Sie sind hier: Startseite  » Clara Viebig - die Eifeldichterin » Weiberdorf 2000


Weiberdorf 2000

Clara Viebig und das Weiberdorf 2000

Auszug aus dem Roman „Weiberdorf 2000“ von Sophie Lange, 1998, Rhein Mosel Verlag http://www.rmv-web.de

Foto Cover Buch "Weiberdorf 2000"

Foto Cover Buch "Weiberdorf 2000"


2. Sonntag, 17. Dezember 1899
„Setzt euch um den Tisch, ich lese euch etwas vor“, sagte Bärbchen zu ihren Geschwistern. Sie hatte das Geschirr gespült, die Küche gesäubert, das Jüppchen zum wiederholten Mal gewaschen und schließlich die Kinder um sich versammelt. Auch die Jött kam hinzu. Unruhig zitternd lagen ihre Hände auf dem Küchentisch.

„Was liest du uns denn vor?“ fragte Gretchen. Bärbchen öffnete eine Schublade im Küchenschrank. Viel Auswahl an Lesestoff hatten sie nicht: die Bibel, ein dickes Buch über die Heiligen, ein altes Lesebuch, ein „Führer zum Glück für Jungfrauen“, „Das häusliche Glück“ und eine alte „Stadt Gottes“.

Bärbchen blätterte in dem alten, schon stark zerflederten Lesebuch. Einige zusammen gefaltete Zeitungsblätter fielen heraus.

„Wir möchten hören, was darauf geschrieben steht“, meinten Gretchen und Kätchen wie aus einem Munde. Bärbchen faltete die losen Blätter sorgfältig auseinander. Sie waren aus einer Frankfurter Zeitung ausgeschnitten. Der Vater mochte sie mal mitgebracht und ins Lesebuch gesteckt haben. Bärbchen warf einen Blick auf die einzelnen Artikel. Die Wörter „Eifel“ und „Schriftstellerin“ sprangen ihr in die Augen. Nun nahm sie ein Blatt und begann zu lesen: „Das Weiberdorf ein Fortsetzungsroman von Clara Viebig.“

Bärbchen wählte einen Abschnitt aus, irgendeinen Abschnitt. Sie las langsam und abgehackt, laut und deutlich, so wie in der Schule, den Kopf tief über das Blatt gebeugt, den Zeigefinger unter den Zeilen führend.

„Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald.
Wer hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört:
Was man hier treibt, wird nicht gesehen;
Wer etwas verbergen will vor andrer Augen,
kann’s hier dreist,
ein Schutzdach wölbt sich über ihm und um ihn.“

Bärbchen zeigte sich beeindruckt. Ja, so war es, genau so! Wer so etwas schrieb, musste es erlebt haben, erlebt in den Eifelwäldern. Bärbchen las weiter, in einem fast singenden Tonfall:

„Der Weg schimmerte kaum erkennbar;
im Tannenforst war’s stockfinster.
Zeih tat furchtsam;
bei jedem Knistern der Rinde,
jedem Niederrieseln einer Nadel
fuhr sie zusammen
und schmiegte sich fester an ihn.
Sie ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm,
unter dem dünnen Fähnchen spürte er
ihren warmen vollen Körper.“


Der Pfarrer trat ins Haus gefolgt von seiner Schwester. Er hatte die Mädchen beim sonntäglichen Unterricht vermisst. Jetzt wollte er einmal nachsehen. Die Strafpredigt hatte er sich bereits ausgedacht. Nun stand er hier und sah die Kinder so friedlich, fast andächtig am Tisch sitzen. Bärbchen bemerkte nicht das Eintreten des geistlichen Herrn. Sie war ganz von dem Text eingefangen:
„Am eintönig plätschernden Brunnen
standen noch ein paar Weiber
und wuschen ihre Füße
in dem ausgehöhlten Baumstamm,
der als Brunnentrog diente.
Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt.
In jedem Mondstreif, der jetzt durchs Nachtgewölk brach,
schimmerten ihre nackten Arme und Beine.
Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln,
jenen wunderlichen Schauer,
der ihm leise über den Rücken hinab rieselte,
sein Blut für Augenblicke erstarren machte,
um es dann desto heißer anzutreiben…“


