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Belgien De drie Gezusters

oder ein Fallbeispiel des heute noch praktizierten Matronenkultes der heiligen drei Schwestern, „de drie Gezusters“, in Belgien und Nordfrankreich im Volksglauben.
Von Hans A. Knur


Der noch vorhandene Gebetszyklus in der Volksdevotion erinnert mancherorts in der Tat überdeutlich an die „Triple-Matronen“ der Kelten. Es ist ein Unterschied bei den Heiligen, ob sie von gewöhnlichen Menschen angerufen werden oder solche, die von der Kirche in der Liturgie gefeiert werden. Das älteste christliche Zeugnis von drei heiligen Frauen findet man auf einem Siegel vom Kölner Bischof Pilgrim (1021-1036).
Schon die römischen Geschichtsschreiber beschrieben sie als die „Indulgentes - die Segnenden“. Die Germanen kannten sie als die drei Nornen, die den Lebensfaden spannen. Bei den Griechen kommen sie vor als die Moiren: Lachesis, Klotho und Atropos. Alle drei sind versehen mit einem Spinnstock und standen am Brunnen von allem Leben, wie bei unseren Kelten, und wachten über unser Wohl und Wehe. Im Besonderen werden sie als die Behüter von Mutter und Kind angesehen.
Da die Moiren (drei Matronen) in Griechenland nicht nur als Trias sondern auch einzeln dargestellt und verehrt wurden, möchte ich einen ähnlichen Fall heutigen Tages in Belgien vorstellen und darstellen, wie die Matronenverehrung in der Volksfrömmigkeit noch tief verwurzelt ist. Die Bezeichnung der Matronen in den Niederlanden ist „de drei Maagden“ (die drei Jungfrauen) oder de drei Juffern (Jungfrauen). Eine andere Bezeichnung ist „de drie Gezusters – die drei Schwestern“. Der Gebetszyklus der heiligen „drie Gezusters“ erinnert noch überdeutlich an die Triple-Matronen der Kelten.

Der Kult um die „drie heilige Gezusters“ St. Berti

Die drei Schwestern (Gezusters) in Heppeneert

Die drei Schwesten

Jede der drei Gezusters besaß ihren eigenen Brunnen, wovon die Brunnen von St. Genoveva und von St. Eutropia noch erhalten sind. Das hier verchristlcihte Trio bestand in seinem Leben nicht aus wirklichen Schwester, sie lebten drei Jahrhundert auseinander. Ihrer Hagiografie nach starb Eutropia im Jahre 407, Genoveva 512 und Bertila 687. Es ist in der Tat deutlich, dass sie eine durchsichtig kodierte Trias formen, um eine vorchristliche erdmütterliche Rolle zu übernehmen.

In Opoeteren (B) findet man die Bildnisse der „drei Gezusters“ in einer Kapelle als drei Matronen. Eigenartig ist, dass sie auch einzeln verehrt werden (siehe Moiren) und zwar: Genoveva in Zepperen, Bertilia in Brustem und Eutropia in Rijkel.

Figürlich werden alle drei gleich dargestellt: gerade stehend, gekleidet in einem Nonnenhabit. Jede wird von den Gläubigen für die gleichen Qualen angerufen und aus den Brunnen können die Pilger das besondere Wasser schöpfen. Da die Kultstätten nur wenige Kilometer auseinander liegen, werden auch alle drei von den Bittenden besucht.

In Rosmeer, wo Bertilia als Mutter der drei Gezusters verehrt wird (als Mutter der Matronen), ist diese Verwirrung aus der Volksdevotie gewachsen. Der Lebenslauf beider Bertilias ist der gleiche. Andere meinen, dass Bertilia, die Mutter, eine andere Bertilia und zwar Bertilia von Celles bei Paris ist, wo sie Äbtissin war. Sie starb um 700.

Der Brunnen bei der Kirche spielte eine besondere Rolle in der Verehrung. Hier machte man die Wasserprobe. Die Wallfahrer hatten aus der Kleidung von Kranken ein Stückchen Stoff dabei, für den sie zu bitten gedachten. Dieses wurde in das Wasser geworfen. Blieb das Stoffstückchen treiben, dann sollte der Kranke genesen, sank es, dann musste man sich an einen anderen Heiligen wenden.

Die Ausbreitung dieser Verehrung der „drie Gezusters“ muss man in der karolingischen Zeit ansiedeln, als sie durch den Bischof Remaclus und dieum das Jahr 800 schon feste Formen angenommen hatte.

