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Stolzenburg auf steiler Höhe

Eine sagenhafte Stätte zwischen Urft und Sötenich

In: Kreis Euskirchen Jahrbuch 1999

Übersicht


"Wenn der Waller das fruchtbare Urftthal von Call (Kall) nach Dahlbenden hinaufzieht, gewahrt er auf einer, aus schauerlichem, dichtem Gebüsche hervorragenden Felsenkuppe, halb verwittertes Mauerwerk und eingesunkene Räume, welche die Überreste einer Burg aus der Vorzeit sind, in der einst ein hartherziger Ritter zum Unheil der Umgegend und zum Schrecken der Reisenden hauste." [1] So beginnt in "Rheinlands Wunderhorn" die bekannteste Sage über die Stolzenburg.

Viele Orte unserer Heimat sind von Sagen umwoben. An manchen Stellen häufen sich diese Überlieferungen regelrecht, so zum Beispiel bei der Stolzenburg zwischen Urft und Sötenich. Der Name "Stolzenburg" oder "Stolzenfels" ist ein häufiger Prunk- und Trutzname, der seit dem 11. Jahrhundert in ganz Deutschland bekannt ist und besonders im 13. Jahrhundert in Mode kam. [2] Er bezeichnet stets eine stolze Burg auf steiler Höhe.

Pielstein links - Stolzenburg rechts, im Hintergrund das Kalkwerk Sötenich

Pielstein links - Stolzenburg rechts, im Hintergrund das Kalkwerk Sötenich


Die Stolzenburg oberhalb des Flusses Urft ist eng verbunden mit dem Pielstein, einem Hügel mit einigen Felsspitzen an der anderen Seite der Urft. Der Pielstein ist - wie die Stolzenburg (Stoltzenborch) - bereits in Unterlagen des Klosters Steinfeld aufgeführt. Es werden Güter an der dortigen Flur genannt, dabei wird der Hügel unterschiedlich geschrieben: 1502/03 Bylsteyne, 1558 Bylstyn, 1554 Bilstein. [3] Inzwischen ist man zu der Schreibweise "Pielstein" übergegangen, wobei man der Erklärung am nächsten kommt, da man als Grundwort "piel" für "steil" sieht. Tatsächlich geht es zum Pielstein "piel erop" (steil bergauf).

Hartherzige Raubritter

In der Sage wird der hartherzige Ritter nach seiner Felsenfestung "der Stolzenburger" genannt. Sein Leben besteht aus Rauben, Plündern und Trinkgelagen. Dazu macht es ihm unbändige Freude, seine Untertanen zu unterjochen und zu quälen. Ihre letzte Habe müssen die Bewohner des Urfttales zur Stolzenburg hoch schleppen, obwohl sie selbst bitterste Not leiden. Der Pielsteiner auf der gegenüberliegenden Burg steht dem Stolzenburger in nichts nach.

In "Rheinlands Wunderhorn" wird die Unterdrückung der Menschen durch die beiden Raubritter drastisch geschildert: "Der Stolzenburg gegenüber wohnte ein Ritter, der sich der Pielsteiner nannte; mit diesem wetteiferte er (der Stolzenburger) im Hohnsprechen gegen die Gottheit und die Menschheit. Er erbaute, wie man sich erzählte, eine Brücke über das Urftthal, um darüber mit Brot Kegeln zu schieben, während der Arme in Hungerqualen um eine Gabe flehte. Seine Kinder ermunterte er, mit Wagen, die - statt der Räder - vermittelst großer Brote fortrollten, über die Brücke zu fahren, indes die Kinder der Armen - heißhungrig, zerlumpt - ihre gierigen Blicke auf das im Übermute zertretene Brot richtend, seufzend herumirrten. Indes sah die Mutter ihren Säugling dahinsterben, weil es ihr an Nahrung gebrach. Mit Herzensfreude weidete der Unmensch seine Augen an den abgehärmten Gestalten und ließ sie auspeitschen bis aufs Blut, wenn sie je ein bisschen zertretenes Brot erhaschten und es mit krampfhafter Begier verschlangen."

