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Nettersheim

Sagen und alte Dorfgeschichten


zusammengetragen und bearbeitet von Sophie Lange

Wetterhexe vertrieben
Geistlicher löscht einen Brand
Der Höllekrätzer
Der schwarze Hund
Der Zwerg im Acherloch
Das Wunder am Eschepütz
Der Teufelsritt am Römerkanal
Der Römerkanal und eine Wette
Juffern an der Urft
Das Henkelloch - Männchen
Das Kerzenwunder von Steinfeld

Wetterhexe vertrieben


Erzählt um 1900 von Frau Rosenbaum aus Zingsheim/Weyer. Veröffentlicht in dem Sagensammelband von Gottfried Henßen "Sagen, Märchen und Schwänke des Jülicher Landes" 1955, Nr. 156

Einmal kam eine Hexe und wollte ein Gewitter über Nettersheim bringen, so erzählte meine Großmutter. Do feng et Johanneshönkche (Glocke) an ze lögge, on du sät die Hexe: "Nue moß ich et noch drohn (tragen) övve Reng on Maas övve hondert Stond witt."

Geistlicher löscht einen Brand


Erzählt um 1900 von Schruff, Nettersheim. Henßen (s. "Wetterhexe vertrieben") Nr. 177

Einmal war in Nettersheim ein Haus in Brand geraten. Dicht daneben stand ein zweites Haus, das mit trockenem Ginster bekleidet war und es sah ganz danach aus, als wenn es auch im nächsten Augenblick Feuer finge. Da trat der Pastor von Zingsheim, Nelles mit Namen, an die Brandstätte heran, umschritt das brennende Haus und sagte dann: "Löschet nur an dem brennenden Haus; weiter brennt es nicht." Dann eilte er davon, denn wenn ein Funke, so sagten meine Eltern, ihn erreicht hätte, so würde das Feuer ihn verzehrt haben.

Der Höllekrätzer


Mündliche Überlieferung von Magdalena Poensgen aus Nettersheim. Dorfchronik: Unser Dorf Nettersheim, 1993, Seite 160

Den Kindern wurde mit dem "Höllekrätzer" Angst gemacht. Dieser war ein kleiner gehörnter Teufel, der einen zweizackigen Speer trug. Er hockte in dem Loch, in dem die Kullang (Straßenrinne) endete und wartete auf die Mädchen und Jungen, die am Abend nicht rechtzeitig nach Hause gegangen waren und bis weit in die Dämmerung draußen rodelten oder spielten. So machten die Kinder auf ihrem Heimweg einen weiten Bogen um die Kullang, damit der "Höllekrätzer" sie nicht mit dem Zweizack erwischte.

Der schwarze Hund


Friedrich Jakob Schruff: Der große Brand von Nettersheim. In: Heimatkalender Schleiden 1966, Seite 84

Es war an einem dunklen Dezemberabend in Nettersheim. Auf dem Brückensteg über der Urft lag ein großer Hund und versperrte drei Dorfburschen, die auf Freiersfüßen gingen, den Weg zur Dorfschönen. Als ein beherzter Bursche mit einem Knüppel nach dem knurrenden Hund warf, hinkte dieser heulend davon. Im Hause der Braut angekommen, hinkte die Alte des Hauses und hielt sich vor Schmerzen das Bein. Sie mochte die Burschen nicht leiden und hatte sich in einen Hund verwandelt.

Der Zwerg im Acherloch


Rolf Reuter, Keldenich. In Heimatkalender Kreis Schleiden 1962 (13 Jahre, 8. Schuljahr)

Meine Geschwister und ich gingen zur Oma. Sie hatte Namenstag. Nach dem Kaffeetrinken gingen wir hinauf in ihr Kämmerlein. Sie selber ging mit. Oben erzählte sie uns eine Geschichte: Als meiner Urgroßmutter Großmutter noch lebte, da ging ein Mann in dunkler, unheimlicher Nacht nach Rosenthal. Er wollte Korn zu Mehl gemahlen haben. Alle Einwohner Keldenichs mussten eigentlich ihr Korn in eine Zwangsmühle tragen. Das taten sie aber mit Murren, denn der Müller mahlte schlechtes Mehl. Also packte der Mann seinen Sack voll Getreide und ging ins Düstere los. Er traf den Müller schon im Bett an. Doch der zog sich schnell an und kam herunter. Er lud den Mann zu einem Schoppen Gerstenmet ein. Danach mahlte er das Korn zu Mehl. Auf dem Rückweg ging der Keldenicher durch den Wald. Vor ihm sprang ein Häschen auf. Ein Käuzchen schrie. Der Wind rauschte in den Baumkronen. Da! Was war das? Der Wind trug ihm ein Geräusch zu, das sich wie Goldzählen anhörte. -

