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Eine bedeutungsvolle Kultlinie zwischen den Matronenheiligtümern Bonn und Nettersheim

von Dr. Horst Bursch

Eifel Jahrbuch 1999
Bewusst "nur nebenbei erwähnt" Sophie Lange in ihrer inhaltsreichen Untersuchung "Wo Göttinnen das Land beschützten/Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein" (Sonsbeck 1994, S. 81), dass die drei bekanntesten Eifeler Matronenheiligtümer von Nettersheim ("auf der Görresburg": MATRONAE AUFANIAE), Zingsheim ("vor Hirschberg": MATRONAE FACHINEHAE) und Pesch/Nöthen ("auf dem Addig": MATRONAE VACALLINEHAE, MATRONAE LEUDINAE) "auf einer geraden Linie liegen".

Grafik

Kultlinie Nettersheim - Pesch

Misst man auf einem detaillierten Situationsplan die jeweiligen Entfernungen dieser 1907/1909 bzw. 1913/1918 entdeckten und archäologisch eingehend untersuchten Tempelbezirke zueinander ab, stellt man ein Verhältnis von ziemlich genau 1 zu 1,5 fest: Nettersheim-Zingsheim: 3,4 Kilometer, Zingsheim-Pesch/Nöthen: 5,1 Kilometer (vgl. H. G. Horn, in: Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 26: Nordöstliches Eifelvorland, Mainz 1974, S. 77, mit einer Karte nach W. Sage). Ist dieses symmetrische Verhältnis an sich schon bemerkenswert, wobei die Frage der Absichtlichkeit bzw. des Zufalls nicht beantwortet werden kann, so setzt uns die Tatsache in Erstaunen, dass die nordöstliche Verlängerung dieser virtuellen Linie auf die Stadt Bonn weist, wo sie exakt auf die dortige Hauptkirche trifft, das romanische Münster St. Cassius und St. Florentius, unter dessen Krypta und Grundmauern in den Jahren 1928 und 1929 überraschenderweise außer 34 anderen römischen Weihesteinen genau 36 Denkmäler entdeckt wurden, die den "Matronae Aufaniae", also den aufanischen Matronen, geweiht waren und die sich als kulturhistorisch hochbedeutsam erweisen sollten (vgl. H. Lehner, in: Bonner Jahrbücher 134, 1929, S. 142; S. Lange, S. 65, 171 ff.).

Auf diese im wahrsten Sinne des Wortes "gerade" Beziehung zwischen den aufanischen Matronenheiligtümern in Nettersheim und Bonn sollen nachstehend ein paar Schlaglichter geworfen werden, denn die erwähnte Linie und die dadurch dingfest zu machenden Beziehungen sind bisher noch nie in Betracht gezogen worden.

Kultlinie Nettersheim - Bonn

Die Tatsache, dass auf der gestreckten Linie Nettersheim-Bonn bereits auf den ersten 8,5 Kilometern drei bedeutende Matronenheiligtümer dokumentiert sind, führt zu der Vermutung nach weiteren bzw. Fundplätzen für Matronenweihungen im Verlauf dieser 44 Kilometer Luftlinie betragenden Strecke von den Höhen der Eifel bis an den Rhein. Tatsächlich hatte man 1858 in Kirchheim, durch dessen Ortskern die gedachte Linie verläuft, einen Weihestein für die im ubischen Stammesgebiet recht weitverbreiteten "Matronae Gabiae" entdeckt (S. Lange, S. 145). 1895 gelangten zwei weitere Matronensteine an das Bonner Provinzialmuseum, die seinerzeit in der Nähe der Eisenbahnlinie Bonn-Euskirchen, -dicht an der von Palmersheim kommenden Römerstraße-, zum Vorschein gekommen waren (ebendort). In jenem Abschnitt kreuzt der "Römerkanal", die berühmte zwischen Nettersheim und Urft ihren Anfang nehmende und nach dem römischen Köln führende Wasserleitung, die hier skizzierte Linie. Es ist nicht auszuschließen, dass die beiden den "Matronae Aserecinahae" geweihte Steindenkmäler in Verbindung zu jenem Aquädukt standen, dessen Schutz man mit Blick auf einen begrenzten Teilabschnitt diesen Göttinnen anvertrauen mochte. Ein zweiter Schnittpunkt zwischen der Eifelwasserleitung und der besagten "Matronenlinie" findet sich bei Buschhoven am Rande des Kottenforstes. Bisher sind keine weiteren Funde von Matronensteinen oder gar Tempelanlagen im Verlauf unserer Linie gemacht worden, sieht man einmal von einem verschollenen und nicht belegbaren Fund zwischen Nieder- und Oberdrees ab.

