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In russischer Kriegsgefangenschaft Teil II

Von Friedrich Jakob Schruff, bearbeitet von Sophie Lange 1995

Inhalt

In russischer Kriegsgefangenschaft. Von Friedrich Jakob Schruff, bearbeitet von Sophie Lange 1995

Teil I
Vorwort
Wo sind sie geblieben
Von Belgien zur russischen Front
In Gefangenschaft
Der Marsch ins Ungewisse
Teil II
Unmenschliche Unterkünfte
In Waggons eingepfercht
In Moskau
Massensterben im Lazerett
Teil III
Eine amerikanische Kommission
Moderne Sklaven
Holzflößen auf der Wolga
Abtransport nach Sibirien
Teil IV
Sibirische Kälte
Das Ende des Krieges
Auf der Heimfahrt

Nachruf auf Friedrich Jakob Schruff, Nettersheim

Unmenschliche Unterkünfte

Durchfroren und ausgehungert erreichten wir einen großen Ort mit Bahnstation. Hier sollten wir verladen werden. Das Maß der Leiden war noch nicht voll. Jetzt erst begann das große Sterben. Nun war ein ausgehungerter und geschwächter Körper nicht mehr fähig, Krankheiten zu trotzen. In diesem Ort pferchte man uns in einer Schmiede so dicht zusammen, dass an sitzen oder gar liegen nicht zu denken war. Dicht zusammen gepfercht, todmüde und krank standen wir in dieser einsamen, kalten Schmiede. Das Dach war teilweise abgedeckt. Hier sollten wir bleiben, bis der Transport auf der Eisenbahn verladen würde. Es wurde Nacht. Die Sterne leuchteten friedlich durch das aufgerissene Dach auf uns unglückliche Opfer, die dem Tode geweiht waren, die aber weiterhin gequält wurden. Vor Müdigkeit und Schwäche sanken wir bald zusammen, einer fiel über den andern. Es gab eine furchtbare Schlägerei mit den Rumänen. Als der Morgen graute, hatten wir eine Anzahl Tote, die erstickt waren oder erdrückt oder erwürgt worden waren. Dazu wütete jetzt furchtbar der Typhus. Ein großes Fass stand in einer Ecke und diente als Abort. Der ganze Raum war nun bald von einem schrecklichen Gestank erfüllt. Die ansteckende Krankheit ergriff fast jeden Gefangenen. Am Abend erhielten wir etwas Brot und Hirsesuppe.

Die zweite Nacht wurde in dieser Schmiede noch schrecklicher. Ich hielt den Rosenkranz fest in der Hand und betete, Gott möge uns bald aus dieser furchtbaren Lage befreien. Am Morgen zogen die Posten mit großen langen Haken wieder eine große Zahl Tote aus der Schmiede. Tief schlugen sie die Haken in die Leichen. Es war ein schrecklicher Anblick. Auf unser Flehen und Bitten bei den Posten, uns aus unserer Lag zu befreien, wurden wir nachmittags herausgeführt. Wir sollten in eine größere Baracke untergebracht werden.

Fluchend trieben uns die Posten durch den Ort. Jammernd und stöhnend schleppten wir uns durch die Straßen. Wir stürzen und werden unter Stößen weiter getrieben. Wir sind keine Menschen mehr, nur noch jammervolle, erbärmliche Kreaturen. Mein Gott, gib mir Kraft, geduldig dein würdiger Nachfolger zu sein! Dieser Gedanke wurde mir zum Gebet, stärkte mich und gab mir den Trost, dass wir alle Kreuzträger Christi sind.

Vor einem größeren Gebäude erblickten wir unsere Offiziere, die man bei der Gefangennahme von uns getrennt hatte. Auch sie boten einen traurigen Anblick. Alle waren degradiert. Unser Kompaniechef rief meinem Freund zu: „Wagner, grüßen Sie mir die Heimat!“ Sie wohnten in derselben Gegend. Er fühlte wahrscheinlich sein nahes Ende. Ich war froh, die Offiziere wiederzusehen. Wir glaubten, diese seien längst erschossen worden. Doch erst später sollten sie alle ein furchtbares Ende finden.

Die Baracke war erreicht. Es war eine große, lange Halle, in der schon eine große Masse von Gefangenen untergebracht war. Wir erhielten jeder ein Stück Brot und wurden wie Vieh in die Baracke hinein getrieben. Sofort überfiel uns eine wilde Horde von Menschen. Sie stürzen sich auf uns wie die Bestien, reißen uns die Brocken vom Munde weg. Eine blutige Schlägerei hebt an. Menschen wälzen sich in Knäueln. Da kracht es hell und gemein. Die Posten schießen von draußen in die streitende Menschenmasse. Einem Kameraden wurde das Kinn, einem anderen beide Augen weggeschossen. Es ereigneten sich furchtbare Tragödien.

Menschen lagen nackt umher, in den letzten Zuckungen und mit geöffneten, glasigen Augen. Viele Tote, erwürgt, erschlagen oder vom Typhus hinweggerafft. Alle Berufe, alle Künste, alle Laster und alle Schlechtigkeiten der Menschheit sind hier vertreten. Es waren Gefangene vieler Nationen, die hier schon länger in Haft gehalten wurden, ausgehungert, entmenscht und vertiert. Zwei Tage bleiben wir in diesem Morden. Wir Deutsche schlossen uns eng zusammen, da wir ständig überfallen wurden. Die Nächte waren furchtbar. Schreckliches Brüllen und Heulen, Würgen und Erschlagen und eine große Kälte.