Hier legte Großmutter eine Pause ein. Sie trank einen Schluck Kaffee und aß ein wenig Kuchen. Dann erzählte sie weiter: Wisst ihr, wie es weitergeht? - Er ging dem Geräusch nach. Ein Licht zuckte zwischen den Bäumen hindurch. Leise, ganz leise stellte er seine Kiepe mit dem Sack darin gegen einen Baumstamm. Er duckte sich an den Felsen entlang und pirschte sich näher. Vor einem Vorsprung hielt er inne und lugte zwischen den Felsbrocken hindurch. Er sah eine geräumige Höhle, die von einem Kienspan hell erleuchtet war. In einer Nische saß ein Zwerg und - Donner und Doria! - vor ihm lag ein Haufen blinkender Goldstücke. Er rutschte hinab und blieb wie erstarrt stehen. Der Zwerg packte mit beiden Händen in das Gold hinein, hob es in die Höhe und ließ es wieder hinabfallen. Das klang, wie wenn tausend feine Glöckchen läuteten. Der Mann bekam Stielaugen. Er stierte auf das Gold, das da lag. Da - ein Zweig knackte unter seinem Fuße. Der Zwerg fuhr herum und sah den gaffenden Mann, der immer noch auf das Gold starrte.

"Möchtest wohl auch etwas davon haben?" fragte er mit seiner hohen Fistelstimme. Der Mann antwortete nichts. "Willst wohl etwas mehr?" fragte der Wichtel. Jener antwortete: "Puh, einen ganzen Scheffel voll könnte ich brauchen." "Dann lauf nach Hause und hol dir deinen Scheffel." Das ließ der Mann sich nicht zweimal sagen. Er drehte sich wie der Blitz um und sprang über Stock und Stein schnurstracks nach Hause. Dort angekommen, polterte er die Treppe hinan auf den Speicher und suchte seinen Scheffel.

"Wo willst du hin?" fragte schlaftrunken und gähnend seine Frau, "es ist doch erst zwei Uhr." "Nirgends!" brüllte der Mann, bullerte die Treppe wieder herunter und verschwand. Hastig rannte er wieder dem Acherloch zu, wo er reich zu werden glaubte. Er malte sich seine Zukunft in den rosigsten Farben aus. Außer Atem langte er wieder an den Felsen an und stieg hinab. Doch kein Licht brannte, kein Zwerg und kein Gold waren da. Müde und zerschlagen quälte er sich die Kiepe wieder auf den Rücken und trottete heimwärts. Jetzt musste er auch noch den eisenbeschlagenen Scheffel mitschleppen. Er wusch sich zu Hause am Brunnen und legte sich müde und verdrossen schlafen.

So hatte ihm der Zwerg eine gute Lehre erteilt", schloss die Oma. Da rief auch schon die Mutter, die uns mahnte, uns anzuziehen. Also nahmen wir Abschied von der Oma und zogen los. Diese Geschichte kann ich nie vergessen.


Das Wunder am Eschepütz


Friedrich Jakob Schruff: Nettersheim - und wie es geworden, 1969, Manuskript

Vor über tausend Jahren, im Jahre 920, wurden die Gebeine des heiligen Potentinus und seiner Söhne Felicius und Simplitius in einer großen Reliquienprozession von Karden an der Mosel nach Steinfeld gebracht. Die Route führte auch über Nettersheim. Dort machte man Rast wegen der großen sommerlichen Hitze. Die Menschen liefen zusammen, um die Reliquien zu verehren. Man betete und sang. Mönche und Priester sangen das Tedeum. Da geschah in Nettersheim ein Wunder.

Ein alter Mann, der noch dem heidnischen Glauben anhing, kam des Weges, stieß einen Stecken in den Boden und sagte herausfordernd: "Wenn ihr Heiliges traget, dann soll hier eine Quelle entspringen. Alle Durstigen, Menschen und Vieh, sollen trinken!" Da sahen alle, dass - wie durch ein göttliches Wunder - der Boden feucht wurde und bald ein Wassertümpel entstand, so dass alle ihren Durst stillen konnten. Der Stecken aber ward zum Baum. Alle staunten und lobten Gott in seinen Heiligen.