Aus dem etwa einen Kilometer westlich der Matronenlinie Nettersheim-Bonn gelegenen Iversheim stammt freilich ein Votivstein für die besonders in Nöthen/Pesch verehrten "Matronae Vacallinihae" (S. Lange, S. 116). Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Weihung eines gewissen Crispinus an die fachinehischen Matronen in Zingsheim (S. Lange, S. 141), der möglicherweise dem etwas abseits der hier untersuchten Linie gelegenen Dorf Kirspenich als eventueller Ortsgründer den Namen gegeben hat: "Crispiniacum" (zum Gutsverband der Leute des Crispinius: vgl. W. Kaspers, Die - acum-Ortsnamen des Rheinlandes, Halle/S. 1921, S. 13, Nr. 16, mit einem Hinweis auf ein weiteres altes Crispiniacum bei Bitburg).

Obgleich Sophie Lange nicht näher auf die Linie Nettersheim-Bonn eingeht, stellt sie im Bewusstsein um derartige Linien allgemein fest (S. 81 f.): "Von einem Kultplatz aus musste man einerseits einen freien Weitblick haben, andererseits musste aber auch der heilige Bezirk als solcher bereits aus der Ferne zu erkennen sein. Obwohl die Tempelanlage in Nettersheim nicht auf dem höchsten Plateau des Geländes liegt, ist sie doch regelrechter "Blickpunkt". (...) Wichtig war bei der Nutzung eines Platzes als Verehrungsstätte der Götter, dass eine visuelle Verbindung zu anderen Orten und Kultstätten möglich war, so dass das ganze Land in einer geistigen Verbindung miteinander stand." Sophie Lange zitiert aus der wissenschaftlichen Literatur Beispiele für solche "Kult"- oder "Visurlinien", die eine Art geistiger und religiös-mythischer Verbindungslinien darstellen. "Pilgerpfade können diesen Visurlinien gefolgt sein. Ebenfalls können diese Sichtlinien als "Nachrichtennetz" genutzt worden sein, denn von den Kelten hatten die Römer ein Warn- und Informationsnetz übernommen, das mittels Feuer oder Spiegelglas bei Kriegsgefahr eine Warnung weitergeben konnte. (...) In Nettersheim sind diese Verbindungen durch geologische Besonderheiten gut vorstellbar" (S. 82).

