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Die göttliche Dreiheit

Es sind stets drei Frauen, die auf den Matronen-Weihesteinen dargestellt sind, so dass diese symbolhafte Zahl viel über das Wesen und die Verehrung dieser Göttinnen aussagen kann. Als kleinster Vielheit kommt der Dreizahl seit ältester Zeit große Bedeutung zu. Die Zahl, die Anfang, Mitte und Ende einschließt, steht für Unendlichkeit, Vollkommenheit und allumfassende Einheit. Sie begegnet uns in Religion und Göttlichkeit, in Recht und Volksbrauch, in Mythologie und Magie. Dreimal muss eine Anrufung erfolgen, dreimal muss ein Bann ausgesprochen werden, dreimal die Geister beschwört werden: Toi, toi, toi! Auch in altüberliefertem Erzählgut geistert seit altersher die Drei. In der Märchenwelt sind drei Wege zu gehen, drei Prüfungen zu bestehen, dreimal (und dann nimmermehr) kehren die Toten aus dem Totenreich zurück. Drei gute Gaben legt eine Fee in die Wiege und Glückskindern gibt sie drei Wünsche frei. Drei Wünsche! Doch meistens werden diese in den Märchen vertan und welche die richtigen Wünsche sind, das wissen allein die Götter. Der Zopf –ob Haar- oder Hefezopf– veranschaulicht sehr eindrucksvoll, wie aus einer Einheit drei Stränge unterteilt werden und diese zu einer neuen Einheit verflochten werden.
Das geflügelte Wort „Drei ist göttlich“ galt in der ganzen antiken Welt. Aus dem zweiten Jahrtausend v. Chr. ist aus Ägypten die göttliche Triade Horos/Osiris/Isis und aus Babylon die Dreiheit Ischtar/Sin/Schamasch bekannt. Bei den Hindus waren Shiwa, Brahman und Wischnu (Zerstörer, Schöpfer, Erhalter) zu einer Dreiheit zusammengefasst. Bei den Römern galten Jupiter, Juno und Minerva als Kapitoltrias. Merkur wurde als Dreikopf dargestellt. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die griechischen Moiren, die römischen Parzen und die germanischen Nornen, die als Schicksalsgöttinnen stets in der Dreizahl auftraten und die Lebensfäden an den Wurzeln des Weltenbaums spannen und miteinander verflochten. Der griechische Philosoph Platon (428-347 v. Chr.) beeinflusste mit seinen triadischen Auffassungen von Gott und der Welt maßgeblich seine Zeit und spätere Generationen.
Auch in der Bibel ist die Drei eine wichtige Symbolzahl. Noah besaß drei Söhne, dreimal krähte der Hahn, als Petrus Jesus verleugnete, dreimal brach Jesus unter dem Kreuz zusammen, drei Hütten wollte Petrus auf dem Berg Tabor bauen, drei Könige kamen aus dem Morgenland (obwohl es in Wirklichkeit mehr waren). Erst im vierten Jahrhundert n. Chr. fand die Heilige Dreifaltigkeit (Gott Vater, Sohn und heiliger Geist) offiziellen Eingang in die christliche Theologie. Der Einfluss aus uralten Religionen ist nicht zu bestreiten.
Für die Kelten war die Zahl drei eine heilige Zahl. In der irischen Mythologie erscheinen die drei Äpfel des Lebens, die drei Haselnüsse der Weisheit sowie die drei Segenswünsche, die dem Wanderer mit auf den Weg gegeben werden. In den ungeraden Zahlen lag das Glück, ganz besonders in der Drei. Keltische Ornamente sind als Triaden übermittelt. Der Mond wurde wegen der Spitzen des Halbmonds mit der Zahl zwei gleichgesetzt, während die Sonne durch drei Kugeln, drei Emblemen oder durch das Dreieck angedeutet wurde. Das keltische Sonnenrad ist meist durch den dreigefächerten Triskeles stilisiert, der in einfacher Form auch auf Matronensteinen (Embken) zu finden ist.
Die lunare und die solare Symbolzahl ergeben die Fünf, die für unbegrenzte Existenz steht. Es ist sicher kein Zufall, dass fünf Früchte manches Füllhorn auf Matronensteinen zieren. Mond- und Sonnenkult scheinen sich im Matronenkult vereint zu haben. Die Fünf steht auch für das Pentagramm der Venus und das göttlich Weibliche. Auch das Versmaß des fünffüßigen Jambus war tief im heidnischen Denken verwurzelt. Übrigens hat auch das alte griechische Wort Sophia für weibliche Weisheit fünf Buchstaben. (Das PH (Phi) gilt im griechischen als ein Buchstabe.)
