Sie sind hier: Startseite  » Eifelerzählungen und -geschichten » Zwischen den Jahren


Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren
Eine unheimliche Geschichte rund um alten Volksglauben
von Sophie Lange
In: Eifel-Winter, Hg Manfred Lang, 2010

Eifel-Winter

Grafik

Eifelwinter

Das hochheilige christliche Weihnachtsfest ist für Familie Heinmann in den letzten Jahren immer mehr zu einer wenig beschaulichen Familienfeier geworden. Wie jedes Jahr waren auch diesmal am Heiligabend die erwachsenen Kinder mit ihren Familien zum traditionellen Weihnachtsessen da gewesen. Die Geschenke hatten wie seit einigen Jahren hauptsächlich aus Gutscheinen bestanden, für eine Buchhandlung, für die Apotheke, für ein Konzert, ein Fußballspiel, ein Wellness-Wochenende usw. Die Kinder waren wieder abgereist, nur Peter war noch da. Mit seinen 20 Jahren wusste er noch die Vorteile von Hotel Mama zu schätzen, vielmehr zu nutzen.

Am ersten Weihnachtstag hatte man die Eltern von Vater Heinmann besucht, am zweiten Weihnachtstag waren die Eltern von Mutter Heinmann zu Besuch gekommen. Jetzt am dritten Weihnachtstag war wieder Normalität ins Haus eingekehrt. Während die beiden Männer nichts mit sich anzufangen wussten, hetzte die Mutter durchs Haus, um wieder die vorweihnachtliche Ordnung herzustellen.

„Schade, dass ich nicht waschen darf“, seufzte Frau Heinmann und betrachtete die vollen Wäschekörbe. Auf den fragenden Blick ihres Sohnes erklärte sie, dass doch jetzt vom Heiligabend bis zum Dreikönigstag die Lüstertage seien, auch Rauchnächte oder Raunächte genannt. Und in dieser Zeit zwischen den Jahren seien die Grenzen zwischen Himmel und Erde offen und Dämonen, Geister und unerlöste Seelen zögen in der wilden Jagd durch die Lüfte und bedrohten die Menschen.

„Und was hat das mit der Wäsche zu tun?“ fragte Peter etwas verwirrt. Das schien die Mutter selbst nicht so genau zu wissen und half sich mit der Ausrede, die gang und gebe in der Eifel ist: „Das war immer so.“ Doch dann überlegte sie laut: „Es sollen stille Tage sein und alle unnötigen Arbeiten sollen ruhen, sonst werden die Geister auf die Menschen aufmerksam und dann… ja dann, dann kann allerhand Unheil geschehen.“

„Zum Beispiel, dass einzelne Socken in der Waschmaschine verschwinden oder so etwas?“ fragte der Sohn grinsend. Die Jugend von heute! Nie nahm sie die alten Traditionen ernst.

Wäsche auf der Leine

Grafik

Winterwäsche

„Früher hat man die Wäsche doch draußen auf der Leine getrocknet“, suchte nun Vater Heinmann nach einer Erklärung für das Wäscheverbot. „Dann stolperten die Geisterpferde wohl über die Wäscheleine und die Dämonen verfingen sich in lange Unterhosen oder flatternde Unterröcke. Auch erzählt man sich, dass Geister die Betttücher stahlen und als Leichentücher im Laufe des Jahres wieder ins Haus zurück brachten.“

Jetzt war sogar der Hund erschrocken, spitzte die Ohren, schüttelte sich und schaute dann sein Herrchen bittend an. Vater Heinmann rappelte sich auf. „Ein Spaziergang mit dem Hund wird mir gut tun“, murmelte er. „Peter, gehst du mit?“