„Was liest du denn da?“ Der Geistliche wandte sich abrupt Bärbchen zu, riss ihr den Zeitungsartikel aus der Hand, warf nur einen kurzen Blick darauf und wetterte los: „Wie kommst du denn zu diesem, diesem…?“

„Ich fand es im Lesebuch“, stotterte Bärbchen erschrocken.

„Schäme dich, Bärbchen“, sagte er streng, „ich hätte nie gedacht, dass ihr so etwas Sündiges im Haus habt und dass du so etwas Unkeusches liest – und dann noch vor deinen jüngeren Geschwistern. Schäme dich!“

Foto Clara Viebig

„Aber…aber, das kann doch nichts Schlechtes sein“, stotterte Bärbchen verwirrt. „Es ist doch von einer Frau geschrieben, von einer berühmten Frau: Clara Viebig. Da steht es doch.“ Aufgeregt deutete sie auf die Zeitungsartikel, die der Priester nun ergriff und irgendwo in seinem weiten schwarzen Gewand verschwinden ließ.

„Dann eben von einer berühmten, sündigen Frau, einer Sünderin“, schimpfte der Geistliche. „Weißt du nicht, dass ich verboten habe, diese Geschichte zu lesen?“

Bärbchen schüttelte den Kopf. „Aber es kann doch gar nichts Böses sein, es ist doch eine Geschichte aus der Eifel“, verteidigte sie sich. Der Pfarrer schnaufte. Ja, die Eifeler sündigten nicht – zumindest nicht schamlos in aller Öffentlichkeit. Aber die Fremden, die in den dunklen Wäldern streiften, die weder Gott noch sein Gebot achteten, die brachten die Sünde ins Land, besonders die schwere Sünde gegen das sechste Gebot. Die Fremden! Und auch diese Schriftstellerin war eine Fremde, eine Berlinerin. Ja, sie war eine Fremde, mochte sie auch in Trier geboren sein und zur Sommerfrische in die Eifel kommen. Zur Sommerfrische!

„Ich mag der Dichterin zugestehen, dass sie die Kunst des Schreibens versteht“, meinte der Pfarrer nun etwas ruhiger. „Und man kann auch keinem Dichter verdenken, über die Eifel zu schreiben. Immerhin hat schon 1853 ein Amtsbruder [Pfarrer Johann Baptist Wendelin Heydinger, 1825-1907] über die Eifel geschrieben: Hier ist poetisches Land!“

Der Pfarrer geriet wieder in Rage. „Wenn diese Frau also über die Eifel schreiben will – na gut –, aber nicht in dieser verleumderischen Form. So nicht!“ Er atmete einmal tief durch und sprach dann mehr für sich: „Die Figur des Bärbchen ist akzeptabel – diese Frau ist fromm, gottesfürchtig und ihrem Ehemann treu ergeben. Aber die anderen Frauengestalten – die Zeih und et Tina, Sünderinnen, Schlangenbrut. Und der Lorenz – ein Luftikus, und der Peter – dat Pittchen - ein Schürzenjäger, ein Lüstling. Und wie Clara Viebig den Pfarrer beschreibt, das ist Rufmord, Rufmord an die gesamte katholische Geistlichkeit!“

Nun mischte sich auch die Schwester des Geistlichen ein: „Diese Dichterin versteht nichts von den Eifeler Frauen, weiß nichts von ihrem Leben. Arbeiten sollte sie mal, auf den steinigen Feldern, in den engen Ställen – und Kinder kriegen, jedes Jahr eins, so wie die armen Bauersfrauen. Dann würde sie gar nicht auf solche Gedanken kommen wie diese Frauen in ihrem Eifeler Weiberdorf. Alles erdichtet und erlogen.“

