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Juffern, Matronen und drei Marien


Juffern, Matronen und drei Marien Sagen im Raum Eschweiler (Aachen)

von Sophie Lange

In: Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins, 12/1991

Die Römer hatten eine mannigfaltige Götterwelt und doch übernahmen sie die Verehrung von Gottheiten der Barbaren. Bei den Legionären des Ubiergebietes in der Kölner Bucht sowie in den angrenzenden Regionen waren besonders die Matronen-Göttinnen beliebt.

Die drei Matronen

Bei der Christianisierung wurden die alten Götter verboten, lebten jedoch in der Volksfrömmigkeit weiter. Die drei Matronen erfuhren eine Umtaufe in Heilige: drei Marien, drei Ewige, drei Schwestern, Fides, Spes und Caritas und andere. 1 Auch in die Marienverehrung floss vorchristlicher Göttinnenglaube ein. 2 In der Sagenwelt spukten die Matronen als geheimnisvolle Juffern weiter, als Einzelperson oder in Zweier- oder Dreierform.

Legenden der Marien und Sagen der Juffern hat Heinrich Hoffmann 1914 im zweiten Teil seiner „Volkskunde des Jülicher Landes, Sagen aus dem Indegebiet“ veröffentlicht. (Jeweilige Sagennummer in Klammern angegeben.) Prof. Dr. Capitaine, Eschweiler, schreibt im Geleitwort dieses 482 Sagen umfassenden Werkes: „Die Sagen sollen Zeugnis geben, wie das Volk der hiesigen Gegend damals gedacht hat, was es glaubte, was es erzählte und wovor es sich fürchtete.“

Auffällig ist, dass die Juffernsagen meist dort erzählt wurden, wo man Matronensteine fand. Da sich in den Erzählungen viele gleiche Elemente erhalten haben, kann angenommen werden, dass die Erzählungen vorwiegend auf altes Wissen basieren und sich nur selten an aufgefundenen Matronensteinen orientieren.

Drei Marien

Von der Verehrung der drei Marien berichtet eine Erzählung aus Frauenrath. In der dortigen einstigen Kapelle wurden die drei Marien verehrt; ihre Namen waren Kriesch-, Pell- und Schwellmärge: „Man glaubte von ihnen, ihre Fürbitte sei vor Gott besonders machtvoll bei Weinenden, Zehrenden und Schwellenden.“ (Nr. 102)

Später ging diese Verehrung nach Dürboslar über. Auch in Höngen sollen die drei Märgen verehrt worden sein. Aus Röhe ist zu erfahren: „Die Juffern, die dort verehrt wurden, nannte man de Päll-Märge, de Gräll-Märge on de Schwäll-Märge“. (Nr. 379)

Heidentempel und Kirchen

Eine Parallele zu vorchristlichen Zeiten zieht eine Sage, die die Kirche von Langerwehe als Heidentempel bezeichnet. (Nr. 182) Das ist nicht ungewöhnlich, denn „so manche alte Kirche unseres Landes steht an der Stelle, wo vordem ein heidnischer Tempel oder vielleicht nur eine Opferstätte der Vorzeit gewesen ist.“ 3

Zu einer Kirche neuerer Zeit zieht es die Juffern von Weisweiler: „Wenn vom nahen Kirchturm die Uhr die Mitternachtsstunde verkündet, so öffnet sich unter geisterhaftem Knarren das Tor der alten Burg Weisweiler. Aus dem Burghofe hervor schreiten langsam und bedächtig drei Jungfrauen in wallenden weißen Gewändern. Unter dumpfem Gemurmel bewegen sie sich zur nahen Kirche.“ (Nr. 317)

Dass sich die Beziehung von Juffern zur Religion im Volk erhalten hat, zeigt eine Sage, in der ein Kreuz Treffpunkt der Spukgestalten ist: „Zwischen Hehlrath und Röhe stand ein Kreuz. Hier kamen nachts drei verwünschte Jungfrauen, die nach Mitternacht wieder verschwanden.“ (Nr. 392)

Erinnerung an die römische Fremdherrschaft wird in mancher Sage mit dem Juffernglauben verbunden: „An der Stelle, wo die Juffer erschien, sollen Fundamente alter Gebäude und sonstige Baureste sich vorfinden. Auch sollen der Sage nach im düstere Böschche die Römer Kalk gebrannt haben, wie die vielen Löcher beweisen.“ (Nr. 305)

Der Lieblingswanderweg der Juffern war manchmal eine alte römische Landstraße. Auf dem alten Römerweg bei Gey, auf der Römerstraße bei Hambach und am Römerkanal bei Urft/Eifel sind die feenhaften Frauengestalten erschienen.

