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Das Feuermännchen und das Fettmännchen

Von Pfarrer Krause, 1914


Die kleine Ortschaft Eschweiler oder Eiswiler, wie die uralte Ansiedlung in früherer Zeit hieß, macht ihrem Namen alle Ehre; denn das Wurzelwort „eis“ in dem Namen bedeutet „in heftiger Bewegung sein“. Und wahrhaftig, an heftiger Bewegung fehlt es hier oben selten. Wer’s nicht glauben will, braucht nur einmal zu uns heraufzukommen! Wie die Leute sich ausdrücken, erhalten wir nämlich hier oben den Wind aus erster Hand.
Am tollsten geht es zuzeiten auf der höchsten Erhebung von Eschweiler, auf dem „Büchel“ zu, wo man an Stelle der alten Kirche leider Gottes auch die neue Kirche als eine Zierde der Gegend glaubte bauen zu müssen. Zum guten Glück haben wir keinen Schneider – die bekanntlich im Rufe übergroßer Leichtigkeit stehen – in unserer Gemeinde wohnen; der wäre uns nämlich sicher schon längst auf Nimmerwiedersehen in die Lüfte davon geführt worden, falls er leichtsinnigerweise einmal gewagt hätte, ohne mindestens zwei Bügeleisen als gewichtiges Beschwerungsmittel in den Rocktaschen auf den Büchel in die Kirche zu kommen.
Wenn aber einmal, was gar nicht weiter verwunderlich wäre, ein paar Schulkinder oder gar eine zarte Jungfrau irgendwo im Niederland aus der Luft angeflogen kommen, so sei hiermit ein für allemal bemerkt, dass sie von hier abhanden gekommen sind. Man sende sie nur gleich mit Extrapost zurück; das heißt, die zarte Jungfrau könnte der glückliche Finder, falls sie ihm nicht zu sehr beschädigt scheint, behalten, da wir deren genug hier oben haben. Die Schulkinder aber müssten unbedingt abgeliefert werden, da wir solche hochnötig haben, um Schule halten zu können.
Auf besagtem Büchel nun, der aber damals gerade sturmfrei war, hatte sich an einem schönen Sommerabend die gesamte Eschweiler jugendliche Mannschaft versammelt und vertrieb sich in ihrer Weise die Zeit, freute sich ihres Daseins und des lieben Sonnenscheins. Einige standen, andere saßen auf den zahlreich umher liegenden Felsblöcken, andere wieder lagen faul im Grase, wie es einem jeden beliebte.
Einer quinkilierte auf der Flöte herum, andere sangen; die meisten aber erzählten einander Geschichten und Sagen aus vergangenen Zeiten, denn davon lebten in der guten alten Zeit eine ganz erstaunliche Menge im Munde des Volkes. Von Geschlecht zu Geschlecht wurden sie durch mündliche Überlieferung getreulich vererbt und bildeten einen Bildungsschatz, an dem Jung und Alt sich erfreute. Die löbliche Einrichtung unserer Tage, Zeitung genannt, die leider der Tod jeder lebendigen Überlieferung ist, gab es damals noch nicht, wenigstens nicht für das weltabgelegene Eschweiler. Da sprach man denn von den Römern, die nahe an Eschweiler vorbei auf der von ihnen gebauten Straße von Trier nach Köln gezogen, von der Kriegskasse, die auf dem nahen Goldberge nach einer großen Niederlage verscharrt worden sei und von einem Gespenste auf glühendem Pferde behütet würde; von der Geldkiste an der alten Burg, die aber vor den Augen der dummen Schatzgräber wieder versunken, weil sie durch ein Blendwerk der neidischen Zwerge sich zu vorzeitigem Sprechen verleiten ließen. Einer wusste zu erzählen, dass der alte Turm, auf dessen Stelle später das Pfarrhaus erbaut wurde, zur Zeit der Römer dazu gedient habe, Feuer- und Fahnensignale weiterzugeben, um die Nachrichten von Trier nach Köln und umgekehrt von Turm zu Turm zu übermitteln.
Auch von der versunkenen Stadt Clataoca im Rhintale war die Rede und dabei wurde die alte Streitfrage erörtert, ob der weiße Hase – von dem jedes Kind weiß, dass er zu Lebzeiten der Torwächter der Stadt gewesen – und das weiße Hündchen, das sich auch dort zeigte, ein und dasselbe Gespenst sei.
Da wurde denn von jeder Partei als Beweis groß- und urgroßväterliche und noch mehr großmütterliche Autoritäten angeführt. Der Wortstreit drohte immer hitziger zu werden und wenig hätte gefehlt, so wären die Helden einander in die Haare geraten und die Beweise wären mit den Fäusten vorgebracht worden.
Da rief einer, der sich weniger an den Auseinandersetzungen beteiligt als vielmehr in die Strahlen der über dem Herkelstein glutrot untergehenden Sonne geschaut hatte: „Ich würde dem Feuermann vom Hirnberg ein Fettmännchen [kleine Geldmünze] schenken, wenn er sich das Geld selbst holen kommt.“
Über diese kühne Rede aber erschraken alle so sehr, dass aller Streit alsbald vergessen war; denn das weiß doch jedermann, dass Gespenster, am wenigsten Feuermänner, sich eben so wenig foppen lassen wie Menschen. Der lose Spötter zweifelte zwar keineswegs am Dasein des Feuermannes vom Hirnberg, aber er wollte damit seine Kühnheit zeigen, indem er dachte, der Feuermann kommt doch nicht. Damit hatte er aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und es zeigte sich, dass der Schrecken der übrigens keineswegs unbegründet war. Kaum waren die unbesonnen Worte dem Gehege der Zähne entschlüpft, da tauchte auch also bald auf der großen Ley, die dem Hirnberg gegenüberliegt, ein heller Feuerschein auf und im Augenblick kam auch schon der Feuermann über Frohnwich mit Riesenschritten auf dem Büchel zu.


