das waren die Köter von Schmidtheim, die die blanken Sterne ankläfften. Aber vom Dorf selbst war noch nichts zu sehen; das duckte sich in seine Mulde und sandte kein Lämpchenglimmen freundlich hinaus zum irrenden Wanderer.

Die ungeheure Einsamkeit beklemmte selbst die beiden Alten. Die Frau seufzte und schlug ein Kreuz; plötzlich tat sie einen Schrei, stolperte und fiel hin.

„Kotzdonner noch ehs, pass doch op!“ schimpfte Ingenatz. Er brachte sie kaum auf die Beine, so war sie erschrocken.

„Hei liet jemand“, flüsterte sie und drängte zurück, ihren Mann beim Kittel packend.

„Geckig Fraumensch“, brummte er. Aber dann starrte auch er – halb neugierig, halb ängstlich – auf die längliche Erhöhung unterm Schnee.

„Kuckste hei“, wisperte das Weib, „Dän Arm?! Loa dat Bein?! ’ne Mensch! Hän es dudt! Loaße mir giehn, ech sein esu angst!“

Aber Ingenatz fing an mit Händen und Füßen zu scharren: ’s war vielleicht ein Betrunkener! Und mit dem fühlte er Mitleid.

Der Frau sträubten sich die Haare – nun kam der ganze Mensch zum Vorschein. Er lag, den Kopf zur Seite gesenkt, die Hände auf der Brust gefaltet. Er rührte sich nicht. Da wagten sie es, ihm den Kopf zu wenden, und das kalte Sternenlicht schien auf ein bleiches, junges Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbärtchen unter der leicht gebogenen Nase und einer schwarzen Fliege am Kinn.

„Kotzdonner, ’ne Franzos’!“

Verdutzt sahen sich die beiden an; wie kam der hierher?! Was wussten sie von Metz, was von den Märschen französischer Gefangener durch die Eifel! Hier oben war noch niemand vorbei gekommen.

Sie untersuchten den Soldaten. In der Tasche hatte er nichts, keinen Pfennig; einen Tornister hatte er auch nicht mehr, nicht mal einen Mantel. Viel zu holen war bei dem nicht! Er fing an, ihnen Leid zu tun.

„Dat arm Luder“, brummte Ingenatz. Und die Frau meinte: man könne ihn doch nicht hier liegen lassen, im Warmen würde er vielleicht noch mal lebendig!

So luden sie ihn auf. Quer weg übers Holz legten sie ihn, und dann machten sie sich mit Seufzen, Schimpfen und Fluchen wieder auf den mühseligen Weg. Das Weib betete auch, hoffte sie doch, dass das Ziehen dann leichter gehen würde. Und es ging auch leichter; von Minute zu Minute steigerte sich die Kälte, der weiche Schnee wurde hart zu Eis, und die Last glitt darüber hin. *

Jean-Claude musste eine gute Natur haben, sonst hätte er’s nicht überstanden. Mitten in der Nacht kehrte ihm das Bewusstsein zurück. Wo war er?! Schwach die Lider hebend, blinzelte er und fand sich bei einem Herd liegen, von dem verglimmendes Feuer einen rötlichen Schein gab. Er sah rauchige Wände, fühlte unter sich eine raschelnde Streu von dürrem Laub und Moos und hörte ein zwiefaches, gewaltiges Schnarchen. Wie eine Vision tauchte vor seinem matten Geist eine endlose furchtbare Schneeöde auf, und das Grausen packte ihn wieder – sterben, ja sterben! – war er nicht schon tot?! Nein, er lebte, dies war eine Hütte, und er lag warm! Da stieß er einen schmerzlichen und zugleich doch wohligen Seufzer aus.

Ein Seufzer antwortete – oder war’s ein Gähnen?! Etwas Dunkles schob sich in den spärlichen Schein der Herdflamme – jetzt beugte es sich über ihn.

‚Maman’ wollte er lallen. Nein, das war nicht seine Mutter, eine Junge war’s! Sie lachte ihn dumm an mit breiten, weißen Zähnen.

Die Lider fielen ihm wieder zu, das rasselnde Geräusch zwiefachen Schnarchens lullte ihn in den Schlaf hinüber.

Immer, wenn das Feuer auf dem Herd zu erlöschen drohte, streckte sich ein Mädchenarm aus dem Dunkel und warf wieder Holz auf; es blieb warm in der Hütte die ganze Nacht. –

Die Hann, Schmitzen Ingenatz’ Achtzehnjährige, bekam nicht viel Schlaf bei diesem Wachdienst, aber das machte ihr nichts. Sie holte den Schlaf am Tag mit offenen Augen nach; schlief sie doch eigentlich immer, mochte sie nun den Bauern das Vieh hüten – am Rain tagelang stumm bei den Kühen sitzen – oder im Winter Reisig sammeln und auf Botengängen Männerlasten schleppen. Nie war ein waches, helles Licht in ihren Augen, die wasserblau unter weißlichen Wimpern blödeten. Jetzt sah sie nicht ganz so teilnahmslos drein. Hann war neugierig. Auf dem nackten Estrich hockend – ihre Streu hatte sie für den Fremden hergegeben – gaffte sie mit offenem Mund zu ihm hin, unverwandt, Stunde um Stunde. Ein Fremder, ein Franzos’, ein Mann, ein Soldat in ihrer Hütte! Sie brachte den Mund gar nicht mehr zu.