Trauernde Juffern

Die Juffern werden als weißgekleidet und tiefverschleiert beschrieben: „Es waren Damen in weißer Gewandung, deren Angesicht ein lang herabwallender weißer Schleier verhüllte.“ (Nr. 175) Die Gewänder erinnern an die Ubiertracht der Matronen. Die charakteristischen Hauben der Matronen sind in den Juffernsagen nicht zu finden. Ein Hütchen mit drei Spitzen trägt allerdings eine seidengekleidete Juffer vom Haus Verken zwischen Pier und Merken bei Düren. 4

Die Entthronung der göttlichen Matronen wird in den Juffernsagen dadurch deutlich, dass die weiße Juffer zur schwarzen Juffer wird. Die Juffer von Jüngersdorf „trug ein schwarzes Gewand wie in Trauer, und ihr Angesicht verhüllte ein lang herabwallender, schwarzer Schleier.“ (Nr. 174) Eine Juffer mit schwarzem Gewand und schwarzem Schleier schritt durch die Felder von Euchen nach Bardenberg. (Nr. 429) Die Juffer von Volkrath soll „halbweiß und halbschwarz umgegangen sein.“ (Nr. 305)

Die ruschige Juffer von Weisweiler, die ihren Namen „von ihren wie Seide knisternden Gewändern“ (Nr. 316 a) hat, spukt sowohl in Freuden- als auch in Trauerkleidung durch Nacht und Nebel: „Auf dem Wege vom Hause Palant nach der Burg Weisweiler wanderte zu nächtlicher Stunde eine weißgekleidete, tiefverschleierte Frauengestalt. Ein Schäfer von Palant sah sie zufällig nachts beim Eingang des Schafstalles an sich vorüberschreiten. Nach ihm war sie in schwarze Gewänder gekleidet und trug einen langen weißen Schleier, der ihr Antlitz ganz verhüllte.“ (Nr. 316 b)

Eine extravagante Kleidung trägt eine andere Juffer: „Früher erschien hier am Hohenstein jeden Abend eine Juffer, die dort umherwandelte; sie trug ein seidenes Kleid und hatte immer einen Sonnenschirm.“ (Nr. 385) Durch die vornehme Kleiderpracht distanzieren sich die Juffern entschieden von hässlichen, alten Hexen-Märchengestalten.

Kopflose Juffern

In der Geisterwelt irrten auch kopflose Juffern umher. Sie können auf die christlichen Missionare hinweisen, die Götterstatuen zerschlugen und die steinernen Matronen enthaupteten. In der Volksfantasie schlug sich das in Erzählungen folgender Art nieder: „Zwischen Kinzweiler und Hehlrath soll früher oft eine Frau erschienen sein, welche keinen Kopf hatte. Sie zeigte sich dort auf den Feldern und stieß Verwünschungen gegen die Leute aus.“ (Nr. 408) Eine andere Sage weiß zu berichten: „Durch die Feldflur um Hastenrath herum wanderte zur hellen Tageszeit früher eine Juffer ohne Kopf.“ (Nr. 286 b) Auch in einer alten Ritterburg von Kinzweiler „trieb sich in den Gemäuern eine Juffer ohne Kopf herum.“ (Nr. 418)

Vor Schreck den Kopf verlieren sollte man auch nicht in Lürken, wenn einem kopflose Geister über den Weg laufen: „Die Sage kündet uns aus alter Zeit, dass früher in Lürken jeden Abend drei Geister mit weißen Gewändern aber ohne Kopf erschienen und auf einmal verschwunden waren.“ (Nr. 433)

Die Jufffern liebten die Geisterstunden: Schlag 12 Uhr erschienen sie, sowohl um Mitternacht als auch zur Mittagszeit. Durch die mittägliche Spukstunde fand die Kornmuhme oder Mittagsfrau Einlass in den Juffernglauben. In Hastenrath warnte man die Kinder: „Goh net en et Koer (Korn), do kött de Juffer ohne Kopp.“ (Nr. 286 b) Auch machte man Angst mit dem Spruch: „Maach net, dat de Juffer dich kritt.“ (Nr. 223) Wie bei den meisten Schreckgestalten früherer Kinderzeiten blieb es der Fantasie der Kleinen überlassen, was mit ihnen geschah, wenn die Juffer sie doch erwischte.