Das Feuermännchen

Grafik

Zeichnung: Anton Krahforst

„Der Feuermann! Der Feuermann!“ schreien alle entsetzt auf und dann geht es Hals über Kopf in die nahe liegenden Scheune von Tönnes. Kaum aber war hinter den Helden das Scheunentor zugeschlagen und in der Eile der Riegel vorgeschoben, da pocht der Feuermann schon, Einlass heischend am Tore und durch die Ritzen sieht man es glühen und leuchten. „Mein Fettmännchen, das versprochene Fettmännchen“, quäkt es vor dem Tore.
Da war denn guter Rat teuer, denn allen war das Herz in den Hosenboden gesunken, keiner getraute sich das Tor zu öffnen. Soviel auch die andern den losen Spötter schupsten und stießen, dass er herausgehen und das Fettmännchen überreiche, der wehrte sich dagegen mit Armen und Beinen. In dieser großen Not, denn das Tor fing schon an zu rauchen und sie vermeinten nicht anders, als sie müssten elendiglich verbrennen, falls der Feuermann ihnen nicht den Hals umdrehen würde, kam einem ein rettender Gedanke. Das Fettmännchen wurde zwischen die Backen einer Kluft [Feuerzange] gelegt und durch eine Ritze dem Feuermann zugeschoben. Der war denn damit wohl zufrieden und zog wieder ab. Die Enden der Kluft aber, die der Feuermann berührt hatte, waren rot vor Glut.
Von da an wagte niemand mehr über den Feuermann zu spotten und auch sein Revier am Teufelsloch im Hirnberg wurde gemieden. Und es geht die Sage, dass es bis dato noch niemand gewagt habe, bis an das Ende in diese Höhle hinein zu kriechen, denn man weiß, dass der Feuermann nicht mit sich spaßen lässt.


Pfarrer Krause in Eschweiler bei Münstereifel: Der Feuermann vom Hirnberg und das versprochene Fettmännchen. In: Eifelvereinsblatt, Januar 1914, Seite 13 und 14.


Am Teufelsloch wurde das Feuermännchen beobachtet:
Westlich von Münstereifel erhebt sich der Hirnberg, den eine abgeflachte Kuppe ziert. Am Fuße des Berges befand sich einst eine kleine Höhle in der, wie die Sage meldet, ein Erdmännlein hauste. Sobald die Abenddämmerung hereinbrach, erhob sich das Männlein von seinem Lager, zündete eine Fackel an und eilte den Berg hinan. Oben angekommen, tanzte es lustig umher, wobei es die Fackel über seinem Kopf schwang. Die Leute, die das Spiel mit stillem Vergnügen beobachteten, nannten den kleinen Zwerg deshalb „Das Feuermännchen vom Hirnberg“.


Lehrer Wilhelm Röhrig: Heimatsagen, Nr. 5, Manuskript von ca. 1955, Archiv J. M. Ohlert, Bad Münstereifel