Auch einer der Besten meiner Kameraden sollte hier sterben. Ich werde es nie vergessen können. Wir saßen am Nachmittag des zweiten Tages zu einigen Kameraden in einem engen Kreis in dieser Baracke. Wir waren traurig, niedergeschlagen und verzweifelt. Kamerad D. aus Oberhausen hat Typhus und sitzt zusammen geknickt neben mir. Er weiß, dass er sterben muss. Er fantasiert und betet. Dann wird er ruhiger. Plötzlich sinkt er zusammen und ruft laut: „Heilige Maria, Muttergottes, hilf!“ Kamerad D. ist tot.

Wir waren tief erschüttert und beteten gemeinsam das Vaterunser für unseren lieben toten Kameraden. Dann legten wir ihn in eine Ecke zu anderen Leichen. Sogleich stürzte sich eine Anzahl Menschen wie wilde Bestien auf die Leiche und rissen sämtliche Kleider an sich. So erging es allen Sterbenden. Sie waren meist schon ausgezogen, bevor sie tot waren.

Wieder wurde es Nacht, eine Nacht mit Grauen, Tod und Entsetzen. Wir Deutsche scharten uns zu einem engen Kreis zusammen und kauerten auf dem hart gefrorenen Boden. Wie Gespenster geisterten Gestalten umher und verursachten Panik und Schrecken; dazwischen Schreien und Schießen der Posten.

In dieser Nacht hatte sich mein Freund Wagner fortgeschlichen. Mit großer Unruhe schlich ich ebenfalls durch die Baracke, um ihn zu suchen. Plötzlich hörte ich vor mir, tief aus der Erde, Jammern und Stöhnen vieler Menschen. Ich befand mich vor einem tiefen Schacht, in den wahrscheinlich viele hineingestürzt waren. Schaudernd schlich ich mich wieder vorsichtig zurück. Bald darauf kam auch mein Freund. Als der Morgen dämmerte, erschien eine Schar russischer Posten und trieb uns mit großem Lärm dawai, dawai schnell zum Ausgang. Wir sollten nun endlich verladen werden. In Viererreihen ging es zum Bahnhof. Man zählte über 2.000 Gefangene.

Auf dem Weg zum Bahnhof brachen noch viele Gefangene zusammen und wurden erschossen. Darunter waren noch zwei Kameraden meiner Einheit: Ein Kamerad aus Oberhausen und ein Kamerad mit Namen K., Solotänzer an der Oper ins Essen. Sie gingen kurz hinter mir, als die Schüsse peitschten.

Ich sah 2.000 Menschen verstörten Angesichts.
Ich sah 2.000 Menschen, die wanderten ins Nichts.
Wir zogen ins Ungewisse, voll Angst und Seelenqual,
und hinter uns verblasste, was unser Leben war.

So marschierten wir, müde, durchfroren, beraubt und hungrig daher.
Aus der Ferne hetzten Wölfe und Aasvögel hinter uns her.
Wir waren Todgeweihte, eine verfemte Menschenschar,
und fast 2.000 starben in Nacht, dem Wahnsinn nah.

Viele Kameraden erschossen, vom weißen Tot erfasst,
viele vom Fieber ergriffen, vom Typhus hinweggerafft.
Im „Paradies des Materialismus“ versanken sie ins Nichts,
kein Kreuz und keine Blume und keinen Heimatgruß.

Es geht ein Schrei durch Deutschland:
„Wo sind sie geblieben im Feindesland?“
Erschossen, verkommen, in Hunger und Haft,
von Fieber und Typhus hinweggerafft.

In Waggons eingepfercht

Auf dem Bahnhof angekommen, hofften wir, nun bald in geregelte Verhältnisse zu kommen. Aber die Waggons sollten zu Särgen und Totenkammern werden. Wir wurden hinein gepfercht zu etwa 100 Menschen. Auf der einen Seite des Waggons Deutsche, auf der anderen Seite Fremdländische. Es gibt ein Stoßen, Schieben und Streiten. „Es gehen nicht alle hinein!“ jammern wir. „Wartet nur! Wenn der Flecktyphus kommt, wird bald Platz genug sein!“ höhnen die Posten.

In der Nacht fuhr der Transport los; es sollte eine Todesfahrt werden. Die Gefangenen bitten um Luft, aber niemand beachtet sie. Zuerst flehen sie, dann schreien sie, schimpfen – und fluchen. Wenn sie wüssten, dass sie bald sterben müssen!

Nach der schrecklichen, 18-tägigen Hungerkur, die wir hinter uns hatten, erhielten wir jetzt jeden Tag ein Stück getrockneten Salzfisch und eine Scheibe Trockenbrot, aber kein Wasser zum Trinken. Mit Heißhunger wurden Salzfisch und das harte Brot verzehrt, was nun einen großen Durst verursachte. Alles Bitten und Flehen „Wasser! Wasser!“ half nichts. Der Durst plagte die Typhuskranken noch unerbittlicher als uns.

