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Bildwerdung der Matronen

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Vettiusstein aus Bonn

Für die Römer gehörte es zu ihrem Gottes-Dienst, dass sie ein Bild von den Göttern schufen, das analog ein Bild für die Götter war. Nach 160 n. Chr. erfolgte die „Bildwerdung“ der Matronen, durch die wir den Matronenkult hieb- und stichfest belegen können. Laut Baustein wurde im Jahr 161 unter dem Bonner Münster ein erster Matronentempel erbaut und im Jahr 164 ein Weihestein an die Matronen, und zwar an die aufanischen, aufgestellt. Nach seinem Stifter, dem Kölner Stadtkämmerer Q. Vettius Severus, wird der prunkvolle Matronenstein „Vettius-Stein“ genannt.
Er wurde lange Zeit für den ältesten Matronenstein gehalten, doch inzwischen hat man Hinweise, dass es noch ältere Matronensteine gibt, wie zum Beispiel ein Matronentorso aus Jülich beweist.
Die Frage, warum die Bildwerdung der Matronen in Bonn gerade zu diesem Zeitpunkt erfolgte, beschäftigt immer wieder die Wissenschaftler. Des Rätsels Lösung vermuteten Historiker in folgenden geschichtlichen Ereignissen: „161 beginnen die Vorbereitungen für den Partherfeldzug des Marcus, zu dem die Prima Minerva mit ihrem Legaten Marcus Claudius Fronto, also in ihrer Gesamtheit, Marschbefehl erhielt. Zwei Legionsgenerationen, dazu bereits solche, die nicht mehr aus Italien, der Narbonensis oder Hispanien rekrutiert wurden, sondern aus den zu Bürgern gewordenen Eingeborenen der Nordwest-Provinzen, hatten eine solche Totalverlegung, dazu noch in die entgegensetzte Ecke des Reiches, nicht mehr erlebt. Der Befehl mag in Bonn große Erschütterung ausgelöst haben, die sich gewiss religiös niederschlug.“2 Doch diese Meinung wurde inzwischen widerlegt: „Mehrere Gründe sprechen gegen diese These: Zum einen ist das gesamte Wesen des Kultes auf die Bedürfnisse einer landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung angelegt und nicht auf die Hoffnungen und Ängste von Soldaten, so dass von einer ‚Erfindung’ der Kulte durch die Bonner Legion nicht gesprochen werden kann.“ 3
Auch konnten die einheimischen Matronengöttinnen ihren Segen nicht bis zum fernen Orient ausstrahlen. Außerdem besaßen die Legionäre für Kriegsglück ganz andere Gottheiten: Fortuna, Victoria, Mars und für die Bonner Minervasoldaten sicher auch deren göttliche Namensgeberin Minerva. Wenn die Soldaten also vor ihrem Abzug für die einheimischen Matronen einen Tempel errichteten und ein Kultbild schufen, dann sicher als Bitte um Schutz für diejenigen, die zu Hause blieben, also für Frauen und Kinder. Wahrscheinlich waren die Frauen sogar die Antreiber für den Tempelbau. Sicher stand auch bei manchem Weihestein, auf dem ein Mann als Stifter genannt ist, eine Frau hinter der Idee oder auch hinter einem gegebenen Gelübde.
Die Zeit nach 160 n. Chr. war nicht nur durch den Partherfeldzug, sondern auch in anderer Beziehung auffällig. Im Jahr 161 übernahm Mark Aurel ein relativ intaktes und ruhiges Römisches Reich. Doch während seiner 19-jährigen Regierungszeit wurde das Imperium von inneren und äußeren Unruhen erschüttert. Die Chatten in Germanien, die Kaledonier in Britannien, die Parther in Syrien und besonders die Markomannen im Norden forderten zum Kampf auf. Durch Aufstände wurde in mehreren Teilen des riesigen Reichs versucht, die römische Diktatur abzuschütteln. Der Bevölkerung machten Naturkatastrophen, Hungersnöte und Epidemien – zum Beispiel die Pest - schwer zu schaffen.
Aber auch eine Klimaverschlechterung fällt in die Zeit der Steinsetzung der Bonner Matronen: „In Germanien sorgte eine Klimaverschlechterung für ein Vernässen der Böden, was besonders in der wenig entwickelten Nordzone der Germania Inferior mit ihren schlechteren Böden gravierende Auswirkungen gehabt haben muss.“4 In der Zeit von 145-285 n. Chr. ging die Temperatur auf der Nordhalbkugel um 0,75° zurück.
Schlechte Zeiten forcieren erfahrungsgemäß die Frömmigkeit. So löste auch das Unheil nach 160 eine verstärkte Religiosität aus. Es wurden Gelübde gemacht und Weihesteine für die Gottheiten zum Dank für Hilfe in Not aufgestellt. Die umfassende „menschengestaltige Bildfassung“ von Matronen fiel in diese Notzeiten. Die Matronen waren vorwiegend für das Wachsen der Feld- und Baumfrüchte zuständig, die in dieser Zeit witterungsbedingt göttliche Hilfe dringend notwendig hatten.
Ein Vor-Bild des Matronenbildes fanden die Bildhauer in Matres - Denkmälern aus dem keltischen Norditalien, die aus der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts bekannt sind. Aber auch etruskische und griechische Einflüsse sind festzustellen. Gestalt und Form sowie Ausdruck und Ausstrahlung der aufanischen Matronen entsprechen aber vorwiegend der alten, wohl keltischen Vorstellung der vom Volk praktizierten Göttinnenverehrung.
Dass die Gegend zwischen Eifel und Rhein das Zentralgebiet des Matronenkultes war, bezeugen weit über 800 Weihesteine, die im Ubier- bzw. Eburonenland gefunden wurden. Es sind zum Teil Bildnissteine, aber auch Inschriftensteine. Zwei Drittel aller gefundenen römischen Göttersteine sind Matronenweihesteine. So wird das alte Ubierland zu Recht Matronenland genannt.

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