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Spuk und Aberglauben im Alltag und im Jahreslauf

Auszug aus "Hier spukt's. Sagen und alte Dorfgeschichten aus den elf Orten der Gemeinde Nettersheim."

von Sophie Lange

Allerhand Spukgeschichten, die von altem Glauben und Aberglauben geprägt sind, begleiteten einst die Menschen durchs Leben. Nicht selten steckt hinter Alltagsspuk altes Sagengut. Ein Märchenelement ist es sicher, wenn man den Kiwitt-Ruf eines Käuzchens als Todesankündigung deutet. Die unglückbringende schwarze Katze, die einem über den Weg läuft, kann vor langer Zeit aus der Menschenwelt in die Anderswelt geflüchtet sein. Eine unförmige, zentnerschwere Unholdin, Mahr oder Alp genannt, schleicht nachts ins Haus, springt auf den Schlafenden und bringt schwere Alpträume. Sie kann durch den fünfzackigen Druidenstern und durch das Kreuz vertrieben werden.

Der Aberglaube sitzt tief in der Volkseele, wobei die schwierige Frage der Abgrenzung von Glaube, Aberglaube und Volksglaube nicht leicht zu klären ist. Man klopft auf Holz, wenn man etwas nicht berufen will oder spuckt hinter sich. Toi, toi, toi! Muss man nun über die rechte oder die linke Schulter spucken? Da scheiden sich die Geister. Verstreut man Salz, gibt es Streit im Haus. Legt man Messer und Gabel kreuzartig übereinander, so stirbt bald jemand. Wenn sich bei der Begrüßung die Arme zweier Menschen überkreuzen, sieht man darin ein ungutes Vorzeichen. Scherben dagegen bringen Glück. Steigt man morgens zuerst mit dem linken Bein aus dem Bett, ist der ganze Tag verdorben. Sprechen zwei Menschen gleichzeitig das gleiche Wort aus, so wird dadurch eine arme Seele erlöst. Der Spiegel ist als alter Orakelzauber ein Glücksbringer; geht er entzwei, so wird dadurch Unglück angekündigt, das sieben Jahre lang andauern kann.

Endlos ließe sich diese Aufzählung alter Vorstellungen ergänzen. Die Angst vor Unvorhersehbarem und der Aberglaube scheinen in unserer heutigen aufgeklärten, technisierten Welt eher zu- als abzunehmen.


Der Jahreslauf

Im Jahreslauf beginnt der Spuk in der Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag. Man nennt diese zwölf Tage und Nächte zwischen den Jahren Lüstertage, Lostage, Rau- oder Rauchnächte. Zwischen Weihnachten und Dreikönige soll man keine Wäsche waschen! Das bringt Unglück! Diese alte Hausregel ist noch bei den älteren Menschen in den Eifeldörfern bekannt und wird stellenweise bis heute beachtet. Zugrunde liegt die Wintersonnenwende, die nach dem kürzesten Tag und der längsten Nacht am 21. Dezember das Licht wieder wachsen lässt. Die Geister der Luft wollen dies verhindern und jagen in einer wilden Jagd mit viel Gebrause und Getöse durch die Lande. Der Germanengott Wodan oder die Winterfrau Persch führten einst die wilde Horde an. Bis in die Dörfer wagen sie sich vor. Wehe, wenn jetzt irgendwo Wäsche auf der Leine hängt. Dann verfangen sich die Luftgeister in Kissenbezügen und langen Unterhosen und bleiben das ganze Jahr in der Nähe der Menschen. Meistens treiben sie dann allerhand Schabernack, können jedoch auch Leid und Not bringen. (Ob die wilden Luftgeister auch den Weg in elektrische Waschmaschinen und Trockner finden, sei dahingestellt).

Zwischen den Jahren will der Wald seine Ruhe haben.

Bild: Zwischen den Jahren will der Wald seine Ruhe haben. (Weg zum "Heidentempel" Nöthen/Pesch) Foto: S. Lange

In der Zeit zwischen den Jahren soll man sich möglichst auch vom Wald fernhalten, denn dort wollen die Dämonen ungestört ihre wilde Jagd ausüben. Überhaupt sollen die Menschen sich in diesen Tagen in der warmen Stube aufhalten, dem Sturmgebraus zuhören und sich ruhig verhalten, denn das wachsende Licht ist nach altem Glauben so schwach, dass es schon beim kleinsten Gepolter erschrickt und erlischt. Dass in diese stille Zeit die lautstarke Silvesternacht fällt, ist erst seit 1691 der Fall. Vorher begann das neue Jahr am heutigen 6. Januar, also zu Ende der Lostage und Raunächte.