Als Jean-Claude am nächsten Morgen erwachte, sah er in ein sommersprossiges, breitmäuliges Mädchengesicht, dem unordentliche Strähnen von fuchsigem Haar in die Stirn fielen. Sie gefiel ihm gar nicht. Aber sie war gut zu ihm, heißen Kaffee löffelte sie ihm ein; er war noch schwach wie ein Kind und vermochte sich nicht zu rühren. Den ganzen Tag verschlief er, und schlug er dann und wann für kurze Minuten die Lider auf, so traf er immer den gleichen, stummen, starren, verwunderten Blick wasserblauer Augen. Sonst sah er nichts, sah niemanden. In der Nacht nur hörte er wieder zwiefaches Schnarchen – wer war da noch außer ihr und ihm?! Er richtete sich auf. Da kam sie gleich zu ihm herangeschlichen, hockte sich neben ihn nieder und lachte ihn dumm an.

So war es immer; er schlief und duselte und schluckte halb bewusstlos, was sie ihm einlöffelte. Aber am dritten Tag ward’s anders, da fühlte er sich wieder kräftig genug. Völlig klar richtete er sich auf: Sie war nicht da, er allein! Nun merkte er’s erst, man hatte ihn ausgezogen; in Lumpen war er eingewickelt, mit einem alten Weiberrock zugedeckt. Da hing seine Uniform an einem Nagel. Beschämt zog er sie an: wie sah er aus, ein ‚Braver’ der großen Armee?! Der Schnurrbart ganz verwildert, lauter Stoppeln im Gesicht! Seine Eitelkeit rührte sich wieder. Es war doch schön, noch zu leben, wenn man so jung ist.

Er hätte sich gern bespiegelt, aber es war nichts dazu da: nur Tisch, Bank, Bett, Herd und ein paar Kasten im Raum.

Langsam, fast scheu, ging er zur Tür – war er gefangen?!

Die Tür wich seinem Druck, aber schaudernd fuhr er zurück: da war noch dieselbe schneeverhängte, kolossale, trostlose Unermesslichkeit, durch die er sich sterbend geschleppt hatte. Ein eisiger Wind pustete ihn an und benahm ihm den Atem; alle Wärme war auf einmal fort, die Zähne klapperten ihm. O, wär’ er zu Haus, in Frankreich, in Frankreich, bei Mutter und Braut! Er verbarg sein Gesicht. Den Kopf an den Pfosten der Türe gelehnt, stand er und schluchzte.

Da fühlte er sich am Ärmel gezupft. Er sah auf: sie stand vor ihm, die nackten Füße in Holzklumpen, den Rock kurz, nur bis zur halben Wade, die Arme in Hemdärmeln fast nackt, und die Brust auch nicht wohl verwahrt.

„Hann“, sagte sie und zeigte auf sich. „Hann!“ und dann sagte sie noch mehr. Das war nicht einmal deutsch, das klang ja noch abscheulicher!

„Hann!“ Sie lachte dumm, stieß dann auch ihn mit dem Finger vor die Brust, legte den Kopf auf die Seite und gaffte ihn fragend an.

Aha – jetzt verstand er – sie wollte wissen, wie er hieß!

Und er sagte: „Jean-Claude“, mit einer leichten Verbeugung und strich sich den Schnurrbart.

In ihre blöden Augen schoss ein plötzlicher Strahl, die Flügel ihrer Stumpfnase blähten sich; die raue Stimme zu sanften Tönen dämpfend; wiederholte sie: „Schang-Kelod“, strich über seine rote Hose, seinen blauen Rock und lachte kindisch entzückt.

Sie blieben nebeneinander auf der Schwelle stehen; er, in kläglichem Frostgefühl, die Hände in den Taschen einer weiten Hose vergrabend, sie die nackten Arme in den Lumpen von der Schürze gewickelt. Stumm schauten sie so hinaus in die Schneeeinsamkeit, die kein Weg durchquerte, keine Gestalt belebte. Weit in der Runde war nichts zu erspähen. Kein Dorf, kein Haus, kein Schornstein, kein Rauch, nicht einmal Wald mit schützenden Ästen; nur kahle Öde in schwachen Wellenlinien, die sich im weißgrauen, trostlosen Horizont verliefen. Nichts war zu hören: kein Ruf, kein Peitschenknall, kein Kuhbrüllen, einzig das misstönende Gekreisch von ein paar Krähen, die sich dort, unterm schneebelasteten Kieferngestrüpp, um eine tote Maus zankten.