Das bösartige Leben des Stolzenburger Ritters kann nicht ungestraft bleiben. In einer schauerlichen Nacht geht die Stolzenburg mit Mann und Maus unter: "Eines Abends, nachdem er sich den Tag hindurch in Erfindungen mancherlei Art erschöpft hatte, die Einwohner zu quälen, saß der Wüterich bei Sauf und Schmaus, hohnlachend über die Menschenhunde, spottend der göttlichen Allmacht ..." Da geschieht das Unglück und mit großem Getöse versinkt die Stolzenburg und begräbt unermessliche Schätze unter sich.

Am nächsten Morgen sehen die Menschen, was geschehen ist: "Frühe Morgens als die Bewohner der Gegend sich vom Schrecken des übernatürlichen Ereignisses erholt hatten, eilten sie auf die Stolzenburg zu und fanden dort nur noch die Zinnen aus einem ungeheuren Schlund spärlich hervorragen. Die Burg war mit allem was drauf gewesen war, in den Abgrund gesunken."

Etwas anders ist die Raubrittersage von der Stolzenburg bei dem Kölner Heimatkundler Franz Peter Kürten (1891-1957) nachzulesen. Er erklärt dazu: "Diese Geschichte habe ich nach Notizen geschrieben, die ich bei einem Schleidener Freund machte, als er mir an Hand eines Buches viel Schönes aus seiner Heimat erzählte." [4] Kürten charakterisiert die beiden Ritter als reich und prunkliebend, trinkfest und hartherzig. Er weist darauf hin, dass die "Leute der weiten Umgebung den beiden fronpflichtig waren." Besonders ausführlich beschreibt er den Bau der Brücke über das Urfttal: "Eines Tages kam ein sehr harter Befehl. Die Bauern mussten Leder heranschaffen und von diesem eine Brücke von Burg zu Burg bauen. Jeder Froner hatte Fuhren und Arbeitsstunden gegen ärmliche Beköstigung an das Werk zu setzen, damit die Ritter nicht durch das Tal zu reiten brauchten, sondern auf der Lederbrücke geradewegs und schnell zu den täglichen Gelagen gehen konnten."

Durchwandert man heute das Flusstal von Urft nach Sötenich, so kann man sich eine Brücke von der Stolzenburg zum Pielstein als sehr praktisch vorstellen, spart man dadurch doch Zeit und Weg, da man nicht das Tal und die Urft überqueren muss. Die sagenhafte Lederbrücke diente zusätzlich als Kegelbahn. Und auch diese Nutzung ist gut vorstellbar. Da die Stolzenburg 485 m über dem Meeresspiegel liegt und der Pielstein 470 Meter, dürften bei dem leichten Gefälle der Kegelbahn die Kugeln, die aus runden Broten bestanden, vorzüglich von der Stolzenburg zum Pielstein gerollt sein.

Das lasterhafte Leben der Burgherren nahm solche Ausmaße an, dass eines Tages der Herrgott persönlich als Bettler verkleidet ins Urfttal kam, um die beiden zu strafen. Beide Burgen und die Brücke wurden vernichtet.

Der Schatz des Ritters ist bei Kürten in einem unterirdischen Gang versteckt. Doch keiner kann ihn heben, weil der Gang "vom Widersacher des Herrgottes" bewacht wird. Dieser Widersacher ist niemand anders als der Höllenfürst. Ansonsten ist in den Sagen der Stolzenburg ein schwarzer Hund erwähnt, der die sagenhaften Schätze beschützt.

Dieser mysteriöse Sagenhund spukt nicht nur in Deutschland sondern auch in England umher. Er wird stets an prähistorischen Stätten gesichtet, an Hügelgräbern, Megalith-Steinen, Kultstätten oder antiken Burgen. Meist ist ein Gewässer in der Nähe. Der Phantomhund ist schwarz, riesig groß und hat ein struppiges Fell. Er erscheint lautlos und verschwindet genauso geheimnisvoll. Das hervorstechende Merkmal sind seine Augen, die rot und glühend wie Kohle sind. Auch das Untier an der Stolzenburg wird als "Honk mot glönige Ooge" beschrieben.

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Edle Kreuzritter


Eine ganz andere Überlieferung von der Stolzenburg führt uns in die Zeit der Kreuzritter, jene Zeit des 11. bis 13. Jahrhunderts, als christliche Könige, Fürsten und Ritter sich aufmachten, um das heilige Land aus den Händen der "Ungläubigen" zu befreien. Überall in deutschen Landen brachen Menschen auf, um sich den Kreuzzügen nach Jerusalem anzuschließen.

