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Als die Kölner Heinzelmännchen in die Eifel zogen

Eine satirische Erzählung
In: Das Monschauer Land Jahrbuch 1987


von Sophie Lange

In alten Schriften ist zu lesen, dass die Eifel früher (das ist exakt ausgedrückt: etwas später als noch früher) ein zurückgebliebenes, unterentwickeltes Land war, in dem Fuchs und Hase sich gute Nacht sagten. Aber es lebten auch Menschen dort; fleißige - und daher arme - Landleute, die tagein, tagaus hinter ihren Ochsen hertrabten und gottergeben die Steine ihres Ackers zählten. „Steine gab’s und wenig Brot“ ist ein Bonmot der Eifel. Doch heute steht dieses arme Bergland in kulturellem und wirtschaftlichem Bereich auf der höchsten Spitze des Landes, und das sind immerhin 747 Meter.

Wie ist die Eifel dorthin gelangt? Heimatforscher, Archäologen, Geologen und andere logen sich so allerhand zusammen, aber die tatsächliche Ursache ist erst jetzt ans Tageslicht gekommen. Einem großen Eifelsohn, M. M., gelang die sensationellste Entdeckung seit Adam auf den Wurm im Paradiesapfel stieß. M. M. lebt in einem kleinen, idyllischen Eifeldorf, durch das täglich Tausende von PS donnern. Seine Hobbys sind die Heimatkunde und das Computerisieren.

Dieser große Eifelsohn fand eines Tages ein Bild seines Großvaters, genau desjenigen, der meditierend hinter den Ochsen herschlurfte. Er zeigte dieses Bild-Dokument seinem Computer, stellte sich in Wohlstand-Mensch-Position davor und fütterte seinen kleinen Alleswisser mit Steinen und Brot, mit Fuchs und Hase, mit rauen Sitten und mit hoher Kultur. So musste die Lösung für die raketenhafte Entwicklung der Eifel gefunden werden. Als das Elektronenmonster diese deftige Hausmannskost verdaut hatte, spuckte es den Anfang dieses Gedichtes aus:

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Wie war in Köln es doch vordem
mit Heinzelmännchen so bequem,
denn war man faul, man legte sich
hin auf die Bank und pflegte sich.


Hätte ein Mensch diese Antwort gegeben, würde man an die Stirn tippen. Ein Computer kann jedoch nicht verrückt sein, er kann höchstens verrückt spielen. Doch der maschinelle Freund von M. M. war ein seriöser Wissenschaftler, der niemals spielte.

M. M. hatte in jahrelanger Nachtarbeit gelernt, bei seinen Computer-Exzessen zwischen den Zeilen zu lesen. So war er Brillenträger geworden. Jetzt zog er den logischen Schluss: Die heiße Spur führt nach Köln.

Der Computer ließ sich nicht im Herunterleiern des Gedichtes aufhalten, und unserem Eifelsohn ging ein 100 Watt starkes Licht auf: Da ließen sich diese Kölner von Zwergen mit echter deutscher Wertarbeit bedienen, während die Eifeler mühselig das tägliche Brot aus der Steinerde lockten! Aber wie dankten diese leichtsinnigen Rheinländer die Arbeit der gewerkschaftslosen, dienstbaren Geister? Der Computer erzählte die Story:

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Neugierig war des Schneiders Weib
und macht sich diesen Zeitvertreib:
streut Erbsen hin die nächste Nacht,
die Heinzelmännchen kommen sacht …


Und dann schwieg der Computer diskret.

Am nächsten Tag stand unser forscher Forscher auf der Domplatte in Köln. In der einen Hand trug er einen Sack voll Erbsen, in der anderen den Computer, von dem er sich nie trennte. Er war wirklich sein bester Freund. Ein neugieriges Kölner Weib - es trug sogar den Familiennamen Schneider - war leicht gefunden, und schon bald kollerten die Erbsen die Treppe zum Bahnhof hinunter. M. M. holperte - polterte hinterher und geriet – den Computer hoch über sich haltend – ins Rutschen. Am Treppenabsatz angekommen, wusste er zweierlei mit Gewissheit: 1. Man fällt besser eine Treppe rauf als runter (mit/ohne Erbsen). 2. Die Heinzelmänner und –frauen hatten nach jenem nächtlichen Rutschspektakel fluchtartig das undankbare Köln verlassen, was M. M. auch tat.


Als der nicht mehr ganz so forsche Forscher in seiner Eifelheimat wieder sitzen konnte, setzte er seine Arbeit fort. Durch diffizile Recherchen, spitzfindige Untersuchungen und ausgekochte Computermenüs kamen dann aus dem Kölner Innenleben vergangener Tage folgende sensationellen Entdeckungen ans Tageslicht: Die Flucht des Zwergenvolkes hatte, wie mit Gewissheit vermutet (s. o. Nr. 2), noch in der gleichen Nacht stattgefunden. Eine Taubenfeder, die ein Heinzelhauptmann in die Luft geblasen hatte, bestimmte den Fluchtweg. Mehrere federlose Tauben konnten am Kölner Bahnhof durch Zellenanalyse identifiziert werden. Die Feder landete vor einem unterirdischen Gang.

