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Maikäfer flieg


Sophie Lange

In: Die Eifel. Zeitschrift des Eifelvereins. April 1995, Seite 216

Eines der bekanntesten und ältesten Kinderlieder ist die Weise vom Maikäfer. Eingebettet im vielfältigen Maibrauchtum kann das Lied den Kindern das Erwachen der Natur spielerisch nahe bringen. Im ripuarischen Sprachgebrauch lauten die Verse:

Maikäfer flieg,
denge Vatter es em Kreg,
den Motter es em Pommerland,
Pommerland es avgebrannt.

Laut rheinischem Wörterbuch war das „Pommerland“ austauschbar mit Bommer-, Bommel-, Nieder- oder Oberland. In der alten Fassung heißt es allerdings weder „Pommerland“ noch „Bommelland“, sondern Hollerland. Erst zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs wurde der Name in „Pommerland“ umgewandelt.

Hollerland ist nichts anderes als das Reich der Frau Holle, der märchenhaften Gestalt der einstigen dreifaltigen Göttin, die unter verschiedenen Namen – von Hel, Helic bis Holla, Hulda – von Kelten und Germanen verehrt wurde. Als Herrin der Lüfte kann sie Regen und Schnee bringen. Als Erdgöttin wohnt sie auf Bergen und in Erdhöhlen, aus denen sie die Kinder holt. Als Hüterin der Quellen verfügt sie als eigenmächtige Mutter über das lebensspendende und heilende Wasser. Die römischen Legionäre setzten die Holla mit der Venus, der Göttin des Maimonats, gleich. 1

Mit dem „Vater im Krieg“ ist der Gott Wodan gemeint, dem es als Kriegsgott zufällt, ständig im Kampf seinen Mann zu stehen. Seine Kinder muss er daher meist allein lassen. 2

In der Eifel bezeichnet man mit „Maikäfer“ allerdings nicht das braune Tierchen mit schwarzem Kopf, sondern im allgemeinen den Marienkäfer, das Käferchen mit flacher Körperunterseite und halbkugelig gewölbter, roter Oberseite mit schwarzen Punkten. Bei Berührung stellt sich der Marienkäfer oft tot. Hatte ein Kind einen Marienkäfer auf der Hand gefangen, so wollte es mit seinem Singen diesen wieder zum Leben erwecken. Das Liedchen vom Mai- bzw. Marienkäfer wurde so lange gesungen, bis das Käferchen seine Flügel ausbreitete und der Sonne entgegenflog. Für ein solches Kinderspiel war der Maikäfer nicht geeignet.

Die Unterscheidung zwischen Mai- und Marienkäfer ist aus Ahütte (Ahr) folgendermaßen überliefert: „Es kommt der Mai mit seinen Maikäferscharen und jeder Junge und jedes der kleinen Mädchen verwahrt eine Reihe der beliebten Krabbeltiere in einer kleinen Pappschachtel, versehen mit einem Schlitz und ausgepolstert mit frischem Grün. Aber nicht so sehr dem Maikäfer, sondern seinem Schwesterchen, dem schwarzgetupften Marienkäfer wird in den folgenden Wochen das weitverbreitete Liedchen gesungen:

Hetzendiereche fleech, (Herzenstierchen flieg)
fleech en d’r Kreech (Krieg),
fleech bes no Pommerland,
Pommerland es afgebrannt,
Hetzendierech fleech.“ 3

In der Eifeler „Volkskunde“ ist folgendes über das Maitierchen zu lesen: „Das Himmels- oder Herrgottstierchen, den Marienkäfer, sieht das Kind gar zu gern auffliegen, es setzt ihn auf die Hand und ruft erwartungsvoll:
Herrjottsdierchen flieg eweg (weg),
breng mer more (morgen) jut Wedder mat (mit).

Allgemein verbreitet ist die hochdeutsch gefasste Form:

Himmelstierchen flieg,
flieg hoch in die Luft!
Flieg in Herrgottsgärtchen.

Den Knaben muss der Maikäfer in ähnlicher Weise Kurzweil verschaffen; man nennt ihn in der Südeifel mundartlich durchweg einfach Käwer.“ 4

Hier wird der Maikäfer den Jungen zugeordnet, so dass anzunehmen ist, dass das Marienkäferchen den Mädchen näher steht.

Weitere Namen für den Marienkäfer sind: Frauenkäfer, Glückskäfer, Sonnenkäferlein, Herrgottskäfer, Kornbübchen, Maiköbbel und andere. Nach der Anzahl seiner Punkte heißt er Zweipunkt oder Siebenpunkt. Letzterer ist als Schokoladenkäfer im Mai überall zu kaufen. Doch auch die Geschäftsleute unterscheiden meist nicht zwischen Mai- und Marienkäfer. So wird sowohl der braune Maikäfer als auch der Siebenpunkt als „Maikäfer“ angeboten.

Das einst heilige Käferchen der Großen Göttin übernahm erst später den Namen der Muttergottes Maria, der himmlischen Maienkönigin. Als „Marienwürnchen“ wird es in folgendem Eifeler Kinderreim besungen:

„Marienwürmche fleeg!
Fleg en de Wolke!
Petrus hat jemolke
Sivve Köh’ on en Jeeß.“ 5
(sieben Kühe und eine Ziege).

In den Gegenden des Rheins kennt man ein Käferlied, in welchem man das Sonnenkäferlein zum „Herrgottsmütterlein“ schickt:
Liebes Sonnenkäferlein,
fliege über den Rhein,
bring dem Herrgottsmütterchen
ein Glas voll Wein. 6

Ein dem Marienkäferchen gewidmeter Vers aus Reifferscheid/Eifel hat sich zwar vom Ursprung entfernt, hat aber doch etwas Archaisches bewahrt:

„Frauenvützche fleeg fort!
Dä Vader os duet,
dä Modder os duet,
et Kengche kriescht (weint),
et Dööpche koucht, (das Töpfchen kocht),
de Kreeger (Krieger) kuen (kommen) zom Schornsteen erus.“ 7

Nicht nur das „Hollerland“ ist abgebrannt. Auch das naturverbundene „Kinderland“ fällt immer mehr einem großen „Weltenbrand“ zum Opfer. Kinderspiele im Freien und alte Kinderlieder sind fast ausgestorben. Nur noch selten kann man ein Kind beobachten, das einem Marienkäferchen zusingt: „Maikäfer flieg!“

Quellenangaben:

  1. Sonja Rüttner-Cova: Frau Holle. Die gestürzte Göttin, Basel 1986
  2. Franz Anton Paßmann: Das Schicksal der Muttergöttinnen, Siegburg 1994, S. 24 -37
  3. Gerta Hilgers: Alte Eifler Kinderlieder. In: Die Eifel 11/12 1961, Seite 257
  4. Dr. Adam Wrede: Eifeler Volkskunde, Frankfurt 1960, Seite 210, Erstauflage 1924
  5. Robert Legrand: Kinderreim im Eifeldorf. In: Eifelkalender 1939, Seite 61
  6. Ruth Dirx: Das Buch vom Spiel, Gelnhausen 1968, Seite 33
  7. Hubert Gierlichs: Wiegenlieder aus der Gegend von Reifferscheidt. In: Eifel-Kalender 1930, Seite 67