Die Stolzenburgerzählung aus jener Zeit ist weniger eine Sage als eine romantische Liebesgeschichte. Die Helden sind die treue Burgfrau Aspasia und der tapfere Ritter Raimund. Während Raimund im heiligen Land gegen die Sarazenen kämpft, wartet auf der Stolzenburg seine Braut Aspasia auf ihn. Die Stolzenburg wird als eine trutzige Feste mit eisernen Toren, mit Wallgräben, Laufbrücken und Fallgittern beschrieben. Zwei große Bluthunde bewachen die Fallbrücke.

Die holde Burgmaid passt so gar nicht zu dieser Trutzburg, weder mit ihrem Aussehen noch mit ihrem Namen, den man mit einer griechischen Hetäre des 5. Jahrhunderts v. Chr. verbindet. Dr. Janssen (von 1923 bis 1933 Studienrat am Realprogymnasium in Schleiden) beschreibt schwärmerisch die Schöne: "Auf dieser unwirtlichen Burg blühte wie eine zarte Frühlingsblume eine Jungfrau, die alle Frauen im Lande an Schönheit übertraf. Ihre Wangen glichen Rosen, ihr Mund glich zwei Morellen, ihre Haut schien von Samt zu sein und ihre herrlichen Glieder von Alabaster."5

Lange muss Aspasia schmachten, bis ihr Liebster in die Heimat zurückkehrt. Doch seine Jugend und seine Kraft hat er in vielen blutigen Kämpfen verloren. Krank, ergraut und gebeugt von der Last seiner Abenteuer traut er sich kaum vor die Augen seiner lieblichen Braut. Doch Aspasia nimmt ihren heißersehnten Bräutigam mit Freuden auf und endlich findet das Paar zueinander. Nun erwacht auch die alte Stolzenburg aus ihrem Dornröschenschlaf. Dr. Janssen zitiert einen alten Vers, in dem es heißt:

Im Schloss kehrt neues Leben ein,
es geht nun drauf und drunter.
Wo's gestern noch so traurig war,
ist heute alles munter.

Die Gegend wird zum Paradies,
man hörte Philomele,
wie sie dem Paar ein Brautlied sang
aus voller, reiner Kehle.

Mächtige Tempelherren


Zur Zeit der Kreuzzüge erwarben sich auch die Ritter des Templerordens große Verdienste. Doch später gerieten sie in Verruf, so dass Papst Clemens V. im Jahre 1312 die Auflösung des Ordens befahl. Der Überlieferung nach sollen Ritter des Templerordens auf der Stolzenburg sesshaft gewesen sein. So ist auf der Tranchotkarte vom Nettersheimer Gebiet (1809) das Gebiet der Stolzenburg mit "Stolzen Burg Ruiné - Tempel Herrn Kloster" eingezeichnet. Diese Angabe ist mit Sicherheit falsch, denn "die Missdeutung älterer Burgen als Tempelherrenkloster ist in der Eifel sehr geläufig".6 Der Volksmund lokalisiert irrtümlich Tempelherrenburgen u.a. auch auf dem Thonsberg bei Heimbach, auf der Hohen Acht und neben der Stolzenburg auch auf dem Pielstein.

Zwei weitere sagenhafte Templerburgen führen uns ins Reifferscheider Land. Hubert Gierlichs veröffentlichte vor hundert Jahren dazu: "In der Nähe von Reifferscheid, dem Stammorte der Fürsten von Salm - Reifferscheidt, standen jener Burgen zwei. Die eine "Alteburg" genannt, lag auf einem Bergkegel rechts vom Kammerwalde, 15 Minuten von Reifferscheid entfernt."7 Der Hügel im Osten des Reifferscheider Baches wird heute "Altenberg" genannt. Urkundliche Belege fehlen; es sollen jedoch noch vor Jahrzehnten Fundamente und ein Brunnen sichtbar gewesen sein. Eine andere Tempelburg wird südlich von Hollerath, zwischen Ramscheid und Giescheid oberhalb des Prether Baches vermutet. Die Stelle wird heute "Burgkopf" bezeichnet. Früher nannte man sie "Tempelburg". Auch hier fehlen historische Beweise.