Aufanische Verbindung Nettersheim - Bonn

Die "aufanische" Beziehung zwischen Nettersheim und Bonn, die ihren Ausdruck in einer schnurgeraden Kultlinie findet, ist in der wissenschaftlichen Spezialliteratur hervorragend dokumentiert. Man konnte feststellen, dass im Jahr 161 n.Chr. der Kult der Bonner Matronae Aufaniae ins Leben gerufen wurde und keiner der vor allem in Bonn und Nettersheim belegten Matronenkulte jemals "die Verbreitung des Aufanienkultes erfahren hat" (Chr. B. Rüger, in: Matronen und verwandte Gottheiten, Beihefte der Bonner Jahrbücher, Bd. 44, Bonn, Köln1987, S. 22). Rüger erklärt das präzise Jahresdatum 161 folgendermaßen (S. 24): "Seit dem Beginn des zweiten Kriegsjahres in Trajans Dakerkrieg Winter 101 auf 102, von dem sie 107 in ihr Bonner Lager zurückkehrte, hatte die Legion in ihrer Gesamtheit Bonn nicht mehr verlassen. (...) 161 beginnen die Vorbereitungen für den Parther-Feldzug des Marcus, zu dem die Prima Minerva mit ihrem Legaten Marcus Claudius Fronto, also in ihrer Gesamtheit, Marschbefehl erhielt. (...) Der Befehl mag in Bonn große Erschütterung ausgelöst haben, die sich gewiss religiös niederschlug. Wir sehen in der Ausbringung besonderer persönlicher Vota an einen alten (...) vorhandenen Mütterkult der Kölner Bucht und seine Aufwertung durch die Legionsgarnison anlässlich von deren Abmarsch in den Kaukasus den Ursprung des Aufanien-Kultes". Die siegreiche Rückkehr der Bonner Legionssoldaten wird als Anlass der Einlösung der zuvor gemachten Gelübde gesehen. Dabei nimmt, wie Rüger formuliert, "die 'Prominenz' im großen und ganzen, gemessen an Bonn, im Hinterland drastisch ab", wobei sich freilich vor allem die in Nettersheim stationierten Benefiziarier der Ersten Legion hervortun (S. 25).

Katzensteine bei Katzvey / Mechernich

Katzensteine bei Katzvey / Mechernich

H. G. Horn konnte nachweisen, dass "die Verbindung der Benefiziarier in Nettersheim zum Standort ihrer Truppe in Bonn" außerordentlich eng war, denn: "Ihre Weihungen zeigten ganz bewusst die Matronendreiheiten und damit das Bonner Kultbild" (ebendort, S. 54), das "auf annähernd 80 Jahre verbindlich für alle Matronendarstellungen im Ubiergebiet" wurde und "in römischer Zeit eine zentrale Funktion bei der Verehrung der ubischen Matronen gehabt haben" müsse (S. 53). Das Bonner Kultbild, das gerade für Nettersheim das unmittelbare Vorbild abgibt, zeigt die drei Matronen in ihrer typischen Stammestracht, in einer Nische sitzend und verschiedene Früchte in ihren Händen auf dem Schoß haltend. Die auf der Nettersheimer Görresburg innerhalb des dortigen Matronenheiligtums aufgestellten Abgüsse der hier entdeckten Matronenaltäre zeigen diese ikonographisch stereotype Darstellung auf eindrucksvolle Art und Weise.

Matronenstein aus Bonn mit Opferszene

Matronenstein aus Bonn mit Opferszene

Nachweislich stellt Nettersheim den End- bzw. Anfangspunkt der hier beschriebenen Matronenlinie dar, denn nach der entgegengesetzten Seite verliert sich eine gedachte Linie im Inneren Galliens, und zwar ohne konkreten Bezugspunkt. Zwischen Nettersheim und Bonn aber erstreckt sich ein sehr dichtes, wahrscheinlich lückenloses Verehrungsgebiet für die Matronen, deren Wirkungsbereich in überschaubare Bezirke eingeteilt war. Auf der nach Bonn zu gelegenen Linie belegen dies die drei Matronenheiligtümer von Nettersheim, Zingsheim sowie Pesch/Nöthen mit ihren jeweiligen Matronengruppen ohne Abstriche.

Es wäre einmal lohnend, anderen möglichen Kultlinien, von denen die Eifel eventuell durchzogen ist, nachzuspüren. Dabei könnte es interessant sein, auch lokalen "Kraftlinien" Aufmerksamkeit zu schenken, wie dies 1991 beispielhaft W. Brüll im Jahrbuch des Kreises Euskirchen getan hat: "Spuren keltischer Religion und Mythologie bei Weyer" (S. 114-123).

Ich bedanke mich bei Herrn Dr. Bursch für die freundliche Genehmigung, den Artikel auf meine Homepage übernehmen zu dürfen. Sophie Lange


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