Was sich auf diesem schrecklichen Bahntransport abspielte, lässt sich kaum schildern. Die Leiden waren so unmenschlich, dass es kaum auszudenken ist. Auch in den anderen Waggons war es nicht anders. Was Hunger ist, wussten wir, aber Durst ist kein Vergleich dazu. Er macht die Menschen wahnsinnig. Kamerad Sch. und Kamerad St. starben am zweiten Tage unter schrecklichen Schmerzen. Die ersten Toten wurden, nachdem sie nackt ausgezogen waren, durch ein Schiebefenster oben in der Ecke des Waggons hinausgeworfen. So ging es einige Tage. Als die russischen Posten dies merkten, wurde in jedem Waggon mit Erschießen gedroht, falls noch eine Leiche aus dem fahrenden Zug geworfen würde. Mir wollte fast das Herz zerspringen, als liebe tote Kameraden so aus dem Zug geworfen wurden. Vielleicht geht es dir auch so, dachte ich und es überlief mich eiskalt. Meine Zuflucht und meine Hoffnung war mein Rosenkranz, den ich im Stillen immer wieder betete. Gott möge das Furchtbare beenden!

Der Ruf nach Wasser wurde mit jedem Tag stärker, immer brüllender und glich tierischen Lauten. Sehr viele wurden wahnsinnig und tobten durch den Waggon. So ging es drunter und drüber. Die Sterbenden singen und beten. Die Stimmen werden immer schwächer, dann hört man nur noch ein Röcheln die ganze Nacht hindurch. Einer sprang im Wahnsinn aus dem Waggon. Nachdem die Posten ihn wieder in unseren Waggon eingesperrt hatten, wurde er so geschlagen, dass er starb. Das Schiebetürchen wurde jetzt zugenagelt.

Im Waggon war kein Platz mehr trocken, da keine Stelle für die natürlichen Bedürfnisse vorhanden war. Es gab dadurch einen schrecklichen Gestank. Und nachts keine Ruhe! Nur Toben und Schlägereien! Morgens ein Ringen und Stoßen, um etwas Reif an den Wänden zu bekommen, um Zunge und Lippen zu kühlen, die trocken und rissig waren.

Oft sangen die Fieberkranken Heimatlieder. Die Wirklichkeit lässt sich kaum schildern. Sie riefen nach der Mutter, nach Frau und Kindern. Die Toten häuften sich immer mehr. Sie lagen nackt auf einem Haufen, nur noch Skelette. Sie grinsen einen an mit offenen Augen und offenem Mund, als ob sie sagen wollten: „Als nächster bist du an der Reihe!“

Ich war als einzige noch nicht vom Typhus befallen, und das war mein Glück. Ich war jedoch bis zum Tode ermattet und entkräftet. Meine Kameraden waren kaum noch zu erkennen, lange Bärte, hohle Augen, gelbe Haut, aufgesprungene Lippen.

In einer grausamen Nacht streckte der Tod auch seine kalten Hände nach mir aus. Grauen, Schrecken, Furcht! Die Wahnsinnigen toben, schreien und schlagen. Ich gerate in ein Menschenknäuel. Hände krallen sich um meinen Hals. Andere fallen auf mich – ich ringe nach Luft – die Sinne drohen zu schwinden. Meine Finger krallen sich in Todesangst mit letzter, unerhörter Anstrengung um den Hals des Wahnsinnigen. Ich fühle die Augen und packe zu. Ein furchtbarer Schrei. Die Hände des Wahnsinnigen lösen sich von meinem Hals. Ich bekomme wieder Luft und kann mich aus meiner furchtbaren Lage befreien. Im Todeskampf hatte ich beinahe einen Menschen getötet, der mich erwürgen wollte. Ich hatte ihn erblindet und wollte es nicht. Es war ein Pole. Am andern Tag starb er an Typhus.

Gott, wie furchtbar bestrafst du uns! Waren wir bereits Verdammte? Waren wir schon tot und in der Hölle? So fragte ich mich manchmal. Ich war bald selbst dem Wahnsinn nahe – und das war meine größte Angst. Ein anderer Pole rief immer: „Betet, Deutsche, ihr müsst alle sterben!“ Wir Deutsche hatten besonders viel unter den ausländischen Gefangenen zu leiden. Neben mir lag ein Pole. Sein Schlaf war wie das Lauern eines Raubtiers. Er packte andere oft in der Nacht und würgte sie. Am Tag murmelte er oft: „Diese Nacht ist der dran!“

Einmal reichten die Russen einen Eimer mit Wasser in den Waggon. Die Italiener stürzen sich auf das Wasser. Einer drängt den anderen ab. Fausthiebe rasseln dumpf nieder. Schreien, Fluchen, Beten, Bitten! Wir Deutsche erhalten wieder nichts. Meinem Freunde Wagner ging es sehr schlecht. Er hatte hohes Fieber und war schwer an Typhus erkrankt. Ich glaube, dass er auch Lungen- und Rippenfellentzündung hatte.

Am 16. Tag der Bahnfahrt hatten wir längeren Aufenthalt auf einem Bahnhof. Hier sollten aus jedem Waggon zwei Mann Wasser holen. Von den Deutschen aus unserem Waggon lebten – ich selbst eingeschlossen – nur noch fünf Mann. Wir waren zu etwa 60 Mann gewesen. Von den anderen Gefangenen im Waggon mochten 10 Mann gestorben sein. So ging ich für uns fünf Deutsche Wasser holen. Beim Antreten draußen traf ich Bekannte, die aus ihrem Wagen das gleiche Grauen schilderten. Ich traf einen Hauptfeldwebel, einen Ostpreußen, der fließend russisch sprach. Dieser war mit unseren Offizieren als Dolmetscher in einem Waggon zusammen gewesen. Er berichtete, dass die Offiziere alle tot seien.