Die Erscheinung der Juffern war allerorts gefürchtet, obwohl immer wieder betont wird, dass diese niemandem ein Leid zufügen. Von einer Juffer aus Schevenhütte wird mitgeteilt: „Sie tat niemandem etwas, sondern schritt immer stumm an dem Begegnenden vorüber. Und doch fürchtete sich alles vor ihr.“ (Nr. 228) Von der Spukgestalt von Bovenberg heißt es: „Jeder scheute die Jungfrau, obschon sie niemandem etwas tat.“ Auch der Juffer aus der Kuhgasse in Eschweiler war nicht zu trauen: „Man durfte ihr aber nicht zu nahe kommen, denn die Juffer war gefährlich.“ (Nr. 361) Worin diese Gefährlichkeit bestand, wird nicht erklärt.

In Röhe ist zu erfahren, dass Juffern die Kunst des Festbannens verstanden: „Wer dort vorbeiging, musste stehen bleiben, weder vorwärts noch rückwärts konnte er von der Stelle.“ (Nr. 379) Wenn eine Juffer einem Wanderer auf dem Rücken sprang, so hatte sie das wohl anderen Geistergestalten abgeschaut: „Wenn man nachts an der alten Burg Palant bei Weisweiler vorbeigeht, so springt dem Wanderer dort die Juffer auf den Rücken und lässt sich bis ins Dorf tragen, wo sie verschwindet.“ (Nr. 319)

Todkündende Juffern

Juffern waren stumme Wesen; sprachlos tauchten sie aus der unsichtbaren in die sichtbare Welt auf und - ohne ein Wort zu sprechen - verschwanden sie wieder ins Reich der Geister. In einigen Sagen wird davor gewarnt, die Juffern anzusprechen, da dies den Tod zur Folge hat.

Gewarnt wird in Köln vor einer Juffer: „Wehe dem, der sie anredete; zu ihm wendete sie sich, schloss ihn, ohne ein Wort zu sprechen, an ihre Brust und verschwand. Wen sie also umarmt, den traf der Tod nach einigen Tagen.“ 5

Eine eigenartige Schilderung eines drohenden Todes findet sich in der Sage „Die Juffer vom Hohenstein“. Diese weiße Dame trägt ein silberbeschlagenes Buch bei sich „und dieses Buch war das Totenbuch. Keiner durfte die Juffer ansprechen; wer aber mit ihr sprach, wurde in das Totenbuch geschrieben und musste noch im selben Jahr sterben.“ (Nr. 346)

Dass eine Juffererscheinung einen sofortigen Tod nach sich ziehen kann, beschreibt folgende Spukgeschichte: „Auf dem Hohenstein ragt ein schwerer Felsblock aus der Erde hervor. Eines Abends erblickte das Pferd eines in Eschweiler beheimateten Kriegers beim Traben auf dem Hohenstein an der Bergspalte die Juffer. Da bäumte es sich wild auf und stürzte mitsamt dem Reiter dort hinab. Morgens haben Freunde des Kriegers den Reiter und sein Ross unter dem Stein begraben.“ (Nr. 345 b)

Auf den Matronensteinen ist mehrmals ein Hund abgebildet. Er symbolisiert den Übergang in das Totenreich. In den Sagen des Indegebietes zeigt ein Hund namens Stüpp diese Verbindung zur Unterwelt auf. „Viele hielten den Stüpp für den Teufel.“ (Nr. 54).

Dieser Hund tauchte auch in der Nähe von Juffern auf, so z. B. auf dem Bovenberg bei Nothberg: „Nachts erschienen im Bovenberger Wäldchen die Bongarder Juffern. Dort hält sich auch ein Hund auf, Stüpp genannt. Stüpp trat den Leuten auf die Füße. Wenn sie dann fielen, so fraß er sie auf.“ (Nr. 306 a)

Auch die unterirdischen Gänge in den Juffernsagen ziehen Spuren zur Unterwelt. „In der Geisterstunde wandert eine Jungfrau durch den unterirdischen Gang, der von der Burg nach Palant führt.“ (Nr. 318)

Die drei Weisweiler Juffern stiegen direkt in das Reich der Toten hinab: „Hier [nahe der Kirche] hebt sich, von Geisterhänden gestützt, ein mächtiger Grabstein, der den Eingang zu den unterirdischen Grüften verschließt. Geisterhaft verschwinden sie in die Tiefe, wo sie von Grabstein zu Grabstein gehen und beten.“ (Nr. 317)

