Sie sind hier: Startseite  » Eifelerzählungen und -geschichten » Der Eifeler als solcher


Der Eifeler als solcher

Der Eifeler mit Bart

Aus: Robert Legrand: Die Eifel, Wittlich 1941


Der Ur-Eifeler als solcher muss heute als eine geschichtliche Figur angesehen werden. Der archetypische Eifeltyp hat sich immer mehr in die Eifel-Einöd-Einsamkeit zurückgezogen. Wurde die Eifelrasse einst der Inzucht bezichtigt, so kann man inzwischen mehr von einer Auszucht sprechen, die manchmal sogar bis ins übernächste Dorf geht. So vermischen sich die Typen immer mehr.

Der Ur-Eifeler als solcher war geprägt von der Wesensart des Bauern: natur- und erdverbunden, ländlich-sittlich, emsig-fleißig, klug aber langsam. Diese Ackerer waren so intensiv damit beschäftigt, sich selbst und ihre zahlreiche Nachkommenschaft über Wasser zu halten, dass sie keine Zeit hatten, Verkehrs- und Umweltprobleme zu produzieren. Dadurch hat sich ein Eckchen heile Welt in abgelegenen Eifeltriften erhalten.

Eine waschechte Eiflerin

Meine Suche nach dem Eifeler als solchem begann ich nach 1960, als ich in die Eifel zog. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Kontakt mit einer waschechten Eiflerin. Es war beim Einkauf im Dorfladen, der damals noch nicht Tante-Emma-Laden hieß, sondern Konsum, obwohl das Konsumieren noch nicht alleiniger Lebenszweck war. In diesem Laden stellte sich ein altes Mütterchen - erst später Seniorin tituliert - vor mich, betrachtete mich von Kopf bis Fuß und stellte die Frage, die ich noch oft in der Eifel zu hören bekommen sollte: "De wemm de senn bes due dann?" (Frei übersetzt: Wer bist du denn? Zu wem gehörst du?) Ich stotterte etwas von "zugezogen" und wurde nicht mehr beachtet.

Beim Verlassen des Geschäftes plagte das Mütterchen jedoch die Neugier: "Wo wohnen Sie denn?" Hochdeutsch und Sie! Ich sagte es ihr. Sie zeigte auf meine Haare: "Sind die von Natur aus so blond?" Auf diese offene Frage konnte ich nur mit einer ehrlichen Antwort reagieren: "Da ist etwas nachgeholfen", gestand ich. "Städterin!" zischte das Eifelmütterchen voller Verachtung und die von Tacitus beschriebenen germanischen blauen Augen mit dem trotzigen Blick wollten mich vernichten.

Ich wollte erklären, dass auch ich vom Lande stamme und dass auch ich "wemm" wäre, doch stolzen Hauptes schritt die Eiflerin an mir vorbei, deutlich zeigend, wer sie war: Eine-von-hier-Geborene! Das ist die einzige Eifel-Adel-Aristokratie, die sämtliche Blau-Blut-Blessuren und Raubritter-Randale überdauert hat. Ich war der ersten Eiflerin als solche begegnet. Dieses Erlebnis zeigte mir drastisch, dass dieses listige Bergvolk stets offen und ehrlich sagt, was der kümmerliche Rest der Welt klamm und heimlich denkt. Eine lobenswerte, doch manchmal unbequeme Tugend!

Ein Eifeler Urgestein

Als ich mich etwas von dem ersten Eifel-Schock-Kontakt erholt hatte, machte ich mich auf, um beim Bürgermeister die polizeiliche Anmeldung vorzunehmen. Schon von weitem klang mir lauter Gesang entgegen: "Großer Gott wir loben dich!" Mein Schritt beflügelte sich. Ein Bürgermeister, der dem großen Gott lautstark ein Loblied sang, würde sich gewiss nicht als kleiner Gott aufführen, wie das auch in der Eifel einige Staatsmänner tun.

Das Haus mit dem Schild Bürgermeister gehörte zu einem kleinen bäuerlichen Anwesen. Der Volksvertreter schien sich also ansonsten redlich zu ernähren. Ich ging zur Haustür. Diese stand sperrangelweit offen. Das ist ein alter Eifelbrauch aus der guten alten Zeit, als Diebe nie etwas holten, wo nichts zu holen war.

In das "Alles, was dich preisen kann" rief ich ein zaghaftes "Hallo". Nichts rührte sich. Beim Lauschen stellte ich indes fest, dass der Gesang nicht aus dem Wohnhaus drang. Ich horchte in Richtung Scheune, Ställe, Misthaufen. Kam das Geschmetter etwa? Tatsächlich! Die hochheilige Festtags-Orgie drang aus einem kleinen Häuschen mit einem noch kleineren Herzchen. "Alles ist dein Ei-eigentum!"