1907 schrieb der Lehrer und Schriftsteller Hermann Ritter (1864-1925), auch als "Professor von Hellenthal" bekannt, darüber: "Ein nackter Bergkegel, mit deutlichen Spuren ehemaliger Befestigungen befindet sich in der oberen Prethschlucht, "Tempelburg" nennt ihn das Landvolk, das mancherlei von dort vergrabenen Schätzen zu erzählen weiß."8

Wildschweine sollen dort "Altertümchen" ausgebuddelt haben. Neben Pfeilen kam auch eine Glocke zum Vorschein, die in der Kapelle von Ramscheid aufgehängt wurde. Ein Hort weiterer Schätze soll noch tief in der Erde ruhen. Bei Gierlichs heißt es: "Op dr Tempelborg bei Rahmschedt let noch en ganks Keß voll Gold on Deamante em Keller. Al hongdert Jahr geht de Honk ens en Zeck lang van der Keß. Wee dat nue grad weeß, kann de Schatz heeve." Man darf allerdings kein Wort sprechen, und an dieser Auflage ist bisher jede Schatzsuche gescheitert.

Der Burgkopf hat - wie die Stolzenburg - stets die Fantasie der Bewohner angeregt, handelt es sich doch hier um eine "auffallend steil aufragende, kahle Bergwand, die in zwei - den Eindruck des Unnatürlichen erweckenden - Gipfeln ihren Abschluss findet."9 Es ist die Rede von einer "seltsamen Welt" und von "dynamischen Kräften".

Die Stolzenburg, der Pielstein, die zwei Reifferscheider Burgen sowie weitere drei ungenannte Tempelherrenburgen sollen laut Sage in ein und derselben Nacht untergegangen sein. Gierlichs schreibt: "Alle sieben sind, wie die Sage erzählt, in einer Nacht von der Erde verschlungen worden zum warnenden Beispiel für die lebenden und kommenden Geschlechter. Noch heute geht man nicht ohne geheimes Grauen an jenen Stätten vorüber, wo Gottes Gerechtigkeit so schrecklich gewaltet."

Auch in anderen Gegenden und Ländern erzählt man sich von einer grauenvollen Nacht, in der eine ganze Reihe von Burgen in sich zusammenfiel oder ganze Städte untergingen. Inzwischen glaubt man an einen realen Hintergrund für diese Volkserzählungen. Es wird die Theorie vertreten, dass ein Erdbeben für den Untergang der Bauten verantwortlich war. War auch in der Eifel ein Erdbeben für die Zerstörung der Burgen verantwortlich?

In der Erzählung vom Untergang der Burg auf dem "Burgkopf", wo die Ritter ebenfalls in Saus und Braus hausten, ist von einem "bösen Unwetter" die Rede: "In einer Nacht zog sich über der Burg ein böses Unwetter zusammen. Unaufhörlich zuckten Blitze, furchtbar grollte der Donner. Nach einem grellen Blitz, auf den ein gewaltiger Donnerschlag folgte, war die Burg mit den Rittern und ihren Schätzen an Gold und Edelsteinen im Erdboden versunken."10

Die Stolzenburg im Sommer

Die Stolzenburg im Sommer

Der genannte "gewaltige Donnerschlag" kann durchaus noch eine vage Erinnerung an ein Erdbeben sein, das zwar vergessen war, sich aber in Sagen und Volkserzählungen niedergeschlagen hat. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass es in den Überlieferungen heißt, dass die Burgen "im Erdboden versanken" oder "von der Erde verschlungen wurden."

Bei Kürten ist das Strafgericht Gottes bei der Stolzenburg folgendermaßen beschrieben: "Da - zwei Blitze fuhren rechts und links der Urft nieder. Einen Augenblick war das weite Tal taghell und gleich darauf einen Augenblick blutrot. Ein krachendes Getöse und ein Windzug folgten. Doch das war kein Donnerschlag, und es kam auch kein Blitz und Donner mehr hinterher. Die lederne Brücke war niedergegangen ins Tal, dessen Bewohner betend dem Morgen entgegen harrten. Im ersten Licht des Tages sahen alle, was geschehen war. Die Burg Bielstein war mit dem letzten Stein in den Berg gestoßen und ganz verschwunden, von der Stolzenburg standen nur noch ein paar Mauerzacken auf dem Felsgipfel."