Die Quelle hat den Namen Eschepütz. Es ist von der Esche nichts mehr zu sehen, aber die Tatsache des Brunnens und der Esche, die dort gewachsen, war bei unseren alten Vorfahren immer noch lebendig. Später wurde die Quelle im Volksmund auch "Potentinus - Brunnen" geheißen. Heute steht an dieser Stelle ein schönes Hubertuskreuz, das die Inschrift Anno 1839 trägt.

Das Kreuz am Ortsausgang Richtung Bahrhaus ist auch als "Marks - Kreuz" belegt, da es den Platz der Quelle markierte. Es gibt einer Nebenstraße zwischen Höhenweg und Steinfelderstraße den Namen "Marxstraße". Die Legende ist bereits aus einem Reimkodex von 1500 belegt.

Der Teufelsritt am Römerkanal


Karl Guthausen; Sagen und Legenden aus Eifel und Ardennen, Aachen 1992, Band 1, Seite 188 (nach G. Laue)


Die große Wasserleitung von Nettersheim, genannt Römerkanal, soll ein Werk des Teufels sein. Gar manchen Tag schafften seine Werkleute an dem Bau. Weder Rast noch Ruhe gönnten sie sich tagsüber; denn jeden Augenblick konnte der Bauherr, der Teufel, auf falbem Ross angesprengt kommen. Wer konnte wissen, aus welcher Felsspalte er ans Tageslicht kam!

In seinen Augen loderte Feuer, und goldene Sporen blitzten im Sonnenlicht. Wo sein Ross den Boden berührte, war für etliche Jahre jedes Wachstum vorbei. Noch heute sieht man in den Fluren die Spur des Ritts, den der Höllenfürst so oft unternahm, um festzustellen, wie weit sein Werk gediehen sei. An diesen Stellen bleibt die Saat mager und klein, während sie dicht nebenan kräftig und hochwachsend gedeiht. Das Landvolk nennt daher die Wasserleitung "Düwelsoder".


Der Römerkanal und eine Wette


C. A .Eick: Die römische Wasserleitung aus der Eifel nach Köln, Bonn 1867, Seite 2 und 3

Schon unseren Vorfahren im Mittelalter blieb die römische Wasserleitung nicht unbekannt und so sehr fühlten sie sich von der Großartigkeit desselben ergriffen, dass sie nicht Menschenhänden, sondern diabolischer Kraft die Ausführung und Vollendung desselben zuschrieben. Wer kennt nicht jene schöne Sage, welche den Bau des Kölner Domes mit dem unserer Wasserleitung in eine so eigentümliche Verbindung setzt!

Als des Domes Felsenmauern, so wird erzählt, in ihrer Pracht und Herrlichkeit gen Himmel zu ragen begannen, da fasste der Böse in seinem Grimme über die Bestimmung des Baues den Plan, die Ausführung desselben mit allen Kräften zu verhindern. Lange sann er nach, wie er wohl am besten seinen Zweck erreichen möchte und manchen Versuch, den Fortbau zu hemmen, sah er scheitern an der Umsicht und Tätigkeit des Werkführers.

Da kam er endlich auf den Gedanken, des Baumeisters Ehrgeiz anzustacheln und sich als ebenbürtigen Kunstgenossen neben ihn zu stellen. Und so trat er eines Tages zum Meister in seine Werkstätte, voll Ruhmes über die Pracht der Anfänge und den Fortschritt des Baues; aber er erhob Zweifel an der Ausführbarkeit des Planes und der gänzlichen Vollendung des Werkes; eher, meinte er, würde es ihm möglich sein, die Wasser der Mosel von Trier her in einem unterirdischen Kanale über die Höhen der Eifel nach Köln zu führen, als jener den Bau des Gotteshauses vollenden könnte.

Der Meister lachte der Rede des Alten und schüttelte ungläubig das Haupt. Doch dieser beteuerte hoch und fest, dass die Ausführung seines Vorhabens möglich sei und erbot sich gar, eine Wette deshalb eingehen zu wollen; und wenn der Tag gekommen, an welchem die Arbeit vollendet sei, wolle er zum Wahrzeichen dessen von Trier aus eine Ente den Kanal hinabschwimmen lassen. Die Wette wurde geschlossen und beide schieden. Tage und Jahre vergingen, aber der Alte ließ sich nicht wieder blicken und von dem Baue eines Kanals war in weiten Kreisen umher keine Kunde zu bekommen.