Mythische Kulte

In den Juffernsagen können mythische Kulte vorchristlicher Religionen aufgespürt werden. Bei der Verehrung der matriarchalen Göttinnen spielten z. B. kultische Tänze eine große Rolle. 6 Die Anlage des restaurierten Matronentempels in Nettersheim/Eifel macht symbolhafte Umgangstänze vorstellbar. In der Sagenmythologie sind Tanzhinweise bei zwei Juffern auszumachen, die vom Buchelspötzche bis zum Hoppegade am Jüngersdorfer Hof wandeln: „Ihre Füße, die in feinen Schühchen steckten, berührten kaum den Boden, so leise war ihr Gang.“ (Nr. 176)

Grafik

Tanzende Spukgeister wurden in Röhe beobachtet: „Im Felde zu Röhe ist eine Erdvertiefung unter dem Namen de Jufferkuhl bekannt. Um diese tanzten nachts die weißen Juffern.“ (Nr. 379)

Auch wenn die Juffern „wie ein Sturmwind vorbeisausen“ (Nr. 173) ist eine Verbindung zum Tanz erkennbar. Diese wird offensichtlich in der Sage der drei Bongarder Juffern, die sowohl in einem Wirbelwind erschienen, als auch auf den Wiesen bei Holzheim nachts ihre Tänze abhielten. (Nr. 223) Erinnerte man sich noch an ekstatische Mondtänze? Dass Mond- und Matronenverehrung verwandt sind, wird durch Mondschmuck bestätigt, den die meisten Matronen auf den gefundenen Weihesteinen tragen.

Mythische und magische Vorstellungen verbanden unsere Ahnen auch mit dem Wasser. Da das Wasser des Lebens ein uraltes, weibliches Fruchtbarkeitssymbol ist, ist es nicht verwunderlich, dass in unmittelbarer Nähe der restaurierten Matronentempel Brunnen oder Quellen zu finden sind. Auch die Juffern wurden manches Mal an Gewässern beobachtet. In Nettersheim/Eifel erzählt der Volksmund, dass die Juffern sich in den „leise rinnenden Fluten des Urftbaches spiegelten.“

Unweit des Olligdriescher Hofes oberhalb Jüngersdorf „gingen nach Eintritt der Dunkelheit in den Pützbenden [Pütz = Quelle, Brunnen; Benden = Wiesen] die Juffern um.“ (Nr. 175)

Auch das Schlagen, das in Sagen und Märchen vorkommt, deutet auf alte Fruchtbarkeitsriten hin. Bei den Wallfahrten zu der Kriesch-, Pell- und Schwellmärge zu Frauenrath „kam es in alten Zeiten unter dem jungen Volk zu Schlägereien. Das geschah aus guter Absicht, denn man glaubte, je mehr man sich dort schlüge, desto besser gedeihe die Frucht des Feldes.“ (Nr. 1029) Die Bongarder Juffern „locken den Wanderer heran durch den Ruf schuck, schuck! Folgte er ihnen, so wurde er geschlagen, sah aber niemanden.“ (Nr. 306 a)

Das kultische Schlagen oder Streichen mittels Hasel-, Weide- oder Birkenrute sollte die Fruchtbarkeit beeinflussen, Gesundheit und Kräfte stärken. 7 Da das alte Wissen um die Heilkraft der Ruten jedoch verloren ging, wurde das Schlagen später anders gedeutet: „Die auf dem alten Römerweg zwischen Gey und dem Haus Hardt erscheinende Juffer teilte gewaltige Schläge aus, wenn sich ihr jemand unehrbar nahte. ‚Sie wollte erlöst werden’, sagten die Leute von ihr.“ 8

Beschützende Juffern

Die Matronen-Gottheiten wurden für gutes Gedeihen von Obstfrüchten angefleht; auf den Votivsteinen halten sie vorwiegend Baumfrüchte auf ihrem Schoß. Die Juffern wanderten durch Felder und Wiesen, den einstigen Zuständigkeitsgebieten der Matronen und nahmen die Früchte der Erde unter ihren Schutz und Schirm. In Dürwiß beschützten sie Obstgärten. Als junge Burschen dort Obst stahlen, „konnten sie nicht mehr herauskommen und irrten die ganze Nacht herum. Erst morgens fanden sie den Ausgang. Das hatte ihnen die Juffer angetan.“ (Nr. 398)

„Der Apfel als Symbol für Liebe, Fruchtbarkeit, Leben und Sterben in der Hand der Göttin“ 9 spielt in einer Sage von Morken bei Grevenbroich eine Rolle: Ein armer Bauer stellt nach einer Begegnung mit nebelhaften Juffergestalten allabendlich einen Krug Milch und ein Stück Brot für nächtliche Geister bereit. Morgens sind diese Speisen verschwunden, und ein Apfel liegt auf dem Gabentisch. Nach Bereitstellung der Opfergaben stellt sich bei den Bauersleuten der lang erhoffte Nachwuchs ein. 10 (siehe Matronenkult: Die drei Juffern von Morken)