„Es ist etwas Schlechtes“, sagte der Pfarrer energisch, „Von vorne bis hinten böse und schlecht. Ich kenne die Geschichte sehr genau… Na ja…, du hast das zu beichten, Bärbchen.“

„Ja“, sagte Bärbchen nun wieder willig und demütig. „Ja, Herr Pastor!“

Der Priester warf einen suchenden Blick durch die Küche, so als ob er weitere sündige Bücher entdecken könnte. Bärbchen verstand den Blick des Pfarrers sehr gut. „Wir haben keine schlechten Bücher“, sagte sie bestimmt, öffnete die Schrankschublade und zeigte den Leseschatz.

„Offen herum liegen habt ihr diese bestimmt nicht“, brummte der Pfarrer. Doch er wusste, dass in jedem Eifelhaus einige Zauberbücher zu finden waren. Irgendwo lagen sie versteckt, im Strohsack, in der Brennholzkiste oder in der Wäschetruhe. Das sechste und siebente Buch Moses gehörten genauso dazu wie die Agrippa-Bücher [Bücher von Agrippa von Nettesheim, 1486-1535: Magische Werke u.a.]. Jeder besaß und kannte seinen „Agrippa“. Dabei hatten die Priester viele dieser ungläubigen Bücher verbrannt. Aber auszurotten waren sie einfach nicht. Das „Christoffelsbuch“ kam von Rheinland in die Eifel, und der „Geistliche Schild“ fand von der Südwesteifel den Weg in die Nordeifel.

Eines der schlimmsten Zauberbücher war „Der kleine Albert“. Von Frankreich war dieses Teufelswerk über Belgien in die Eifeldörfer gelangt. Unter der Hand ging es von Haus zu Haus, von Familie zu Familie, zu den gut katholischen Familien der doch so frommen Eifel. Der Aberglaube war tief verwurzelt und das Heidentum noch längst nicht ausgerottet. Die Eifel war nicht „gut katholisch“, sie war „gut heidnisch-katholisch“.

„Neulich hat ein Mann den „Albert“ gekauft und mit nach Hause gebracht“, erzählte der Pfarrer nun in einem Tonfall, als ob er auf dem Predigtstuhl stände. „Und dann kamen die Ratten ins Haus, anschließend die Hexen und schließlich der Teufel höchst persönlich. Jeden Tag geschah ein Unglück. Die Butter geriet nicht, die Kuh wurde krank, und die Frau brach sich ein Bein. Der Mann wusste sich keinen Rat.“

„Er hätte das Buch von hinten nach vorne lesen müssen“, fiel Bärbchen eifrig ein. „Oder drei Vaterunser zur heiligen Brigida beten sollen“, wusste Kätchen einen Rat. „Ihr wisst ja bestens Bescheid“, staunte der Pfarrer und sah die Mädchen streng an. „Das weiß doch jeder“, stand nun Gretchen ihren Schwestern bei.

„Ich werde euch mal ab und an etwas zu lesen bringen“, meinte der Pfarrer nun etwas freundlicher. „Lest ihr denn gerne?“ Eifriges Nicken der Mädchen.

Er nahm das Lesebuch, schlug eine Seite auf, reichte es Bärbchen und tippte auf eine Stelle: „Hier, das kannst du den Kindern vorlesen, das ist erbaulich, makellos und tut eurer Seele gut.“ Gehorsam nahm Bärbchen das Buch und las „Von den Engeln“:

Nun lass dir erzählen, mein liebes Kind,
wie schön die guten Engel sind!
Sie sind so hell von Angesicht,
wie Erd und Himmel im Frühlingslicht,
sie haben Augen gar blau und klar
und ewige Blumen im goldigen Haar,
und ihre raschen Flügelein,
die sind von silbernem Mondenschein….