Unterdessen schritt der Bau des Domes rasch und freudig voran und mehr und mehr erhob sich ein Staunen ob der kühnen, himmelanstrebenden Masse. Da plötzlich, als eines Morgens der Dombaumeister auf dem südlichen Hauptturme stand und mit Wohlgefallen hinab sah auf die rege Tätigkeit ringsum, öffnete sich zu seinen Füßen der Boden und ein fester, gemauerter Kanal spie der Mosel Wasser aus, auf dem zugleich die verhängnisvolle Ente laut schnatternd einher schwamm. (Der reale Römerkanal führte allerdings nicht von Köln bis Trier sondern nur bis Nettersheim.)

Und in Staunen versunken wagt er kaum aufzublicken; aber ein lautes Kichern lässt sich hinter ihm vernehmen und als er erschrocken rückwärts blickt, begegnet sein Auge den grinsenden Zügen des wohlbekannten Alten. Das hält er nimmer aus und im Ärger über die verlorene Wette stürzt er sich von der Höhe des Turmes hinab, an dessen Fuße sein entseelter Körper von der betroffenen Menge aufgehoben wird; auch sein treuer Hund ist gefolgt und liegt zerschmettert neben ihm.

So geriet der Bau des herrlichen Gotteshauses durch dieses Teufelswerk ins Stocken und fand lange Zeit keinen Meister wieder. Aber noch heutigen Tages erkennet das Volk in Wasserspeiern, die vom Gesimse ragen, den Dombaumeister und seinen Hund.

Juffern an der Urft


Dr. Franz Cramer: Römischer Matronenkultus im Spiegel der Volksüberlieferung, Eifelvereinsblatt März 1913

Wer an der Urft seines Weges gehen muss, der lasse sich nicht vom Grauen übermannen und nicht zu beschleunigtem Schritt verleiten, denn unten am Bach sitzen im Dunkel der Nacht die drei Juffern in weißen Gewändern und spiegeln sich in den leise rinnenden Fluten des Urftbaches. Diese durch hastigen, lauten Schritt zu verscheuchen, wäre Frevel, der schwer zu büßen ist.


Das Henkelloch - Männchen


Mündliche Überlieferung von Dr. Albert Giesen aus Schleiden; Dorfchronik: Unser Dorf Nettersheim, 1993, Seite 160

Ein kleiner Waldgeist trieb in der Nähe der "Steinrütsch" (Urftaue) sein Unwesen, neckte vorübergehende Menschen und trieb mit ihnen Schabernack. Nach der alten Flurbezeichnung wurde er Henkelloch - Männchen genannt. Die Kinder, die beim Viehhüten einschliefen, bestrafte der kleine, grüne Kobold mit schweren Träumen. Wenn die Kinder erwachten, konnten sie nicht mehr unterscheiden, was Traum und Wirklichkeit war. Das Henkelloch - Männchen war wie die Roggenmuhme ein Taggespenst, das am liebsten in der heißen Jahreszeit zur Mittagsstunde herumspukte. Der Kobold erschreckte und narrte zwar gerne die Menschen, war jedoch nicht bösartig.

Das Kerzenwunder von Steinfeld


Erzählt 1914 von Schruff aus Nettersheim. Henßen (s. "Wetterhexe vertrieben") Nr. 287

Em Klueste Steenfeld hät fröhe de sellige Hermann Joseph jeläevv. Öm vier Uhr des Nommedags wure de Mette (Messen) en de Kerch ze Steenfeld jesonge. Jedesmol jeng Hermann Joseph zor Mette. Ens des Nommedags trog et sich zo, dat se em Heu wore onge em Tall. Du lögg et zor Mette. Hermann Joseph wor an de Ärbet hönge am Weiher. Zo beede Sidde wore de Knäete am ärbede; die säte: "Höck soll eä net en de Mett komme!" on wolle öm hale. Jetzt jeht dä Hermann Joseph möt drügge Föß övve et Waße. Du hann se jeseen, dat se et möt nem angere ze dohn hatte. Van do aan hann se ön en Rouh jeloße.<br><br>
Ens hodde de angere Mönche sich beschwert, dat Hermann Joseph ze lang de Mess däht; du hätte se ehn "de Käezeverbrenner" jenannt. Du hann se de Käeze vüe de Meß jewoge on ooch noh de Meß: du wore se schwäete (schwerer) wie zevüe. Van de Zitt aan hann se nühs mih jesaht.


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