Doch der konnte sich nicht aufraffen. „Ach Peter, du könntest staubsaugen, das ganze Haus von oben bis unten hat es nötig“, freute sich die Mutter. Peter sprang auf. Das war ja noch schlimmer. Da ging er doch lieber eine Runde mit dem Vater. Die beiden Männer wechselten ihre legeren Trainingshosen mit Thermojeans und zogen Winterjacken, Stiefel, Mützen und Handschuhe an. Der Hund schleppte mit dem Maul seine Leine herbei. „Geht aber nicht in den Wald!“ mahnte die Mutter. „Das ist streng verboten in der Spukzeit - wegen der wilden Jagd.“

„Fang die Geister nicht mit dem Staubsauger auf“, rief Peter der Mutter zum Abschied zu. Durfte man Staubsaugen zwischen den Jahren, überlegte die Mutter. Das gehört ja wohl zu den notwendigen Arbeiten, fand sie und so machte sie sich ans lärmende Werk. Aber ihre Gedanken blieben doch bei den Spukgestalten. Auf jeden Fall würde sie später eine geweihte Kerze anzünden und einige Blättchen aus dem „Krukwösch“ von Mariä Himmelfahrt abbrennen, denn vom Ausräuchern hatten ja wohl die Rauchnächte ihren Namen.

Winterlandschaft

Grafik

In: Robert Legrand, Die Eifel 1941

Es war kalt draußen, bitterkalt. Die gefrorene Schneedecke knirschte unter ihren Schritten. Peter ließ Bello von der Leine. „Bleib aber bei Fuß!“ ermahnte er. Der Hund gehorchte brav, blieb nur manchmal etwas zurück, wenn er mit der Schnauze im Schnee wühlte, um einem interessanten Geruch nachzuspüren.

„Das mit dem Herumspuken zwischen den Jahren ist doch wohl ein blödsinniger Aberglaube“, nahm Peter das Thema wieder auf. Doch der Vater schüttelte den Kopf. „So kann man das nicht sagen“, meinte er grübelnd. „Diese Tage und Nächte sind schon eine bedeutsame Zeitspanne, nicht nur bei uns. Der alte Volksglauben hat wohl damit zu tun, dass jetzt zur Wintersonnenwende nach dem kürzesten Tag und der längsten Nacht die Sonne wieder an Kraft zunimmt. Das wollen die Winterdämonen verhindern und so poltern die unruhigen Geister durch die Nacht. Der germanische Göttervater Wodan jagt sein wildes Heer durch die Lüfte und die Winterfrau Persch schließt sich mit ihrem Gefolge an.“

Der Vater erzählte von einem alten Bauern, der sorgfältig Tag für Tag das Wetter zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar notierte. Denn das Wetter der „Zwölfen“ würde sich im entsprechenden Monat des kommenden Jahres wiederholen. „Das ist immerhin etwas Praktisches“, fand Peter. „Da braucht man sich nicht andauernd die ätzenden Wettervorhersagen reinzuziehen.“

Ohne nachzudenken waren die Wanderer den Wiesenweg entlang gegangen, der zum Wald führte. Als sie kurz vor dem dunklen Tannendickicht standen, schauten Vater und Sohn sich an und lächelten. „Na, dann mal rein in die Gespensterwelt“, sagte Peter und der Vater nickte. „Nimm aber Bello jetzt an die Leine“, riet er.

Allein Bello reagierte schneller als Peter und mit einigen großen weiten Sprüngen war er im Unterholz verschwunden. „Bello, du kommst sofort zurück! Ich warne dich!“ Peters Stimme klang ärgerlich und auch ein wenig besorgt. „Er wird schon zurückkommen!“ beruhigte der Vater ihn. „Lass ihm seinen Spaß!“