Schauer auf Schauer lief dem Franzosen über den Rücken. Unwillkürlich hielt er sich dichter zu ihr. Der Verlassene glaubte, in ihrer Nähe wenigstens die Kälte nicht so sehr zu verspüren.
Da rief jemand: „Hann!“ und rasch lief sie ins Haus.

Gleich darauf bog um die Erdwelle, die die verfallene Hütte im Rücken stützte, Schmitzens Ingenatz. Hinter dem Buckel mit dem eingestürzten Stollen der alten Eisensteingrube lag unten in der Mulde das Dorf, und da kam Ingenatz her. Nicht, dass er der Obrigkeit den Gefallen hatte tun wollen, ihr den Franzosen zu verraten - was ging ihn der Krieg an, der arme Teufel da war sein Feind nicht – aber was sollte der stumme Fresser in seiner Hütte?! Brot, Platz, Feuer, alles war rar. Und der war nun ausgeruht, der musste marschieren. Morgen früh würde der Gendarm den Franzosen fortschaffen.

Ob die Tochter etwas ahnte?! Den ganzen Tag strich sie um den Fremden herum. Wohin der auch die Augen wandte, immer begegnete er dem starrenden Blick ihrer blöden Augen. Der Soldat vergaß, dass sie so garstig war – sie war doch ein Mädel – und als das alte Weib am Abend mit ihr zankte und ihr gar mit harter Hand ins sommersprossige Gesicht schlug, lächelte er ihr zu.

Und Hann griente wieder und zeigte die breiten Zähne; und als sie die Ziege gemolken hatte, nebenan im erdgedeckten Verschlag, und ihm heimlich einen großen Topf Milch brachte, berührten ihre Finger scheu die seinen, um dann plötzlich zuzutappen und seine Hand mit raschem, heftigem Druck zu packen. –

In dieser Nacht schlief Jean-Claude nicht wie in den vorhergehenden Nächten, in denen die Erschöpfung stärker gewesen war als Ungewissheit und Unbehagen. Er lag noch wach, als längst das zwiefache Schnarchen dröhnte, und sah mit unruhigen, aufgeregten Augen ins undurchdringliche Dunkel hinein. Das Feuer im Herd war erloschen; ihn fror, dass er zitterte. Er seufzte und warf sich.

Da raschelte die Streu neben ihm – das war das Mädchen! Er wusste es gleich. Ihre Haare kitzelten seine Wange, sie schmiegte den blutvollen Körper an seinen kalten, dass es ihn anfing wohlig zu durchwärmen.

Er ließ sich’s gefallen.

Da fing sie an, ihn zu küssen. -----

Als der gefangene Franzose am nächsten Morgen – es war noch früh, kaum graute der Tag – gesenkten Kopfes hinter dem Gendarmen aus der Hütte trottete, in alten Schmierstiefeln, die Ingenatz ihm zum Abschied geschenkt, in eine Flickendecke gewickelt, die das grobe Weib noch gespendet hatte, stand Hann am Ziegenverschlag. Sie glotzte ihm nach, solange sie ihn sehen konnte, bis er verschwunden war im leblosen Schnee, als wäre er nie gewesen.

Die nackten Arme in die Schürze gewickelt, die bloßen Füße in Holzklumpen, die sommersprossigen Backen blau gefroren, mit den weißbewimperten Augen zwinkernd, stand sie da und lachte dumm. Dann aber lief sie in die Hütte, nichts war da, als beim Herd die zerdrückte Streu von Moos und Laub, nichts mehr von ihm! Und sie ließ die Lippe hängen, kauerte sich in einen Winkel, warf die Schürze über den Kopf und heulte. –

Aber viele Monate später, als der Sommer zur Rüste ging, griente Schmitzen Hann wieder übers ganze Gesicht, so wie sie gegrient hatte, als die Eltern den hübschen Franzosen für tot in die Hütte getragen hatten. Sie kam eines Abends von der Weide heim zwischen den Kühen mit ihrem Jungvieh, umstrahlt vom letzten Sonnenrot, und trug in ihrem Lumpen von Schürze was ganz Lebendiges.

Die Prügel des Vaters und das Schimpfen der Mutter taten ihrer Freude keinen Eintrag. Am Ende gewöhnten sich auch die Alten daran und ließen Prügeln und Schimpfen sein.

Sie riefen den kleinen Jungen: Schang-Kelödchen. ‚Schang-Kelod’ hatte der Franzose geheißen, das wusste Hann.

Und wenn sie auf ihren Botengängen, mit schweren Männerlasten bepackt, heimgekehrten Siegern begegnete, die stolz mit Kreuz und Medaille prahlten, dann lachte sie und zeigte die breiten Zähne. Auch sie hatte ein Andenken an den großen französischen Krieg – das Schang-Kelödchen.

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