Der Archäologe unter den Zwergen namens Spitzhacke diagnostizierte auf den ersten Blick ein römisches Bauwerk. Nach einigen Stichproben wusste er, dass dies der Kanal sein musste, aus dem die Kölner Legionäre des Römischen Reiches Wasser und Kraft aus der Tiefe geschöpft hatten. So verschwanden die Kölner Wichtel zu den Klängen von Heinzelmännchens Wachtparade in das Dunkel der Erde. M. M. entdeckte unzählige winzige Fußabdrücke an diesem Einstieg zum Ausstieg.

Der unterirdische Kanal führte stetig ansteigend zunächst in Richtung Süden, dann ging’s in den wilden Westen. M. M. konnte streckenweise die Nachtwanderung auf allen Vieren nachvollziehen.

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Die Kölner Aussteiger gingen und gingen, es ward Morgen und es ward Abend, und sie merkten es nicht, denn im Kanal war es dunkel. Doch plötzlich sahen sie ein Licht: Der Kanal hatte eine Öffnung, zum Glück nach oben. Schnell bauten die kleinen Kobolde eine Zwergenpyramide, damit einer von ihnen aus der Öffnung lugen konnte. Nach vielen Versuchen klappte das auch. M. M. konnte an Fußabdrücken nachweisen, dass der untere Wichtel bei dieser Zirkuseinlage Plattfüße bekam.

Als der Spitzenkandidat seine Nase über den Boden streckte, rief er schnarrend: „Ich glaub’, ich bin im Wald!“ Erstaunt beobachtete der Späher die traditionelle Gute-Nacht-Zeremonie zwischen Fuchs und Hase. Nun wusste das Zwergenvolk, dass es von der weisen, weißen Feder richtig geführt worden war: Der gute Tipp, ein Eifeltrip!

Mit einer raffinierten Wipp – Hopp - Konstruktion (die Forschungen über dieses technische Meisterwerk hat M. M. noch nicht abgeschlossen) landeten die Kleinen etwas unsanft auf dem steinigen Eifelboden. Sie feierten ein zünftiges Wald- und Wiesenfest. Krümel von Pustekuchen und der Duft von Tresterschnaps erzählen noch heute von diesem Festgelage. Zu fortgeschrittener Stunde schworen sie sich gegenseitig, nie und nimmermehr für den Menschen zu arbeiten. Diesen Schwur hielten sie genau sechs Stunden. Denn dann erblickten die Asylanten aus Köln jenen fleißigen Eifelbauern, der hinter seinem Ochsen herzockelte. Mein Gott, wie mussten die beiden schuften! Wie konnten die Eifelbewohner Zeit finden für Fortschritt, Kultur und Umweltvernichtung, wenn sie sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend so abrackerten? So kam es, dass die weichherzigen, hilfsbereiten Zwerge ihre ganze Kraft für ihre neue Heimat einsetzten und den Eifelern tatkräftig unter die Arme griffen. Daher die etwas stämmige Gestalt der Eifeler Landbevölkerung, glaubt M. M. Von diesem Tage an sorgten die kleinen Vertriebenen dafür, dass in der Eifel der Fortschritt fortschritt.

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Neugierig waren die stets zufriedenen Eifler nicht, besonders nicht zu nachtschlafender Zeit. Erbsen streuten sie ebenfalls nicht; sie liebten viel zu sehr eine deftige Erbsensuppe mit Speck. So konnten die Zwerge fleißig schaffen, ungestört in der schönen Eifel leben und das Land auf den heutigen Wohlstand bringen.

Wie M. M. und sein Computer mitteilen, sagen Fuchs und Hase sich schon lange nicht mehr gute Nacht in der Eifel, denn sie finden kein ungestörtes Plätzchen mehr für diesen alten Brauch. Ochsen werden nur noch gelegentlich registriert. (Es soll jedoch eine hohe Dunkelziffer geben). Nur: steinreich ist die Eifel immer noch.

Soweit die Forschungsergebnisse von M. M., die hiermit erstmals einer exklusiven Leserschar unterbreitet werden. Was aus Köln geworden ist, nachdem es von allen guten Geistern verlassen war, hat der computerisierte Heimatforscher nicht untersucht. Er hat einen Kölle – Koller - Komplex bekommen. Eines steht jedoch fest: Seitdem die Kölner selbst arbeiten müssen, suchen sie noch immer verzweifelt nach den hilfreichen Wesen. Wann immer man nach Köln kommt, stets sieht man sie irgendwo in der Erde herumbuddeln. Am Wochenende und zur Ferienzeit kommen sie sogar scharenweise bis tief in Eifel, wohin sie die Suche nach ihrem verlorenen Glück ausgedehnt haben. Doch sie suchen vergebens, denn die Eifeler hüten ihre geheimen Schätze vor neugierigen Touristen. So trauern die Kölner noch immer ihren Heinzelmännchen nach und jeden Montagmorgen hört man in Köln ein allgemeines Stöhnen:

O weh, nun sind sie alle fort,
und keines ist mehr hier am Ort.
Man kann nicht mehr wie sonsten ruh’n,
man muss nun alles selber tun …