Die Heilige Genoveva:

aus Dämonen und Naturgeister Beck 1990

Königin Berta

Wenn wir uns den Namen Genoveva auf ihre buchstäbliche Bezeichnung ansehen, dann entnehmen wir den keltischen Namen „ Guineveire – Gwenwhyfar“, gwen = weiß, wyfar = Dame, witte juffrou (weiße Jungfrau) (weise). Die hier verehrte Genoveva kam aus Paris. Bis zum 5. Jahrhundert stand die gallische Stadt unter den Schirm einer schwarz abgebildeten Muttergöttin, laut r. Geschichtsschreibung eine Art Isis, die später durch die Heilige Genoveva abgelöst wurde. Wenn wir uns in ihre Hagiografie einlesen, finden wir einen erdmütterlichen Aspekt nach dem anderen. Mit 15 Jahren nahm sie zusammen mit zwei anderen Mädchen den Schleier, sie waren also wieder zu dritt. Sie trank niemals Milch oder Wein, immer Wasser. Ihre Mutter verbot ihr zu betteln und gab ihr einen Klaps, worauf sie sofort blind wurde. Zwei Jahre später, nachdem Genoveva ihrer Mutter ein Kreuzzeichen mit Wasser gemacht hatte, genas diese.

Sie rettete Paris vor den Franken und den Hunnen.
Sie rettete Paris vor Hungersnot und führte über die Seine Essbares heran.
Sie rettete die Menschen bei einer Dürre und ließ Wasser fließen.
Sie stoppte übergroßen Regenfall.
Sie ließ Blinde wieder sehen.

Ihre stofflichen Überreste werden bei allgemeiner Gefahr durch die Stadt getragen. Auf alten Bildnissen ist sie sehr erdmütterlich abgebildet. In der einen Hand hält sie eine brennende Kerze als Zeichen von Weisheit und Leben, in der anderen ein Buch.

In Frankreich wird sie oft mit einem Garnknäuel abgebildet. Dieses Attribut stellt sie den Schicksalsgöttinnen gleich. Die Nornen kannten eine Muttergöttin, die stark mit Freya verwandt war und mit den Namen „Gefin und Gefion“ angedeutet wurde. Im altgermanischen nannte man einen Spinner einen „Geväf oder Geviofu“. In Zepperen opferte das Volk Garn, Nadeln und Getreide an die Heilige Genoveva.

Die Heilige Eutropia: (Rijkel)

Sie war geboren in Reims, war die Schwester von Bischof Nicasius und starb wie ihr Bruder durch einen Überfall der Hunnen und Vandalen. Die römische Benennung „Eutropia“ ruft inhaltlich und fonetisch die Erinnerung an die griechische Schicksalsgöttin Atropos und auch an unsere einheimische Alma Mater wach: Eutropia heißt „gute Ernährerin“. Im französisch sprechenden Teil Europas wird sie oft als St. Golle angedeutet. Dadurch wird das Band mit Holle-Holda verstärkt. In ihrem Verehrungsort Rijkel fließt der Fluss „Golmerbeek“ (Hollebach).

Die Heilige Bertilia: Brustem

Holzschnitzgravur; Abtei Averbode

Die Heilige Bertilia

Sie stammte aus Maroeil und war von adeliger Herkunft aus der Familie des fränkischen Fürsten Clovis (Chlodwig). Sie heiratete einen Edelmann aus der Auvergne und legte wie ihr Mann ein Gelübde ewiger Keuschheit ab. Noch zu ihren Lebzeiten vollbrachte sie viele Wunder. Wie die beiden anderen hält sie in der einen Hand ein Buch und in der anderen den so typisierenden Spinnrocken. Ihr Name bedeutet schillernder Verstand. Hiermit wird auf den fraulichen Charakter der Weisheit in germanischen Auffassungen hingewiesen. Es ist evident, dass das römische männliche Dreikönigsfest eine Kodierung ist an eine einheimische Feier zu Ehren der drei Schicksalsgöttinnen. Die Dreikönigsnacht wird in Deutschland im Volksmund noch „Berchtennacht“ genannt, verweisend auf die keltische Göttin Berchta oder Perchta. In England ist es noch deutlicher, da man am Dreikönigs-Tag von „St.- Distaffsday“ (= Heiliger Spinnstocktag) spricht. Man feiert dann „the old Bet“. Im Mittelalter verbreitete sich auch ein Kult um die Königin „Bertha“. Sie trug einen Spinnstock und hatte Macht über die Ernte und das Vieh.
Ein anderer sehr interessanter Kultort, an dem alleine St. Bertilia verehrt wird ist Rosmeer – (Bilzen), dessen Name wiederum auf die keltische Göttin Rosmerta hinweist. Auch hier ist noch ein Opferbrunnen vorhanden.
Die „drei Gezusters“ werden vornehmlich bei folgenden Krankheiten angerufen: Kinderkrankheiten, Augenleiden, Nervenleiden, Brustqualen, Hautkrankheiten.


Hans A. Knur
hansaknur@aol.com