Schneelandschaft

Grafik

Spuren im Schnee

Schweigend schritten sie weiter. Nur Peter pfiff manchmal nach Bello. Der Schnee lag hier viel höher als auf dem Feldweg. Keine Spuren waren zu sehen. Es herrschte eine feierliche Stille, die jedoch etwas Beklemmendes an sich hatte. Obwohl es an diesem Tag ganz windstill war, bewegten sich sanft die Äste hoch in den Baumspitzen. Es war fast so, als wenn die beiden Wanderer den Wind hervorriefen. Die Mutter erzählte gelegentlich, dass es ihr mehrmals gelungen sei, den Wind zu beschwören. Wenn sie unter einen bestimmten Baum stand und sich ganz auf den Erdkontakt konzentrierte, begannen die Blätter zu säuseln. Peter hatte das nie geglaubt. Doch jetzt schien die Luftbewegung tatsächlich von ihnen auszugehen. Je fester sie ausschritten, je tiefer sie in den Wald stapften, desto stärker wurde der Wind. Er knirschte und knisterte, raschelte und rauschte, wuchs sich zu einem Gebrause und Getöse aus. Das Merkwürdige war allerdings, dass es unter den Bäumen total windstill blieb. Nur in den Baumspitzen und in den Lüften stürmte es - und das immer ungestümer. Ertönten da nicht Stimmen in dem Getose, hohe, verzerrte Laute? Und dann ein Gekicher, ein Hohngelächter, ein gruseliges Gejauchze! Beide Männer dachten nun das Gleiche, aber keiner wagte es, in Worte zu fassen. Die Geister! Wodans wildes verwegenes Heer! Perschs Hexenschar!

Mit einem Mal hörten sie von weitem ein Brummen, ein tiefes, böses Knurren. Was war das? Doch dann schloss sich ein Bellen an. Bello!

„Wahrscheinlich ist er auf etwas gestoßen!“ meinte der Vater. Peter nickte. Vielleicht hatte er sogar eine Leiche entdeckt. Solche Szenen kannte man zur Genüge aus den Fernsehkrimis. Da buddelte ein Polizeihund mitten im Wald einen Leichnam aus dem Boden. Manchmal lebte die Leiche sogar noch - na ja, das Opfer halt. Aber das Knurren und Winseln des Hundes hörte sich irgendwie anders an, heiser und furchtsam.


Wintersturm

Grafik

Schneebaum

Peter und der Vater stürzten in den Wald hinein. Sie stolperten über schneebedeckte Äste. Von oben schlugen ihnen frostklirrende Zweige ins Gesicht. Riesige Farnhände schienen mit einer wilden Sturmgebärde nach ihnen zu greifen. Es tobte und toste immer dämonischer.

Bello schien manchmal ganz nah zu sein, dann aber klang sein Gejaule wieder wie aus weiter Ferne. Zuweilen kam es von rechts, dann von links, dann orteten sie es direkt vor sich, dann glaubten sie sogar, es sei hinter ihnen. Sie riefen jetzt fast ohne Pause: Bello! Bello! Doch das Sturmgetose riss ihnen die Worte vom Mund, zerstörte sie im gleichen Moment.

Dunkle Jahreszeit

Plötzlich blieb Peter mit einem Ruck stehen. Er starrte in die Luft, zeigte mit zitternder Hand nach oben. Der Vater folgte dem Fingerzeig. In den Baumwipfeln bewegte sich etwas. Es war wie ein gespenstiger Schatten, der wuchs und wieder zusammenschrumpfte. Andererseits glich es einem weißen Gewoge, das Figuren schemenhaft erstehen und ersterben ließ. Dazu erklang ein schrilles Gekreische und Gejohle. Peter hielt sich die Ohren zu, kniff die Augen zusammen und stolperte weiter.

Grafik

Rauhnächte, Foto: Martina Schäfer

Und da geschah es. Er übersah einen Ast, strauchelte, suchte einen Halt, griff ins Leere und sank wie in Zeitlupe zu Boden. „Hilfe!“ schrie er. Im gleichen Moment wurde er von etwas Riesigem hochgehoben. Es war ein stark behaartes Wesen, das einen penetranten Gestank ausströmte. In Windeseile erhob sich das teuflische Monster, raste mit ihm hoch in die Lüfte, wo es auf gleichgestaltete Kreaturen stieß, in deren wilde Horde es sich einordnete. Ab ging es in die Finsternis. Willenlos ließ Peter alles mit sich geschehen, starr, erstarrt.