Müde und steif schwankten wir über die Gleise zu einem Hydranten, wo das köstliche Wasser sprudelte. Wären wir nicht so steif gewesen und kaum fähig, die Glieder zu bewegen, würden wir hingestürzt sein. Wir fielen förmlich über den Wasserstrahl her, denn wie lange hatten wir das köstliche Nass entbehren müssen. Wir schrieen nur „Wasser! Wasser!“ Doch man hatte Mühe, an das Wasser heranzukommen. Es gab ein Schieben, Drücken, Stoßen und ein wildes Knäuel Menschen. Es wurde gezankt, geflucht, und die Posten schlugen mit den Kolben. Aber die Schläge spürte ich nicht. Ich lag unter dem Haufen Menschen und trank mich voll mit reinem, köstlichem Wasser.

Nun hieß es, schnell einige Geschirre für die Kameraden zu füllen, die schmachtend warteten, denn die Posten drängten schon zur Eile. Im Waggon angekommen, gab es ein Freudengeheul: Wasser! Oh, wie herrlich sind doch Gottes Gaben, die wir in guten Zeiten so wenig beachten! Das viele eiskalte Wasser, das ich getrunken hatte, bekam meinem kranken, schwachen Körper nicht gut. Es fror und schüttelte mich wie im Fieber.

Die Fahrt ging weiter, Stunde um Stunde durch die grausame, weiße Eintönigkeit Russlands. Ich bete und warte auf Erlösung aus dieser Hölle. Endlich sind wir am Ziel. 18 Tage und 18 Nächte dauerte die qualvolle Todesfahrt, die so vielen das Leben gekostet hatte.

In Moskau

Das Maschinengewehr im Einsatz

Das Maschinengewehr im Einsatz

Auf einem riesengroßen Bahnhof hieß es „Aussteigen!“ Doch das ging nicht so einfach. Die Kranken waren zu schwach und nicht fähig zu gehen. Sie blieben im Waggon. Mein Freund raffte seine letzten Kräfte zusammen und wollte mit mir hinaus, ebenfalls ein dritter Kamerad. Die beiden anderen blieben liegen. Die Posten sahen alle Waggons nach und befahlen, erst die Toten hinaus zu schaffen. Es graute mich bei dem Gedanken, diese Arbeit tun zu müssen. Doch schon packte mich ein Posten und befahl, mit der Arbeit zu beginnen. Ein Italiener musste mir helfen. Der größte Teil der Toten waren Deutsche. Die Toten lagen nackt auf einem Haufen geschichtet. Da es keine Abortmöglichkeit gab, waren Exkremente mit den Leichen zusammengefroren. Der Posten brachte mir eine Eisenstange, um die Leichen loszumachen. Ich weigerte mich, ich sei zu schwach dazu. Er schlug mich mit dem Kolben und drohte mit Erschießen. So musste ich die traurigste und schrecklichste Arbeit meines Lebens verrichten. Ich werde sie nie vergessen können. Ich musste dann mit dem Italiener, nachdem die Leichen losgeschlagen waren, dieselben mit den Händen hinaus schleppen und in die letzten Wagen des Zuges verladen.

Alle Waggons waren voller Leichen. Die meisten der 2.000 Gefangene des Transports waren gestorben. Ohne die Todkranken waren vielleicht 30 bis 40 Mann übrig. Diese mussten nun antreten. Wir sollen nun noch 50 km bis zu einem Lager marschieren.

Mein Freund brach in einem Fieberanfall zusammen und rief: „Posten, erschießen Sie mich, machen Sie ein Ende!“ Der Posten zwang ihn aufzustehen und befahl, er müsse zurück in den Waggon. Ich half meinem Freunde und wankte mit ihm zurück. Die Wachmannschaften ließen mich mit ihm gehen.

Wagner rief im Fieber wieder nach Wasser. Ich wankte zu einer Lokomotive, wo etwas warmes Wasser tropfte, um etwas aufzufangen. Doch schon nahm der Heizer ein langes Holzscheit und wollte auf mich losschlagen. Ich wich zurück und bittend gelang es mir, an einer anderen Lokomotive etwas Wasser für meinen todkranken Freund und für mich zu bekommen.

Wachposten sperrten mich und meinen Freund in den erstbesten Waggon ein, in welchem eine große Anzahl Leichen lag. Wir gaben nun alle Hoffnung auf und legten uns in eine Ecke, um zu sterben. Wir warteten auf den Tod und die Erlösung.

Unheimliche Stille herrschte ringsumher, die Stille der Verzweiflung, des Todes. Mein Freund fühlte die Nähe des Todes und verlangte zu beten. Er selbst war zu schwach dazu, und so betete ich für ihn die Sterbegebete. Wir hielten uns fest umschlungen und wollten zusammen sterben. Mein Freund wurde ganz ruhig. Mir wurde so leicht ums Herz. Ich verlangte nicht mehr nach dem Leben. Es war mir, als spürte ich den Frieden Gottes. Hier wurde mir das Sterben leicht. Noch einmal empfahl ich unser Leben und unsern Tod der Gottesmutter, mit einem letzten Vers auf den Lippen:

Es will das Licht des Lebens scheiden,
nun bricht die Todesnacht herein.
Die Seele will die Schwingen breiten.
Es muss, es muss gestorben sein.