In Rheinlands Wunderhorn, der ältesten schriftlichen Überlieferung, ist die Rede von einer Naturkatastrophe, die den Stolzenburger trifft: "Auf einmal schwirrte mit grässlichem Geschrei eine Rotte Nachtraben nahe an seinem Fenster vorbei, der Blick des schönen Silbermondes erlosch, eine schauerliche, tiefschwarze Dunkelheit verbreitete sich über die Gegend, die Menschen waren betäubt, die Tiere stöhnten aus Angst ob dem Gebrülle, das von allen Seiten stärker und immer stärker hervorrollte. Der Stolzenburger entfernte sich, denn er mochte wohl ahnen, dass das schreckliche Getöse der Natur für ihn, den Unnatürlichen, den Grabgesang bedeutet, und er erhob sich, wollte beten, zum ersten Male in seinem Leben, da ertönte ein Krachen, dass die nahen Berggipfel ihre kahlen Häupter neigten - und die Stolzenburg war nicht mehr!"

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Stolze Burggrafen


Von einem edlen Ritter auf der Stolzenburg wird auch in einer anderen Heldensage berichtet. Graf Arno ist der stolze, freiheitsliebende Besitzer des Felsennestes. Karl Guthausen erzählt in seinem Sagenbuch: "Als eine neue Zeit die alten Rechte zu vernichten drohte und zur Stolzenburg die Kunde von Unterwerfungspflichten drang, rief Arno seine Knappen zusammen und erklärte ihnen: 'Ihr treuerprobten Scharen merkt auf! Unser altes Recht will man kürzen; doch unabhängig, wie unsere Väter waren, will auch ich frei und nimmermehr eines anderen Knecht sein'."11

Schon bald zieht ein mächtiges Heer der Landesfürsten in das Urfttal. Alle Angriffe, die Burg Graf Arnos einzunehmen, scheitern jedoch an der starken Wehranlage. Die Stolzenburg scheint uneinnehmbar. Schließlich hungern die Belagerer die Menschen auf der Stolzenburg aus, um sie dadurch zur Kapitulation zu zwingen. Alle Bewohner der Stolzenburg sterben den Hungertod, doch Graf Arno ergibt sich nicht. Er ist der letzte Überlebende und entscheidet sich für den Freitod hoch zu Ross: "Dann gab der Graf seinem Schimmel die Sporen, noch einmal bäumte das Ross sich auf, dann ein Sprung die Felsenwände hinab bis tief ins Tal, wo wild die Urft schäumte. Ross und Reiter verschwanden in den Wogen." Die Sieger wollten jedoch nicht die Stolzenburg bewohnen und so verfiel diese mit der Zeit.

In einer anderen Darstellung ist nicht Graf Arno, sondern "Graf Dietrich von der Stolzenburg" der letzte Bewohner der stolzen Warte auf hohem Fels. Seit seinem Freitod kehrt er einmal im Jahr zu seiner geliebten Stolzenburg zurück. Ambrosius Bettelmann hat die Geschichte in einem langen Gedicht erzählt. Einige Verse erzählen von der Wiederkehr des Grafen aus der Jenseitswelt:

"Doch wenn Sylvesternacht die lange
Ins Eifelland kommt übers Jahr,
Dann zittern Fuchs und Reh gar bange
Herauf steigt dann der stolze Aar.

Dann steigt aus unterird'scher Gruft
Graf Dietrich wieder aus der Kluft
Und wandelt mit kühnem, festem Schritt,
Wo er vor Zeiten den Schimmel ritt ..."12

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Geheimnisvolle Juffern


Hartherzige Raubritter, edle Kreuzritter, mächtige Tempelherren und stolze Burggrafen konnten jedoch nicht die Juffern (Jungfrauen) vertreiben, die seit alters her am Fuße der Stolzenburg ihr Sagenreich haben. Diese nebelhaften, stolzen Feen erinnern an die Matronen, die Göttinnen in Dreierform, die von Kelten, Germanen und Römern innigst verehrt wurden. So ist es nicht verwunderlich, dass die lichten Nachtwesen besonders gerne im Eifeler Matronenland herumspuken und sich an Gewässern aufhalten. Wer die Juffern entdeckt, sollte sich ruhig verhalten und die Nebelgestalten nicht ansprechen. Dann tun die Wesen aus der Geisterwelt einem nichts zuleide. Trotzdem fürchten die Menschen sich vor den mysteriösen Spukgestalten und sehen sie als Todkünderinnen: "Die Juffern waren stumme Wesen, tauchten ohne ein Wort zu sprechen aus der unsichtbaren in die sichtbare Welt auf und verschwanden genauso stumm wieder ins Reich der Geister. Immer wieder wird in den Sagen davor gewarnt, die Jungfrauen anzusprechen, da dies den Tod zur Folge habe. Ein Zusammenhang zur früheren Göttlichkeit dieser Wesen wird dadurch erkennbar."13