In einer Sage aus Heimbach im Kreis Düren beschützten die Juffern ebenfalls Obstfrüchte. In einem Bericht von 1913 heißt es dazu: „Unverkennbar prägt sich der schützende Charakter unserer Mütter in der Sage zu Heimbach aus, nach der die dort im Burgbering waltenden Juffern böse Eindringlinge – z. B. Obstdiebe, wie die kindliche Überlieferung meint – verscheuchten und das Besitztum schützten.“ 11 Heute weiß man, dass es keine kindliche Überlieferung ist, wenn Juffern den Bereich beschützten, für den Göttinnen seit Urzeiten zuständig waren.

Auf den Matronensteinen weisen abgebildete Bäume und Zweige auf alte Baumkulte hin. „Manchmal sind auch die Göttinnen selbst mit Zweigen in den Händen dargestellt, wie z. B. auf einem Weihestein in Eschweiler – Fronhoven.“ 12

Von der Vorstellung der Germanen und Kelten, dass Gottheiten in Bäumen lebten, erzählt eine aussagestarke Juffernsage: „In der Azenau bei Gressenich stand früher ein großer alter Baum. Um Mitternacht kam aus diesem Baum eine weiße Juffer hervor. Sie ging über den Bach an der Gressenicher Mühle vorbei und kehrte dann wieder in den Baum zurück. Wer dieser Juffer auf ihrer Wanderung begegnete, musste in demselben Jahr sterben.“ (Nr. 267)

An dieser Sage zeigt sich, wie altes Wissen über Jahrhunderte hinweg in Volkserzählungen erhalten bleibt.

Mütter oder Damen?

Bis vor kurzem war für Matronen das Wort Muttergottheiten gebräuchlich. Inzwischen distanziert man sich von dieser Bezeichnung, denn Matronen breiten ihren Schutzmantel nicht nur über die Mutterschaft, sondern auch über das Wachsen in der Natur und das geistige Fruchtbarsein aus. Selbst das lateinische Wort matrona weiß nichts von Mütterlichkeit; es muss mit ehrbareHausfrau oder Dame übersetzt werden.

In der Mythologie ist diese Erkenntnis seit eh und je offenkundig. Juffern sind Damen: vornehm, machtvoll und unnahbar. Das Wort Juffer weist mehr auf die Jungfräulichkeit als auf die Mütterlichkeit hin. Dass beide Wörter, sowohl Matrone als auch Juffer, in unserer Umgangssprache eine Abwertung erfuhren, liegt in der patriarchalen Geschichtsentwicklung begründet.

Inzwischen ist von weißen und schwarzen, von kopflosen und todkündenden, von schützenden und bewachenden Juffern nichts mehr zu sehen und zu hören. Vielleicht tauchen die sagenhaften Juffern irgendwann wieder ins Bewusstsein der Menschen auf. Doch nur derjenige, der eine Sensibilität für das Mysteriöse und Geisterhafte bewahrt hat, hat die Chance auf eine Begegnung mit der Juffer, „denn jeder sieht so etwas nicht, nur bestimmte Personen.“ (Nr. 305)



Quellenangaben: Vgl. Zender, Matthias: Die Verehrung von drei heiligen Frauen im christlichen Mitteleuropa und ihre Vorbereitungen in alten Vorstellungen. In: Matronen und verwandte Gottheiten. 1987

Vgl. Mulack, Christa: Maria. Die geheime Göttin im Christentum. 1985

Kämmerer, Walter: Zur Religionsgeschichte des Kreises Schleiden. In: Heimatkalender Kreis Schleiden. 1956

Vgl. Cramer, Franz: Römischer Matronenkultus im Spiegel der Volksüberlieferung. In: Eifelvereinsblatt, März 1913

Kurs, A.: Sagen- und Legendenbuch. 1881

Vgl. Göttner-Abendroth, Heide: Die tanzende Göttin. 1982

Vgl. Fischer, Hanns: Aberglaube oder Volksweisheit. 1939

VHS-Hürtgenwald: Die Sagen des Hürtgenwaldes. 1979

Rüttner-Cova, Sonja: Frau Holle. Die gestürzte Göttin. 1986

Vgl. Cremer, M.: Was sich die Leute an der Erft erzählen. In: Erftbote 1952

Vgl. Cramer, a.a.O.

Horn, Heinz Günter: Bilddenkmäler des Matronenkultes im Ubiergebiet. In: Matronen und verwandte Gottheiten. 1987



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