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Kräuterstrauß für Mariä Himmelfahrt

Auszug aus dem Roman "Weiberdorf 2000. Hundert Jahre Frauenleben in der Eifel"

von Sophie Lange

Sonntag, den 14. August 1966,
der Tag vor Mariä Himmelfahrt

Anna und Maria brachen am Sonntagmorgen schon lange vor Sonnenaufgang zum Kräutersammeln auf. In den Eifeltälern lag noch der Morgendunst. Kein Laut unterbrach die feierliche Stille. Die Frauen waren schon eine ganze Weile unterwegs, als der erste Vogel sein Lied begann. "Hörst du das Rotkehlchen, Maria?" machte Anna die Nichte auf den kleinen Sänger aufmerksam. "In einer Stunde - um genau zu sein - in 58 Minuten geht die Sonne auf. Auf die Uhr der Singvögel kann man sich hundertprozentig verlassen." Die Amsel und die Singdrossel schlossen sich schon bald dem Morgenkonzert an. Zaunkönig, Kohlmeise und Buchfink folgten im Abstand von etwa sechs bis acht Minuten. Der Grünfink hörte dem Chor eine viertel Stunde lang zu, bevor er selbst einstimmte. "Das freche Gezwitscher der Spatzen setzt genau drei Minuten vor Sonnenaufgang ein", erklärte Anna, "und dass der Hahn unmittelbar vor dem Sichtbarwerden der Sonne seinen Weckruf anstimmt, weißt du ja."

Das alte Heilwissen

"Warum hat der Mensch keine biologische Uhr, Tante Anna?" wunderte sich Maria. "Das wäre doch ganz praktisch." "Sicher hat auch der Mensch eine innere Uhr", vermutete Anna, "aber wir haben längst verlernt, darauf zu achten. Wir wissen zwar heute so viel wie nie zuvor, doch das Naturwissen ist verlorengegangen." Nachdenklich schritten die Frauen weiter. Die weise Frau (Hebamme) hatte vor ihrem Tod manche alte Überlieferung an Anna weitergegeben und sie die Heilkraft der heimischen Kräuter gelehrt. Vor ihrem Tod hatte sie ihr ein Heft mit persönlichen Aufzeichnungen übergeben. Heute hatte Anna dieses Kleinod mit auf ihren Morgengang genommen, denn es stand vieles über Eifelkräuter darin.

Mariä Himmelfahrt in der Eifel

An diesem frühen Morgen wollten die beiden Frauen die Zauberkräuter für den Krautwisch pflücken. Erst morgen am Montag war Mariä Himmelfahrt, der Hohe Frauentag. Aber Pastor Reinartz hatte die Kräuterweihe auf den Sonntag vorgezogen. Es kamen ja immer weniger Gläubige mit einem Krautwisch zur Kirche. In der Nachmittagsandacht sollten die Kräuter gesegnet werden.

"Glaubst du, dass die Heilkraft der Kräuter in Zukunft noch Bedeutung hat?" fragte Maria ihre Tante auf dem Weg zu den Auenwäldern. "Die natürlichen Heilmethoden sind doch längst von chemischen Arzneien verdrängt."

"Würde ich nicht an das Überleben des alten Heilwissens glauben, würde ich dich nicht in aller Herrgottsfrühe durch die Wiesen jagen", meinte Anna lachend. Doch dann wurde sie ernst und sagte sinnend: "Im Moment glaubt der Mensch, dass er alles aus synthetischen Stoffen herstellen kann. Doch irgendwann - vielleicht schon bald - wird er erkennen, dass die Natur die größte Heilerin ist. Darum ist es wichtig, dass Frauen Kräuter bestimmen können und wissen, wie man damit umgeht. Nur bei richtiger Anwendung sind Heilkräuter heilsam und segensreich."

"Du sprichst von altem Heilwissen, Tante Anna", sagte Maria, "andere sprechen von Aberglauben. Was stimmt denn nun?" "Altes Wissen ist kein Aberglaube" sagte Anna bestimmt. "Natürlich hat im Laufe der Jahrhunderte die Volksfantasie manche Überlieferung mit Wunderglauben vermischt. Manches ist auch wirklich Hokuspokus. Wenn wir jedoch Kräuter zur Behandlung einer Krankheit einsetzen, dann ist das kein fauler Zauber, sondern altbewährtes Heilwissen. Der Ausdruck Zauberkräuter ist allerdings etwas irreführend."

Die richtigen Kräuter

"Wie viele verschiedene Pflanzen müssen wir denn suchen?" wollte Maria wissen. "Na, da haben wir viele Möglichkeiten", erklärte Anna, "auf jeden Fall muss es eine heilige Zahl sein, zum Beispiel die Drei und einige Zahlen, die sich daraus ergeben: 6, 9, 33, 66, 99. Drei ist göttlich und seit alters her bei den Menschen mit Religion verbunden. Aber auch die Sieben ist eine heilige Zahl, also können wir auch 7 oder 77 Kräuter sammeln.