Merkmale der überall im Matronenland überlieferten Juffernsagen finden sich auch in der Überlieferung von den Sagengestalten an der Stolzenburg. Der aus Münstereifel stammende Matronenforscher Franz Cramer (1860-1923) hat die Sage folgendermaßen aufgeschrieben: "Wer nächtlicherweile an der versunkenen Ritterburg und der Teufelsader (Römerkanal) vorbei seines Weges gehen muss, der lasse sich nicht zu beschleunigtem Schritt verleiten; denn unten am Bach sitzen im Dunkel der Nacht die drei Jungfern in weißen Gewändern und spiegeln sich in den leise rinnenden Fluten des Urftbaches, und diese durch hastigen, lauten Schritt zu verscheuchen wäre Frevel, der schwer zu büßen ist."14

Laut mündlicher Überlieferung liegt der "Erscheinungsplatz" der Juffern am Zufluss des Kuttenbachs in die Urft. Damit findet sich eine Parallele zu dem Spukplatz der Juffern in Nettersheim. Dort sitzen sie nämlich am liebsten unterhalb des Matronentempels Görresburg an der Urft, entweder am Zufluss des Schleifbachs oder des Wellerbachs in die Urft.

Der Kuttenbach, der bei Diefenbach entspringt, ist eng mit dem Kloster Steinfeld verbunden, verläuft er doch im Tal unterhalb der geschichtsträchtigen Abtei und wird von der Hermann-Josef-Quelle gespeist, einer Quelle, deren Wasser man Heilkraft zuspricht. Der Name Kuttenbach hat allerdings nichts mit den Kutten der Mönche zu tun. Es ist eher an eine Kaute oder Kaule zu denken, die eine Vertiefung meint. Der Bachname ist 1347 Kotzenbach geschrieben, im Steinfelder Urkundenbuch von 1502/03 sowohl Kutzenbach als auch Kuttenbach.

Wie man mit den sagenhaften Juffern umgehen soll, wusste auch der in Kommern als Lehrer und in Mechernich als Bergbeamter tätige C. A. Eick (1814-1868), der als erster den Römerkanal im Urfttal erforschte: "Wen aber Grauen erfasst ob Satans Nähe (Teufelsader = Römerkanal) bei nächtlicher Weile, der renne nicht hastig und lärmend des Weges weiter, damit er die Jungfrauen nicht verscheuche, die in weißen Gewändern unten am Wehre des Flüsschens sitzen und in den blanken Wellen sich spiegeln. Denn sollte er erschaut werden von ihnen, so böge er wohl nimmer unversehrt um des Baches Krümmung."15

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Weitschauende Römer


Ins Reich der Sage verweist man auch die Ansicht, dass auf dem Stolzenfels einst eine Römerwarte stand. Da unterhalb des Felsens der Römerkanal vorbeizieht, ist der Gedanke an eine Art Wachtturm allerdings nicht ganz von der Hand zu weisen. Im Übrigen hat man von der Stolzenburg aus einen weiten Blick ins Land und solche Plätze nutzten Kelten und Römer als Ausschauplätze, um herannahende Feinde rechtzeitig zu erspähen.

Zu der Theorie der Römerwarte schrieb M. Adlung im Jahre 1880: "Berücksichtigt man, dass der bekannte Aquaeduct des Hadrian sich im Urftbachthale und auch am Fuße der Stolzenburg entlang zieht, so liegt es nahe, die Römerwarte auf dem Berge hiermit in Verbindung zu bringen. Vermutlich diente sie zum Schutze des Kanals."16 Er bekräftigte die Hypothese durch aufgefundene Gegenstände, vor allem Scherben gebrannter Tongefäße, die er als römisch ansah, die allerdings später dem Mittelalter zugeordnet wurden.