Ich leg’ mein Flehen dir zu Füßen,
oh, trag’s empor zu Gottes Thron,
und lass Madonna, lass dich grüßen
durch des Gebetes frommen Ton.

Ave. Ave. Maria.

Es war längst Nacht geworden. Plötzlich pochte es an der Waggontür. Eine Frauenstimme rief, ob noch jemand drinnen sei. Ich gab zu verstehen, dass wir zwei Schwerkranke seien. Dann war es wieder still. Gleich darauf hörte ich wieder Stimmen und schwere Schritte. Die Tür wurde aufgemacht, und zwei Posten halfen uns aus dem Waggon. Draußen standen ein russischer Arzt und eine Krankenschwester. Auf ihren Befehl hin schleppten wir uns in eine Baracke. Diese war überfüllt mit Kranken und Sterbenden. Ständig wurden Tote hinausgetragen. Wie ein Wunder erschien es uns, dass es warm in der Baracke war. Der erste warme Aufenthalt nach 36 Tagen bitterer, grausamer Kälte. Es wurde uns gleich etwas wohler. Auch erhielten wir etwas Tee und ein Medikament.

Hier sah ich auch zwei Kameraden aus unserem Waggon. Einer war irrsinnig und der andere dem Tode nahe. Beide starben am anderen Tage. An diesem Tage wurden die ersten Kranken mit einem Auto fortgeschafft.

Mein Freund Wagner liegt da, todkrank, regungslos, mit weit geöffneten Augen und brennendem Gesicht. Mit ersterbender Stimme ruft er „Doktor, Doktor, helfen Sie mir! Ich habe Frau und drei Kinder.“ Der Arzt sah ihn an, schüttelte den Kopf. Dann schleifte man ihn hinaus. Ich habe ihn nie mehr gesehen und nie mehr etwas von ihm gehört. Ich bin überzeugt, dass er unmittelbar danach gestorben ist, denn sein Zustand war hoffnungslos. Ich habe sehr bedauert, dass ich nicht bei ihm bleiben konnte und war sehr traurig.

Einen Tag später wurde auch ich mit einem Auto weggebracht. Es ging durch die Stadt in ein großes Lazarett. In einem großen Saal mussten wir unsere Kleider ablegen und uns auf Bänke stellen. Russische Schwestern rasierten uns den ganzen Leib. Anschließend mussten wir unter Aufsicht von alten Frauen duschen. Wir waren so matt, dass wir kaum stehen konnten. Ich war hauptsächlich mit Rumänen und Italienern zusammen. Das Waschen unter der Brause war eine Wohltat, denn wir waren unendlich verschmutzt und verlaust. Die Läuse hatten sich schon tief in die Haut eingefressen. Nach der wohltuenden Reinigung erhielten wir einen leichten Überwurf und wurden dann halbnackt durch eine lange Straße getrieben. Einige jammerten und wankten, stürzten hin.

An den Seiten der Straßen standen dichte Menschenmengen und gafften. Ich erblickte große Gebäude und Türme. Wir waren in Moskau, wie mir später eine russische Ärztin sagte. Aus der Menge waren manche höhnische und spöttische Rufe zu hören. Wir wurden nun in ein russisches Hilfslazarett gebracht, das im Parterre und im ersten Stock je zwei große Räume hatte. Im geräumigen Korridor stand ein Klavier. Darauf prangte ein großer, präparierter Wolf. Als wir eintraten, spielte gerade jemand einen Strauß-Walzer. Eine Heimatmelodie, nach all dem Elend am Rande des Grabes!

Jetzt durften wir endlich auf Pritschen liegen und erhielten sogar Decken und heißen Tee. Bald überfiel mich ein tiefer Schlaf. Wie lange ich durchgeschlafen habe, weiß ich nicht, ich glaube einen Tag und zwei Nächte. Der Schlaf war die beste Medizin für mich, und ich hatte mich bald etwas erholt, besonders da wir jetzt täglich zweimal warme Suppe und etwas Brot erhielten.

Ich schlich bald durch alle Zimmer, um nach Bekannten zu forschen. Ich fand wohl noch einige Deutsche, doch meistens Italiener und Rumänen. Auf jedem Zimmer lagen zirka 100 bis 120 Gefangene. Auch hier fing schon wieder das Grauen an. Der unheimliche Geselle Flecktyphus hatte sich auch hier eingeschlichen und forderte seine Opfer. Ach, es ist entsetzlich, so unheimlich. Ringsumher herrscht Grauen, Furcht, Verzweiflung und – Wahnsinn. Da liegen sie, magere, bleiche, armselige Geschöpfe! Es ist das Entsetzlichste, das man sich vorstellen kann. Diese Menschen, bleich, hohlwangig, in den fieberglänzenden Augen die Todesangst. In ihrem verseuchten Blut, in ihrem ausgepumpten Körper schleppen die Gefangenen den gefährlichen Krankheitskeim, und das Ungeziefer sorgt für rasche Verbreitung. Die Laus ist der sicherste Verbreiter der Flecktyphusseuche. Bald waren nur noch auf jedem Zimmer 20 Gefangene; so stark griff die Seuche um sich.

Es wurde immer trostloser. Das Entsetzlichste sind die Augen der Kranken, stier, stumpf. Dieser Stumpfheit folgt der Wahnsinn. Ich nehme alle meine Kraft zusammen, um stark zu bleiben.