Doch dann ganz unerwartet ließ sein Entführer ihn los, ließ ihn einfach fallen. Und Peter fiel und fiel. „Hilfe!“ schrie er wieder und erneut wurde er aufgefangen, diesmal von einer kichernden Schar mit Fell bekleideter Ungeheuer. Knochendürre Hexenfinger griffen nach ihm, fassten seine Beine und Arme und warfen ihn tollkühn hin und her, von einer Hexenfrau zur anderen, schnell und immer schneller. Eine riss ihm die Mütze vom Kopf und warf sie johlend hoch in die Luft. Eine Sturmböe fing sie auf und spielte ein neckisches Spiel mit der Beute. Eine andere Luftgestalt umschlang ihn mit eisernem Griff. Jetzt war er verloren, für ewige Zeiten festgebannt in einer überirdischen, dämonischen Welt.

Im nächsten Augenblick fühlte er etwas Feuchtes in seinem Gesicht. Voller Panik riss er die Augen auf – und sah Bello über sich, der liebevoll sein Gesicht abschleckte. Und dann entdeckte er auch den Vater, der sich besorgt über ihn beugte. „Peter, ist alles in Ordnung?“ fragte er. Peter rappelte sich auf. „Was ist denn geschehen?“ Der Vater erzählte kurz: „Du bist gestolpert und ganz langsam zur Erde gesunken. Während des Sturzes hast du zweimal „Hilfe“ gerufen.“ „Hilfe gerufen“, wiederholte Peter schauernd. „Zweimal?“ „Ja, und dann warst du für einen Moment benommen.“ Peter starrte den Vater an: „Benommen? Für einen Moment? Nur für einen Moment? Wirklich?“

Der Vater half seinem Sohn. „Komm, wir verschwinden. Hier ist es nicht ganz geheuer.“ Dem konnte Peter nur zustimmen. Sie warfen einen ratlosen Blick um sich. Wo waren sie nur? Und wie kamen sie raus aus diesem Irrwald? Doch da machten sie sich unnötige Sorgen. Ein kurzes Bellen des Hundes und zielsicher ging er ihnen voraus. Sie folgten ihm und fanden tatsächlich aus dem Wald heraus und konnten bald ihren Feldweg Richtung Zuhause einschlagen. Es dämmerte bereits.

Das Haus tauchte wie eine Insel auf. Draußen an der Fichte war die elektrische Beleuchtung eingeschaltet, die Kerzen am Tannenbaum leuchteten durch das Fenster. Alles sah so anheimelnd und friedlich aus, das Bild einer heilen, geordneten Welt. Die Mutter hatte hinter der Fensterscheibe ängstlich Ausschau nach „ihren Männern“ gehalten, nun lief sie ihnen freudig entgegen.

„Da seid ihr ja endlich“, rief sie aufgeregt. „Wo wart ihr nur so lange? Und wie seht ihr aus? Und wieso ist der Hund von oben bis unten voller Dreck? Den nehme ich mir gleich mal vor. Ab in die Waschküche! Peter, du siehst ja total verfroren aus und so verstört, als hättest du eine Erscheinung gehabt. Du nimmst am besten gleich ein heißes Bad.“ Zum Glück redete die Mutter ununterbrochen und so brauchten die beiden Wanderer nichts zu erklären. Zum Schluss meinte sie noch: „Und legt die schmutzigen Jeans in den Wäschekorb!“ Nun machte Peter den Mund auf: „Aber erst waschen, wenn die Spukzeit vorbei ist.“ Die Mutter suchte nach einem spöttischen Grinsen in dem Gesicht ihres Jungen. Doch dieser blickte sie ernst an, ungewöhnlich ernst. Und dann fiel ihr noch etwas auf und sie fragte erstaunt: „Peter, wo ist denn deine Mütze abgeblieben?“