Der Römerkanal verläuft unterhalb der Stolzenburg ein Stück lang oberirdisch. Der Kanal selbst und Relikte einer Auffangleitung des Oberflächenwassers sind in der Nähe von Burg Dalbenden noch erhalten. Die römische Wasserleitung nach Köln wird im Volksmund "Düwelsoder" genannt und ist ebenfalls von Sagen umgeben. Im Urfttal sollen Fußabdrücke des Teufels zu sehen sein.

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Geschichtliche Spuren

Grundriß der Burgruine Stolzenburg

Bild: Grundriß der Burgruine Stolzenburg. Quelle: Ernst Wackenroder: Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden, 1932

So üppig das Sagengut an der Stolzenburg wuchert, so spärlich sind geschichtliche Spuren aufzudecken. Die Ruine mit einigen wenigen Mauerresten lässt die wissenschaftliche Forschung auf eine mittelalterliche Burg schließen, die eventuell der Sitz des Geschlechtes derer "von Sötenich" war. Vom Jahr 1405 ist ein Johann von Sötenich bekannt. Reste einer umlaufenden, der Form des Felsenkegels angepassten Ringmauer, Mauertore und Grundrisse von Wohnräumen sind noch sichtbar. Die Landseite der Burg war durch einen Wall und einen Graben geschützt. Die Steilkanten zum Urfttal gaben der Burg einen natürlichen Schutz, so dass hier keine Mauer nötig war.17

Das Baumaterial wurde aus dem Felsen gebrochen, wodurch man gleichzeitig Kellerraum gewann. Kellervertiefungen sind noch heute zu erkennen und werden gerne als rätselhafte unterirdische Gänge gesehen. Die Anlage bildet ein Oval, dessen größte Ausdehnung 75 m beträgt, so dass der Raum sehr beengt war. Die nutzbare Breite des Hofes betrug etwa 50 Meter. Dass der Platz der Stolzenburg bereits vormittelalterliche Nutzung erfahren hat, ist zwar anzunehmen, kann jedoch bis heute nicht durch Funde belegt werden.

Einmalige Flora


Wenn der sagenhafte Goldschatz tief unter der Stolzenburg auch Legende bleibt, so gibt es dort jedoch einen anderen Schatz zu entdecken: Eine vielfältige, einmalige Pflanzenwelt, die erstmals 1954 mit 16.30 ha unter Naturschutz gestellt wurde. 1964 wurde die Verordnung durch eine neue abgelöst. Die Unterschutzstellung wird wie folgt begründet: "Hauptgrund für den Schutz dieses Gebietes war die bemerkenswerte Vegetation der Südhänge, die aus der Talsohle der Urft bis auf 485 m zum Teil sehr steil aufsteigen. Diese Südhänge stellen einen der wenigen Standorte des wärmeliebenden und steinsamenreichen Eichenwaldes in Deutschland dar. Der Artenbestand dieser wärmeliebenden Eichenwälder zeigt ähnlich wie der Kalktrockenrasen eine pflanzengeographische hochinteressante Zusammensetzung."18

Jede Jahreszeit bietet dem aufmerksamen Wanderer neue Edelsteine auf dem Südhang der Stolzenburg: "Im Mai und Juni beginnt die rechte Blütenzeit der vielfältigen Sträucher. Vor allem sind zu nennen: Elsbeere, Mehlbeere, Wolliger Schneeball, Alpenjohannisbeere, Rote Heckenkirsche und Sauerdorn ... Zur Zeit der Sommersonnenwende vollendet dann noch eine Reihe bemerkenswerter Kräuter und Stauden den seltenen Blütenreigen: Schwarze Platterbse, Nickendes Leinkraut, Berghartheu, Pfirsichblättrige Glockenblume, Schwalbwurz, Blutroter Storchschnabel, Zwergeichengamander, Doldige Wucherblume, Kammerwachtelweizen und das sehr seltene Laserkraut."19

Zu diesen seltenen Arten, die fast alle im mittelmeerischen Bergland zu Hause sind, gesellt sich noch eine bunte Palette von bekannteren, geschützten Pflanzen und Sträuchern.

Wissbegierige Wanderer


Wer die Stolzenburg erkunden will, kann von Urft aus loswandern. Ein Stück lang muss er die Landstraße L 204 von Urft in Richtung Sötenich/Kall gehen. Links liegt dann die Burg Dalbenden, die bereits 1152 erwähnt ist und seit Mitte des 17. Jahrhunderts im Besitz der Reitmeisterfamilie Cramer war. Von dieser Familie ist gegenüber der Burg an der rechten Straßenseite noch eine Begräbnisstätte zu sehen. Etwa 100 m weiter steigt rechts ein ausgeschilderter Pfad hoch zur Stolzenburg. Von der Kuppe aus kann man einen Blick zum gegenüberliegenden Pielstein und darüber hinweg zum Eifeldom in Steinfeld werfen.