Als es in dem verschwiegenen Örtchen einen Atemzug lang still wurde, wagte ich nochmals ein Hallo. Doch der Sänger von Gottes Gnaden hatte schon zum "Heilig Herr Gott Sabaoth" angesetzt. So warte ich, wartete, bis alle Strophen der unendlichen Geschichte zu Ende gesungen waren, dann rief ich mein drittes Hallo. Ein energisches "Wäe es do?" erklang. In Richtung Herzhäuschen äußerte ich meinen Wunsch, als Bürger in Ort und Gemeinde aufgenommen zu werden. Nach einem beredten Schweigen trat eine Männergestalt aus dem Heiligtum, zog die Hosenträger hoch, setzte eine amtliche Miene auf, komplimentierte mich in die Amtstube und erledigte höflich korrekt, bürgermeisterwürdig die dienstliche Angelegenheit. In Hochdeutsch natürlich. Ich war einem weiteren Exemplar der seltenen Pflanze Eifeler als solcher begegnet und hatte erfahren, dass die Eifeler großes Gottvertrauen besitzen und Segen von oben sowohl für ein großes als auch für ein kleines Geschäft erflehen.

Die Eifeler Kultursprache

Als Eifeler Staatsbürgerin wollte ich nun die ortsansässige Kultursprache erlernen, et Eefeler Platt. Sehr bald war mir nämlich klar geworden, dass es zum Weiterkommen äußerst wichtig ist, zwei Sprachen zu beherrschen: den Eifeler Dialekt und das im übrigen Deutschland übliche Schreibdeutsch. Die Tatsache, dass ich den Eifeler Geheimcode bis heute nicht geknackt habe, dokumentiert nicht nur meine Begriffsstutzigkeit, sondern auch die Kompliziertheit der Eifeler Mundart. Dazu kommt die mit Erfolg praktizierte Taktik der Eifeler: Wenn die Berg-und-Tal Urbewohner unter sich sind, sprechen sie natürlich platt; tritt aber ein Zugezogener hinzu, so wechseln sie blitzschnell ins Hochdeutsche. Durch diese nur scheinbar höfliche Geste tricksen die Eifeler-als-solche die Fremdlinge aus. So erlernt das Nicht-von-hier-Volk nie und nimmer die Mundart des Eingeborenenclans. Neu ist diese Masche allerdings nicht, denn schon die alten Germanen bedienten sich dieser Finesse, weswegen die Römer nach 400 Jahren vergeblichen Sprachbemühens die barbarische Eifelgegend verließen. Barbarisch meint hier das Wort, welches die Römer aus jedem Gespräch mit den Eifelern heraushörten: Barba - rabarba ...

Doch Ernst beiseite. Die Eifeler als solche sind gar nicht so, wie sie sind. Es ist übertrieben, wenn Zugezogene behaupten, sie würden erst nach 100 Jahren in die Eifelgemeinschaft integriert; manche schaffen es schon nach 99 Jahren. Wer aber mit offenem Herzen auf die Einheimischen zugeht, sich nicht als Besserwisser aufspielt und - äußerst wichtig - großzügig an der Theke eine Runde nach der anderen spendiert, der findet schon bald Anerkennung, Freunde und Heimat. Irgendwann wird er tatsächlich ein Eifeler, zwar kein Durch-und-durch-Eifeler als solcher, aber immerhin ein Halb-Eifler - und das ist enorm viel.

P l a t t k a l l e

Heute sagt man, Mundart ist in,
Volkssprache hat einen tieferen Sinn.
Als ich ein Kind war, vor vielen Jahren,
meine Eltern da anderer Meinung waren.
Sie ermahnten mich, stets schön zu sprechen,
denn plattkalle würde sich später mal rächen.
Nur das Schreibdeutsch sei zukunftsorientiert,
drum haan ich plattkalle nie richtig jeliert.

Diese Bildungslücke, das gebe ich zu,
die lässt mir bei Tag und bei Nacht keine Ruh’.
So versuch’ ich es mit da-jö, hü ond haar,
küüme ond rüüme ond Kullang für de Maar.
Doch babbele ich schnaggewäsch einfach los,
dann ernte ich spöttisches Lachen bloß.
So habe ich mich schon manchmal blamiert,
denn plattkalle haan ich nie richtig jeliert.

Ich würde es viel weiter bringen,
könnte ich in Mundart sprechen und singen.
Ich würde Eifeler Verzällcher schreiben
und wie de Bläck Föös Lieder in Platt vertreiben.
Doch daran haben meine Eltern nicht gedacht,
als sie mir das Dialekt so mies gemacht.
So bleibe ich klein, da hochdeutsch-liiert,
denn plattkalle haan ich nie richtig jeliert.

Verstehen kann ich alles, ihr leve Lück,
schwaad ihr de Schnüss och noch esu flück.
Doch geb’ ich beim Sprechen die größte Mühe mir,
dann heißt es nur: "Ihr sett ävver net von hier!"
Plattkalle ist doch kee Kittche komplizeert,
und jeder kleenste Köttel dat frech ordeneert.
Doch mein Dörjeneen wird bestimmt nicht prämiert,
denn plattkalle haan ich nie richtig jeliert.

Die Eifel 2/1991