Das Essen wurde auch immer weniger. Zweimal am Tage gab es ¼ Liter Suppe, eine Scheibe Brot und einen Esslöffel kascha, eine Hirse- oder Graupengrütze. Die Russen schleppten fast alles fort. Oft versuchten die Italiener, einige Portionen kascha (Grütze) zu unterschlagen. Ich wagte es ebenfalls, was auch einige Male gut ging. Doch man hatte es bald bemerkt. Ich war als Deutscher so verhasst, dass man mich dem Kommissar meldete. Dieser schlug mich mit den Fäusten und entzog mir am nächsten Tag das Essen.

Die Abortverhältnisse waren hier – wie überall in Russland – katastrophal. In den Sälen waren die Betten und Fußböden nach einigen Tagen von den menschlichen Exkrementen so verunreinigt, dass sich die russischen Schwestern kaum noch um uns kümmerten. Man nahm uns die Decken und Strohsäcke ab. Nun mussten wir auf dem harten Holz liegen und waren der bitteren Kälte preisgegeben.

Geheizt wurde schon lange nicht mehr. Nachts hatte ein altes Weib die Aufsicht. Sie spukte zwischen den Betten umher und schlug auf die Gefangenen wegen der Unsauberkeit. Da meine Bretter noch sauber waren, zwang die Alte mich mit Schlägen, unseren Raum zu putzen. Nur mit großer Mühe und unter Schmerzen konnte ich die Arbeit verrichten. Ich brauchte fast die halbe Nacht dazu. Als Belohnung erhielt ich etwas Suppe und Brot.

Am furchtbarsten waren die bedrückenden Gedanken. Das Nachdenken trieb zum Wahnsinn. Ich betete darum jeden Tag meinen Rosenkranz, nicht nur einmal, sondern mehrmals. Mein Agnus-Dei hatte ein Rumäne mir längst gestohlen. Die Reliquie darin hatte er gegessen. Einmal stahl mir ein Italiener den Rosenkranz, doch ich konnte ihm diesen wieder abnehmen. Er hätte fast dabei eine Schlägerei gegeben, wenn mir nicht ein mir gut gesonnener Italiener mit Namen ‚Kolumbus’ beigestanden hätte. Dieser half mir später wieder einmal aus einer schwierigen Situation.

Wir waren jetzt nur noch zu 12 Gefangenen. Die anderen waren alle als Leichen hinausgeschafft worden, gestorben im Fieberwahn und Irrsinn. Ich war nun der einzige Deutsche. Kein Verständnis, kein tröstendes Wort! So verliefen die Tage eintönig, stumpfsinnig, unter dumpfem Brüten, auf den Tod wartend. Doch der gute Vater im Himmel wachte über mich und bewahrte mich vor Ansteckung des furchtbaren Flecktyphus. So entrann ich auch hier dem Tode und entkam dieser Hölle der Leiden und Seuchen.

Ende Februar wurden wir notdürftig bekleidet und auf Schlitten zur Bahn gebracht. Die Menschen auf den Straßen der Stadt Moskau gafften uns an und riefen uns höhnisch das Wort
Sibirien zu. Es schauderte mich, und es ergriff mich eine panische Angst. Oh Herr hilf mir! Du hast bis jetzt geholfen, so hilf mir auch weiterhin.

Diesmal dauerte der Bahntransport zwei Tage und zwei Nächte, in Kamittschka wurden wir in ein Lazarett gebracht. Hier waren schon viele Gefangene untergebracht. Nun wurden wir zum ersten Mal registriert. Daraus ergibt sich, dass viele Tausende Gefangene umkamen, ohne vom Russen namentlich erfasst worden zu sein. Sie werden vermisst bleiben. Der Russe ist deshalb nicht in der Lage, über diese Tausenden von Menschen Bericht zu erstatten oder ihren Tod zu beurkunden. Er wird sich aber dem Ausland gegenüber auch niemals diese Blöße geben. So wird er berichten: „Die Gefangenen sind zu Tausenden in unseren Lagern umgekommen.“ Meine Gruppenkameraden aus unserer Kompanie und viele andere Kameraden von mir sind ohne namentliche Erfassung in der Gefangenschaft gestorben.

Massensterben im Lazarett

Grimmige Kälte in Sibirien

Grimmige Kälte

In diesem Lazarett gab es dreimal am Tag etwas zu essen. Auch war die Betreuung etwas besser. Ich lag etliche Tage wieder als einziger Deutscher unter Menschen anderer Nationen. Als Deutscher wurde ich gehasst, verkannt und sogar oftmals um mein Brot gebracht. Später kam ich in ein anderes Zimmer, wo noch vier schwerverwundete deutsche Kameraden waren. Wir lagen auf dem Fußboden; neben mir ein Rumäne mit furchtbaren, eitrigen, stinkenden Wunden, daneben ein Deutscher in den letzten Zügen. Er ist noch sehr jung und ruft im Fieber immer wieder nach der Mutter. Ruhig schläft er ein, in die Ruhe des ewigen Friedens.