Holunderstrauch

Holunderstrauch

"66, 77 und 99 können wir wohl vergessen", meinte Maria. "Aber 33 Wildkräuter finden wir vielleicht." "Ganz bestimmt" versprach Anna. "Es gibt viele Wildkräuter in der Eifel; noch haben Dünger und Pflanzenschutzmittel nicht alles zerstört. Und die Getreideähren und Futterpflanzen gehören ja auch dazu. Auch Äste mit Blättern von Büschen und Sträuchern können wir hinzunehmen, zum Beispiel vom Holunderstrauch, auch wenn die Blüten schon verweht und die Früchte noch nicht reif sind. Finden wir nicht genug Kräuter in der freien Natur, müssen wir im Hausgarten suchen: Bohnenkraut und Möhrenlaub, Anis und Basilikum, Breitlauch und Petersilie, aber auch Stiefmütterchen und Gänseblumen sind Heilpflanzen. Doch zuerst zeige ich dir eine wunderschöne Königskerze. Sie gehört zu den Donnerblumen. Ob sie nun wirklich bei Gewitter vor Blitzschlag schützen kann, sei dahingestellt, auf jeden Fall ist sie eine vielseitige Heilpflanze und hilft bei Husten und bei Hauterkrankungen. Ganz nebenbei gesagt - ein Sud aus den gelben Blüten ist für die Haarwäsche zu empfehlen. Das Haar wird weich und glänzend davon."

Die fast zwei Meter hohe Wetterkerze mit ihren wollig filzigen Blättern, übersät mit gelben Blüten, prangte auf einem kleinen Freischlag. Maria fiel der Geruch auf, süßlich und doch kräftig aromatisch. "Diese Prachtblume war die erste Kerze", erzählte Anna, "denn die alten Griechen überzogen den Stängel der Pflanze mit Wachs - und hatten damit die Kerze erfunden. Im Krautwisch schützt die Königskerze vor Blitzeinschlag, vor dem Himmelsbrand." Anna umschritt die Königskerze und sprach dabei:

"Unsere liebe Frau geht über das Land,
sie trägt den Himmelsbrand in ihrer Hand.
Brand schlag aus und nicht ein,
der Brand soll gelöscht sein."

Dann nahm sie ein kleines sichelartiges Messer und schnitt drei der kleineren Halme ab.

Die beiden Frauen waren viele Stunden unterwegs, durch tiefe Täler und dichte Eifelwälder, über Auen und Kahlschläge, durch Wiesen und Felder, auf trockenen Höhen und in sumpfigen Niederungen. Die Sonne brannte jetzt mit aller Kraft. Besonders Maria wischte sich mehrmals den Schweiß ab. Auf einer schattigen Bank ordneten die beiden Frauen schließlich die Lese. Es war allerhand zusammen gekommen: Beifuß, Wiesenknopf, Salbei, Arnika, Schafgarbe, Ackerwinde, Kamille, Baldrian, Frauenmantel, Zinnkraut, Tausendgüldenkraut, Wermut, Meisterwurz, Melisse und einiges mehr. Sogar blühendes Johanniskraut hatten sie noch gefunden, die Heilpflanze des Johannistages. Vorsichtig hatten die Frauen auch Brennnesseln abgeschnitten, die brennende Heilpflanze, die als Unkraut nicht gerade beliebt ist.

Sie hatten von jeder Pflanze drei Stück mitgenommen, denn einen Krautwisch wollten sie für Bärbchen zusammenstellen, einer war für Anna bestimmt und der andere für Maria. Als sie schließlich die Pflanzen ordneten und zählten, staunten sie nicht schlecht. Es waren genau 33 Stück, so dass die drei Sträuße zusammen die Zahl 99 ergaben. Anna und Maria umwickelten die Sträuße mit langen Grashalmen, die sie etwas in den Strauß mit einflochten. So konnten sie auf dem Heimweg kein Kräutlein verlieren.

"Du hast mir heute morgen sehr viel erklärt, Tante Anna", sagte Maria nach einiger Zeit, "das kann ich unmöglich alles behalten." "Ich werde alles, was ich weiß, aufschreiben", sagte Anna ernst, "aber auch in diesem Kräuterbüchlein der verstorbenen weisen Frau ist manches nachzulesen. Du wirst es einmal bekommen." In dem alten Büchlein waren auf der letzten freien Innenseite mit Bleistift einige Zeilen zu Mariä Himmelfahrt geschrieben. Anna las sie vor:

"Als, o Jungfrau, ganz du entrückt der Erde,
über Sternenhöh’n zogst, an demselbigen Tage
neigten blütenumschneit sich die ewigen Hügel
fromm dir entgegen ..."


(Jakob Balde S.J. 1604-1668)

Die ewigen Hügel! Die ewigen Hügel der Eifel! Als die beiden Frauen den Blick schweifen ließen, war es ihnen, als ob die Hügel sich tatsächlich neigten, sich tief verbeugten vor dem Himmel und der Erde, vor einem Augenblick der Ewigkeit. Eine ganze Weile saßen die Frauen still nebeneinander, ganz von dem Zauber der Natur eingefangen. Gesegnetes Land!