Die keltischen Götter Teutates, Taranis, und Esus wurden wahrscheinlich als dreieiniger Gott verehrt. In der Zusammensetzung Taranis/Lug/Brigid wurde die Trinität von Vater, Sohn und Jungfrau verkörpert. Bei den Inselkelten wurde die Göttin Brigid aber auch gemeinsam mit ihren beiden Schwestern abgebildet. Die wichtigsten Gottheiten in Dreierform waren bei den Kelten die Matres – die Matronen unseres Gebietes.
Die Dreiheit spiegelt sich auch im Naturleben. Die dominierende Symbolik der Bäume lässt an die drei Bestandteile eines Baumes denken: Wurzeln, Stamm, Blätterdach, womit zugleich der Bezug zur Unterwelt, zur Erde und zum Himmel geschaffen wird. Ebenfalls sind Erde, Sonne und Mond eine dreigefächerte Einheit. Die Drei symbolisiert das Wachsen, Reifen und Ernten, den ewigen Kreislauf in der Natur.
Da zu den Tempelbezirken stets Quellen, Bäche und Zusammenflüsse von Wasserläufen gehören, können die drei Göttinnen auch Hüterinnen der Wasser des Himmels (Regen), der Wasser der Erde (Bäche und Flüsse) und der Wasser, die dem Schoß der Erde entspringen (Quellen), gewesen sein. Die Drei symbolisiert außerdem Geburt/Tod/Wiedergeburt, sowohl in der Natur als im Menschenleben, in dem sie zusätzlich für Lebensanfang, Lebensmitte und Lebensende steht. Die Ewigkeit der Zeit wird in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eingeteilt.
Farbreste an Matronenweihesteinen lassen auf ein buntes Bildnis schließen, dessen Farben im Lauf der Jahrhunderte verblasst sind. Bei Fundmaterial war zu erkennen, dass die Inschriftfläche der Matronensteine mit weißer Farbe überzogen war und die Buchstaben in roter Farbe gezeichnet waren. Die Göttinnen selbst könnten eventuell weiß-rot-schwarz bemalt gewesen sein.
Diese Dreier-Farbkombination taucht in vielen Märchen auf. Wird ein Kind geboren, das so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz ist, wird damit signalisiert, dass es ein besonderes, ein göttliches Kind ist. Weiß als Farbe des Lichtes und schwarz als Farbe des Dunkels werden durch Rot kompensiert. Weiß steht für Jungfräulichkeit, ist aber auch die Farbe der Geister und Gespenster. Rot ist die Farbe des Feuers, der Liebe und der Leidenschaft. Schwarz ist die Farbe der magischen Macht und symbolisiert alles Unsichtbare. Als Sinnbild der Nacht, des Todes und der Trauer begleitet das Schwarze häufig Fruchtbarkeitsgöttinnen, Muttergottheiten und deren Priesterinnen.
Die Drei bestimmt das gleichschenklige Dreieck, das für Göttlichkeit und Harmonie steht. Mit der Spitze nach unten ist es ein Symbol des Wassers und des weiblichen Geschlechts, mit der Spitze nach oben ist es bei vielen Völkern ein Symbol des Feuers und der männlichen Zeugungskraft. Magische Bedeutung hat das Dreieck beim Pentagramm (Drudenfuß, Fünfstern) und beim Hexagramm, der sechszackigen Sternenfigur aus zwei gleichseitigen Dreiecken.
Eigentlich sind es nicht drei Matronen, die auf den Weihesteinen abgebildet sind, sondern nur zwei. In römischer und vorrömischer Zeit wählte man jedoch auch dann einen einzigen, einheitlichen Namen für die „Gesamtheit eines Göttervereins“, wenn dieser nur für einen Teil der in Frage kommenden Gottheiten zutraf. So können wir auch weiterhin von Matronen und von drei Göttinnen sprechen, allerdings nur bedingt von drei Müttern. Die Schutzgöttinnen bestehen aus einer jungfräulichen Göttin und zwei mütterlichen Göttinnen, die eine Dreiheit sind und gleichzeitig eine Einheit bilden.

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