Die Aufsicht hatten hier italienische und rumänische Sanitäter, die mit den Gefangenen brutal umgingen. Ich beobachtete oft, dass Kranke zu Tode geschlagen wurden, weil sie mit ihren Exkrementen das Lager beschmutzt hatten. Es war ein Anblick des Jammers und des Erbarmens. Ich half meinen Kameraden, wo ich nur konnte. Sie konnten sich kaum selbst helfen und hatten oft furchtbare Schmerzen. Es passierte mir einmal ein sehr unangenehmes Missgeschick. Ich half einem Kameraden mal wieder auf einen Kübel, der schon bis obenhin gefüllt war. Als ich ihn festhielt, wurde ich so schwach, dass ich mit ihm hinfiel. Der Kübel stürzte um, und der stinkende Inhalt ergoss sich in das ganze Zimmer. Schon prasselten ein Dutzend Fäuste auf mich nieder. Unter dem Geschimpfe der Aufseher musste ich alles aufputzen.

Auch wurde uns Deutschen manchmal das Essen wegen einer Laus entzogen. Bei sich selbst übersahen die Ausländer das. Ein Deutscher litt furchtbar an einen Oberschenkelschuss und lag ständig im Eiter. Er hatte sich schon längst wund gelegen. Er trug sein Leid mit größter Geduld. Ich wusch ihn oftmals und erreichte bei den Russen, dass man mir ein Gummituch gab, das ich unter den Kameraden legte und immer wieder abwusch. Er starb bald an Wundfieber. Im Todeskampf hielt er mich umschlungen und bat mich weinend, für ihn den Rosenkranz zu beten. In der letzten Nacht tobte er, schlug um sich und rief mir zu: „Du kannst dir helfen, du kannst gehen, du kannst nach Hause – und ich muss sterben.“ Dann weinte er wieder und presste sich fest an mich. Morgens, als die Schwester kam, lag er in den letzten Zügen, mit offenen, glasigen Augen. Die Schwester lachte, schnitt eine Grimasse und sagte höhnisch: Njemez kaputt! (Deutscher kaputt!)

Kaum war er tot, musste ich mit einem Rumänen die Leiche heraustragen. Gerade tobte draußen ein schwerer Schneesturm. Wir waren barfuss und konnten uns in dem Sturm kaum halten. Der Rumäne ließ die Leiche fallen, und so war ich gezwungen, mit ihm schnell zurückzukehren.

Ein anderer Kamerad starb kurz darauf unter schlimmen Qualen. Auch diesen toten Kameraden musste ich mit heraustragen. Draußen stand eine große Baracke; diese war mit Leichen hoch aufgeschichtet. Als wir die Tür der Baracke öffneten, fielen uns etliche Leichen entgegen. Wir konnten die Tür nicht mehr schließen und liefen entsetzt und schaudernd zurück.

Man hatte übrigens den Verwundeten noch nicht die Verbände erneuert, die oft schon Wochen alt waren. So war das Verbandszeug total verschmutzt, die Wunden waren voller Maden. Die Schmerzen der Ärmsten waren unvorstellbar.

Ein anderer Kamerad, ein Sudetendeutscher, lag vollständig nackt auf seinem Strohsack. Er konnte sich vor Schmerzen kaum bewegen und stöhnte laut. Ich versuchte – so gut es eben ging – ihm zu helfen und ihn zu trösten. Als er starb, und die Leiche hinausgeschafft wurde, war selbst die russische Schwester entsetzt. Der ganze Körper war wund und faulend, unter ihm und in dem faulenden Strohsack krabbelten zahllose Maden. So fanden viele Gefangene einen furchtbaren Tod und wurden Märtyrer für ihr Vaterland.

Nun war ich wieder alleine unter Fremden. Mein einziger Freund blieb mein Rosenkranz, meine Zuflucht im Gebet und mein Trost. Er war mir besonders lieb und teuer, weil er von meiner Mutter war. Sie hatte ihn mir in die Hand gedrückt, als ich Soldat wurde. Beim Beten hatte ich immer das Gefühl, dass meine Mutter zur gleichen Zeit zu Hause für mich betete. Im Traum sah ich sie weinend mit dem Rosenkranz in den Händen, dann kam sie zu mir und brachte mir etwas zu essen, um meinen großen Hunger zu stillen. Doch wenn ich in diesem Traum gerade essen wollte, wurde ich immer wach, und der Hunger plagte mich noch furchtbarer. Dass ich meine Mutter immer im Traum sah, gab mir die Gewissheit: sie lebt und betet für dich, und ich – ich werde sie wiedersehen!

Eines Tages fand eine Schwester bei einer Läusekontrolle bei mir eine Laus. Sie drohte mir kaputt, kaputt! Ich hatte tatsächlich schon hohes Fieber und wurde weggebracht in ein Isolierhaus. Ich lag alleine auf einem Zimmer. Dann kam ein Italiener hinzu. Ein Sanitäter, ein Rumäne, sollte uns betreuen. Er schlug mich oft und nahm mir das Essen ab. Doch bald kam ich heraus auf einen langen Flur. Hier lagen viele Kranke, die Fleckfieber hatten. Ich wurde so vom Fieber geschüttelt, dass ich mich tagelang an nichts erinnern konnte. Ich erwachte gerade aus dem Fieberwahn, als mich ein russischer Arzt untersuchte. Er strich mir über den Kopf, blickte mich an mit gütigen Augen und sprach: „ Sie werden nicht sterben, Sie werden leben!“ Dieser Arzt war ein Jude, ein Mensch, der menschlich zu Menschen war; einer von denen, die man in Deutschland hasste und verfolgte und auf brutaler Weise ausrottete und vertrieb. Ich habe es in Russland oft erlebt, dass jüdische Ärzte und Ärztinnen sehr menschlich und gut waren.