Will man zum gegenüberliegenden Pielstein gelangen, so muss man - in Ermangelung einer Lederbrücke - bis zur Burg Dalbenden zurückgehen (oder einen Gang über die Landstraße wagen oder eine Wanderung laut Wanderkarte über Sötenich machen). Man lässt die inzwischen als Wohnungen dienende Burg Dalbenden links liegen, überquert die Bahngleise und die Urft und geht nach rechts talwärts in Richtung Sötenich. Bald führt ein Weg links hoch nach Steinfeld. Man bleibt auf dem Talweg, der parallel zur Urft, Bahn und Straße verläuft (neue Kläranlage). Nach gut einem Kilometer erreicht man den Kuttenbach, der hier in die Urft mündet - und wo die sagenhaften Juffern ihr Reich haben. Zu beiden Seiten des Kuttenbaches geht je ein Weg nach Steinfeld bzw. Steinfelderheistert. Der erste Waldweg führt an der Hermann-Josef-Quelle vorbei. Der zweite Weg geht direkt am Pielstein entlang. Bleibt man auf dem Talweg in Richtung Sötenich, so bietet sich sehr bald ein herrlicher Blick auf den schroffen Felsen der gegenüberliegenden Stolzenburg.

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Quellenangaben

1. Alfred Reumont: Die Stolzenburg. In: C. Trog: Rheinlands Wunderhorn, 10. Band, o. J., Seite 71
2. Vgl. Edward Schröder: Stolzenberg und Stolzental. In: Zeitschrift für Ortsnamenforschung. 1931, Seite 232
3. Vgl. Ingrid Joester: Urkundenbuch der Abtei Steinfeld, 1975
4. Franz Peter Kürten: Als der Herrgott zuletzt im Urfttal war. In: Zwischen Eifel und Ville, September 1951
5. Dr. A. Janssen: Raimund und Aspasia. In: Heimat-Kalender des Eifelgrenzkreises Schleiden, 1959, Seite 83
6. Walter Janssen: Studien zur Wüstungsfrage im Fränkischen Altsiedelland zw. Rhein, Mosel u. Eifelnordrand, 1975, S. 72, Nr. 85
7. Hubert Gierlichs: Die Tempelburgen in der Gegend von Reifferscheidt in der Eifel. in: Rhein. Geschichtsblätter, 1898, Seite 134
8. Hermann Ritter: Reisebilder aus der Eifel und den Ardennen, Trier 1907, Seite 30
9. Werner Sieper: Eine Eifeler Turmhügelburg. In: Die Eifel, Februar 1956, Seite 18
10. Hauptlehrer D. Krämer, Blumenthal: Der Burgkopf bei Giescheid. In: Heimatkalender des Kreises Schleiden, 1960, Seite 143
11. Karl Guthausen: Der letzte Ritter von Stolzenburg. In: Sagen und Legenden aus Eifel und Ardennen, Band 2, 1994, Seite 165
12. Ambroisius Bettelmann: Die Stolzenburg (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Magdalena Poensgen, Nettersheim)
13. Sophie Lange: Wo Göttinnen das Land beschützten, 1996, Seite 48
14. 14 Dr. Franz Cramer: Römischer Matronenkultus im Spiegel der Volksüberlieferung. In: Eifelvereinsblatt März 1913, Seite 54
15. C. A. Eick: Die römische Wasserleitung aus der Eifel nach Köln, 1867, Seite 32
16. M. Adlung, Urft: Eine Römerwarte in der Eifel. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins, 1880, Seite 330
17. Vgl. Ernst Wackenroder: Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden, 1932, Seite 512/513
18. Dr. Jochen Hild: Naturschutz im Landkreis Schleiden. In: Heimatkalender Landkreis Schleiden 1969, Seite 124
19. Prof. Dr. M. Schwickerath, Aachen: Die Stolzenburger Südhänge bei Urft. In: Heimatkldr. Krs Schleiden 1966, S.66 u. 67


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