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Wesen und Zuständigkeit

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Frauenversammlung Bonn

Meist werden die Matronen als Fruchtbarkeitsgöttinnen oder Muttergottheiten bezeichnet. Diese Begriffe sind allerdings sehr allgemein gehalten. Wie die Geschichte belegt, ist der Matronenkult aus unterschiedlichen Kulturen entstanden und von mehreren religiösen Richtungen überlagert worden. Es ist daher unmöglich, die Göttinnen in eine Kategorie einzuordnen oder genau zu analysieren. Sicher wurden die Matronen bei unterschiedlichen Anlässen angerufen, so wie im Christentum in vielerlei Anliegen zu Maria gebetet wird. Jeder, der über die Matronen geschrieben hat, hat versucht, deren volksreligiöse Funktion irgendwie zu benennen. Einige Erkenntnisse werden hier wiedergegeben. Die „Litanei“ ließe sich noch um einiges verlängern.

Mütterlich-milde Schutzgöttinnen der Familie und des Hauses
Schützerinnen von Leib und Leben, Haus, Hof und Heimat
Schutzpatrone der ländlichen Flur, der Sippe und Gemeinde
Beschirmerinnen des Ackerbaus und des Obstbaus
Schutzpatrone der Gärten und Weinberge
Familiäre matronale Bauerngöttinnen
gute Geister von Haus und Hof
Haus- und Feldbeschirmerinnen
Beschützerinnen von Familie und Haus, Ort und Flur
Schutzgenien von Familien und blutsverwandten Verbänden
Schutzgeister von Wald, Weide, Feld, Flur und Haustieren
Mütterlich waltende, topisch agrarische Götterfrauen
Schutzgeister des Weibes als Geschlechtswesen
Schutzpatrone, die jegliche Unbill fernhalten
Muttergottheiten von Personalverbänden
Haus und Feld beschirmende Mütter


Die Matronen sind schützende göttliche Wesen, die das Leben und den Lebensbereich einer bestimmten Menschengruppe behüten. Das kann eine Familie, eine Sippe oder ein Volksstamm sein. Haus und Hof, Feld und Flur, Wald und Weide stehen unter ihrer Obhut. Das Gebiet ist dabei genau abgesteckt. Vor welchen Gefahren die Matronen ihre Schützlinge bewahren, wird in den obigen Beispielen nur ein einziges Mal angegeben; vor jeglicher Unbill. Diese „Unbill“ können Krankheiten und Seuchen, Hunger und Not sowie Witterungsunbilden und Naturkatastrophen gewesen sein. Mächtiger göttlicher Beistand ist zusätzlich nötig bei Bedrohung durch feindliche Stämme.
Als gute Genien vertreiben die Schutzmatronen die bösen Geister. Diese lauern überall, sowohl im Menschen selbst als in Haus und Hof, auf und unter der Erde sowie in den Lüften. Über das von allem Bösen befreite Land können die Göttinnen „mit mütterlicher Sorgfalt“ ihren Segen ausbreiten und ihre guten Gaben an die Bewohner austeilen.
Als segenspendende Fruchtbarkeitsmächte wurden die Göttinnen in Berichten wie folgt tituliert:

Göttinnen, die Wohlstand und Glück in Haus und Hof vermehren
Fruchtbarkeitsspenderinnen für den Menschen und seine Scholle
Spenderinnen göttlichen Segens und wachsender Klarheit
Spenderinnen von Frieden, Wohlstand und Wachstum
Spenderinnen der Fruchtbarkeit und des Erntesegen
Geheimnisvolle Bewirkerinnen der Fruchtbarkeit
Hüterinnen und Geberinnen allen Lebens
Schöpferische Kraft und Fülle der Natur
Spenderinnen irdischer Glücksgüter