Ich erholte mich langsam und es ging mir von Tag zu Tag besser. Aber ich war nur noch ein Skelett und wog noch 80 Pfund.

Draußen war es Frühling. Der schreckliche, russische Winter ging zu Ende, und mit der steigenden Sonne kamen auch langsam meine Kräfte wieder. Froh war ich, als ich wieder alleine zu den Aborten gehen konnte. Diese erreichte ich wankend, mich an den Betten und Wänden festhaltend.

Die Aborte boten ein schmutziges Bild. Fußhoch stand die Jauche in dem ganzen Raum. Bretter schwammen umher, und es war mir unmöglich, hindurchzukommen. Noch überlegend, was ich tun sollte, stand plötzlich ein Rumäne hinter mir. Er schlug mich mit der Faust in den Rücken, so dass ich in die schreckliche Brühe fiel. Nur mit Mühe konnte ich mich aus meiner unangenehmen Lage befreien. Vor der Tür sank ich erschöpft zusammen. Der junge Italiener ‚Kolumbus’, aus dem Lazarett in Moskau, kam mir zu Hilfe. Er wusch mich sauber, brachte mir Hemd und Unterhose und legte mich ins Bett.

Kurz darauf fand eine ärztliche Untersuchung statt. Ich wurde eine Etage höher in ein großes Zimmer verlegt. Es war die Höhle eines Löwen, eines brutalen Rumänen. Er war ein tierischer Mensch, der bei jeder Mahlzeit fünf bis sechs Portionen aß, die er den Kranken entzog. Beschwerte sich einer, so wurde er geschlagen. Ich sah, dass er Kranke aus dem Bett zog und diese so zurichtete, dass sie tot liegen blieben. Zwei rumänische Offiziere, die neben mir lagen, erzählten mir, dass dieser in Rumänien als Verbrecher steckbrieflich gesucht wurde.

Ich machte auch die Bekanntschaft eines Österreichers, der Professor für Geschichte an der Wiener Universität war. Nun waren die Tage nicht mehr so langweilig. Wir konnten uns erzählen und Gedanken austauschen. Wir sollten lange zusammenbleiben.

Im Lazarett wurde eines Tages ein Totengräberkommando zusammengestellt. Dieses Kommando sollte die Totenbaracke leeren und die Toten in ein Massengrab begraben. Es schauderte mich bei dem Gedanken. Wie würde es jetzt in dieser Baracke aussehen, da inzwischen Tauwetter eingetreten war? Das Kommando musste schon bald abgelöst werden. Die Menschen waren von der schrecklichen Arbeit körperlich und seelisch gebrochen. Bei den Leichen hatte schon die Verwesung eingesetzt. Es wimmelte nur so von Ratten.

Eines Tages traf mich hier ein trauriger Schicksalsschlag. Ein italienischer Sanitäter nahm mir meinen Rosenkranz ab. Ich konnte mich nicht zur Wehr setzen, und all mein Bitten war vergeblich. Es war für mich ein schmerzvoller Verlust. Ich hatte den Rosenkranz durch manche kritische Situation hindurch gebracht. Zweimal hatte eine Ärztin mir den Rosenkranz bei der Visite abgenommen. Jedes Mal gelang es mir, ihn wieder zu bekommen. Einmal fand ich ihn in einer Tischschublade, ein anderes Mal holte ich ihn mir aus der Kittelschürze der Ärztin, als sie diese in unserem Zimmer hängen ließ.

Ein anderes Mal bat mich eine russische Schwester, ihr meinen Rosenkranz zu zeigen. Ich tat es nur zögernd, doch sie drückte ihn an sich, küsste das Kreuz und reichte ihn mir mit Tränen in den Augen zurück. Diese Schwester war auch im ganzen Umgang mit den Gefangenen sehr freundlich und gut. Leider waren solche Menschen sehr selten.

Nun war ich noch ärmer geworden. Mein Agnus-Dei war fort, und das Letzte was ich besaß, meinen Rosenkranz, der mir Freund und Tröster geworden war, musste ich nun auch entbehren. Ich fühlte mich so einsam und gottverlassen wie nie zuvor. Gefangen, der Freiheit beraubt! Die schreckliche Ungewissheit über die Lieben daheim, über die Dauer des Krieges, über die Länge der Gefangenschaft! Ohne jede geistige und körperliche Betätigung! Ohne Religion! Und vor allen Dingen der quälende, furchtbare Hunger! Am schlimmsten traf mich jedoch das immer stärker aufkommende Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Ich konnte manchmal nicht mehr beten. Mein Herz war voll von Bitterkeit und Trostlosigkeit und nur mühsam kam es aus gequältem Herzen: „Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen!“

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

Teil I
Vorwort
Wo sind sie geblieben
Von Belgien zur russischen Front
In Gefangenschaft
Der Marsch ins Ungewisse
Teil II
Unmenschliche Unterkünfte
In Waggons eingepfercht
In Moskau
Massensterben im Lazerett
Teil III
Eine amerikanische Kommission
Moderne Sklaven
Holzflößen auf der Wolga
Abtransport nach Sibirien
Teil IV
Sibirische Kälte
Das Ende des Krieges
Auf der Heimfahrt


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