Der Fruchtbarkeitsaspekt der Göttinnen betrifft zunächst einmal ganz konkret diejenigen Früchte, die der Ernährung dienen: Birnen, Äpfel und Getreide. Neben diesen nützlichen Produkten sind auch die freudebringenden Dinge der Natur wichtig: Blumen, Zweige, Vögel. Die schöpferische Kraft der Fruchtbarkeitsmächte wirkt in der Gesamtheit der Natur.
Die mütterliche Fruchtbarkeit und der Kindersegen sind bei den Matronenbildnissen –im Gegensatz zu den Matresabbildungen– nicht dargestellt. Wenn die Matronen für den „Mutterschutz“ zuständig sind, dann nur als Hüterinnen allen Werdens im Einklang mit der Natur. Im Menschenleben beeinflussen die Fruchtbarkeitsgöttinnen das Leben und den Tod, aus dem neues Leben erwächst. In dieser Beziehung sind sie Muttergottheiten und erinnern an die Große Göttin, die alles Leben gebärt, beschützt und wieder gebärt. Als diese lebensspendenden Mütter können die Matronen schützen und beschützen, hüten und behüten, wahren und bewahren, spenden und geben. Allerdings erwarten sie dafür Gegengaben. Die Menschen müssen ihrerseits ihre Gottheiten schützen, deren Kultplätze hüten und behüten, den alten Glauben wahren, bewahren und weitergeben. Die römische Darstellung der Matronen zeigt, dass die Macht über Leben, Tod und neues Leben im Schoß der Göttinnen und damit im Schoß der Frauen liegt.
Gedeutet wird die Matronendreiheit auch als Pythia, Wahrsagerin, Seherin oder Schicksalskünderin. Das thronende Sitzen und die Versunkenheit in sich selbst erinnern an Schicksalsgöttinnen, die den griechischen Moiren, den römischen Parzen oder den germanischen Nornen ähneln. Der Baum der Erkenntnis und die Schlange auf den Weihesteinen weisen ebenfalls auf den prophetischen Charakter der Göttinnen hin. Die Matronen wären somit die Göttinnen der Zukunft, die aus Vergangenheit und Gegenwart schöpfen.
Neben ihrer bildlichen Erscheinung werden die Matronen nach ihrer Urgestalt beurteilt, wobei in die Zeit vor der Bildwerdung zurückgeführt wird. So werden sie als Sonne, Mond und Erde gesehen, die als Sinnbilder bei der Bildwerdung Ausdruck fanden. Die beiden äußeren Matronen mit ihren runden Hauben sind nach dieser Theorie Symbole für Sonne und Mond, während die Mittelfigur die Erde darstellt. Diese ist somit eine wirkliche Mutter, nämlich die Mutter Erde, gleichzeitig ist sie Jungfrau, die jungfräuliche, unversehrte Erde. Die jugendliche Frauengestalt ist damit zwar nicht menschlich –wie manchmal spekuliert wird-, aber doch erdenhaft, während die Mütter himmlisch-göttlich sind.
Überträgt man die These von Sonne-Erde-Mond auf das Frauenleben, so ist das heranwachsende Mädchen von der Realität der Sonne und der Intuition des Mondes umgeben; das heißt konkret, dass es im Schutz einer leiblichen und einer geistigen Mutter aufwächst. Genau dieses Bild zeigt die Matronentrias. Die geistige Mutter kann die Göttin (Patin) oder die weise Alte sein. In der Heiligengeschichte werden die drei Bauernheiligen Einbede, Warbede und Wilbede ebenfalls als Symbole für Erde, Sonne und Mond gehalten.
Die Deutung Sonne–Erde-Mond scheint den Matronenkult auf den Punkt zu bringen. Nur eines stimmt nicht bei dieser faszinierenden These: Die Sonne war nämlich stets der männliche Teil in der Götterwelt und wurde nicht als Göttin dargestellt. Gemeinsam als weibliches und männliches Prinzip unterstreichen Mond und Sonne den Fruchtbarkeitsaspekt.
Mond- und Sonnenkult stehen zwar im Gegensatz zueinander, verschmelzen jedoch miteinander zu einem weiblich–männlichen Ganzen: „Der Mondkult beruht auf der Offenbarung, die in der Reihung Tod – Fruchtbarkeit - Wiedergeburt zum Ausdruck kommt, wobei die Betonung auf der Wiedergeburt liegt. Beim Sonnenkult dagegen liegt in der Kette Leben – Agonie – Tod die Betonung auf Tod. Man stelle sich nun diese beiden gegensätzlichen Kulte als Halbkreise vor, die zu einem Kreis zusammengefügt werden. Nun ergibt sich eine Kette ohne Ende, eine endlose Bewegung.“39
Die Bild-Darstellung der drei Frauen demonstriert klar, dass die Göttinnen eine bestimmte Personengruppe unter ihren bevorzugten Schutz und Schirm nehmen: die Frauen. Dabei beschützten sie deren ganzes Leben und den Lebenskreis von jungen Jahren bis zum greisen-weisen Alter. Ihrerseits verehren die Frauen intensiv „ihre“ Göttinnen. Eine „Frauenversammlung“ auf einem in Bonn gefundenen Matronenrelief macht sehr deutlich, dass Matronenkult vorwiegend Frauenkult war.
Die Matronen künden bis heute von Macht, Würde und Weisheit. Gemeinsam auf ihrer Bank thronend, demonstrieren sie durch ihr äußeres Bild eine innere Solidarität. Vielleicht ist diese Solidarität die göttliche Botschaft an die heutigen Frauen. Eine einzelne Frau kann stark sein, aber drei Frauen gemeinsam können mächtig sein.

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