Das laute Karnevalstreiben soll ursprünglich die Winterdämonen verjagen. Ein eindrucksvolles Bild dieses Winteraustreibens hat sich in der Gestalt des Erzebärs erhalten. (LINK Nettersheim. Sagen aus den Ortschaften Nettersheims. Roderath) Auch der Geisterzug in Blankenheim dokumentiert noch das alte Winterdämonen-Denken.

Zu Gründonnerstag fliegen nach alter Vorstellung die Glocken nach Rom, um dort Reisbrei zu essen. Eigentlich soll es jetzt ganz still sein im Dorf, um die Grabesruhe Jesu nicht zu stören. Doch in den Dörfern rufen die Kläpperjungen mit viel Geklapper und Gerappel die Gläubigen zur Kirche. Fest glaubten die Kinder früher an diesen Glockenflug, und manches Kind beschwor, dass es die Glocken in hohen Lüften gesehen hatte. Am Karsamstagabend sind die Glocken wieder aus Rom zurück. Mancherorts erzählt man, dass sie die Ostereier aus der heiligen Stadt mitgebracht haben. Nun können die Glocken wieder ihren Dienst tun. Dazu gehörte früher auch, dass sie Gewitter vertrieben. Bei den ersten Blitzen wurden die Glocken geläutet oder geschlagen (gebeiert) und hielten somit die bösen Wetterdämonen vom Dorf fern, vertrieben sie quasi zum Nachbarort.

In der Nacht zum 1. Mai feiern die Hexen auf ihren alten Tanzplätzen ihr übermütiges Walpurgisfest, ursprünglich ein Mondfest. Die braven Mädchen bleiben in dieser Nacht zu Hause, damit sie nicht selbst zur übermütigen Hexe werden. Die Jungen lassen sich von dem Hexenspuk nicht schrecken und treiben allerhand Schabernack. Ursprünglich steckt auch dahinter ein letztes Winteraustreiben.

Wenn der Winter seine eisige Macht verloren hat, können der Mai und die Liebe erblühen. Die Jungen ersteigern mancherorts in der Mainacht ein Mädchen und stellen einen mit bunten Bändern geschmückten Maibaum ans Haus der Auserkorenen. Nun könnte es endgültig warm und sonnig werden, wären da nicht die drei Eisheiligen mit der kalten Sophie, die Mitte Mai nochmals winterliche Temperaturen bringen. Erst danach kehrt der Frühling auch in die Eifeldörfer ein.

Ein Kräuterstrauß soll vor Unwetter schützen - Matronenstein aus Weyer

Bild: Ein Kräuterstrauß soll vor Unwetter schützen - Matronenstein aus Weyer

Gegen böses Wetter, Zauber und allerlei Wehwehchen helfen nach altem Glauben die Kräuter aus dem Krukwösch (Kräuterstrauß), die am 15. August zu Mariä Himmelfahrt gepflückt und in der Kirche geweiht werden. Art und Zahl der Kräuter sind genau festgelegt. Die Anzahl sollte stets eine heilige Zahl sein, entweder drei oder sieben und alle Zahlen, die sich daraus ergeben (zum Beispiel 9, 21, 33, 77, 99). Folgende Kräuter gehören unter anderem in den Strauß: Beifuß, Wiesenknopf, Johanniskraut, Wermut, Jakobskreuzkraut, wilde Möhre, Salbei, Kamille, Pfefferminz usw. Zusätzlich können Ähren und Gartenkräuter hinzugefügt werden. Einige gesegnete Kräuter wurden in den Stall aufgehängt, damit das Vieh vor allem Bösen beschützt war. Im Haus sollte der Krukwösch den Segen über alles Tun der Familie bringen und Not und Krankheit fernhalten. Bei Beginn eines Gewitters verbrannte man einige Kräuter im Küchenherd und hoffte, dass das Unwetter keinen Schaden anrichtete. (LINK Kräuterstrauß für Mariä Himmelfahrt)

In das reifende Getreide zu gehen, war früher ein großes Vergehen, denn jedes Körnchen war wichtig, um gut durch den Winter zu kommen. Kindern erzählte man von der Roggenmuhme, die die Felder schützt und Eindringlinge vertreibt.

Im Herbst werden die Irrlichter mobil. Als tanzende Flämmchen mit rotgelber Spitze und grünblauen Füßchen geistern sie über Sumpfwiesen und Moore. Von diesen soll man sich jetzt fernhalten, wallen doch überall dichte Nebel, die den Blick für den gefährlichen Sumpf verschleiern. Irrlichter führen den einsamen Wanderer in die Irre und schließlich in die Tiefe der Sümpfe. Auch wenn man bedenkt, dass sogenannte Irrlichter nur phosphoreszierende Sumpfgase sind, sollte man in Sumpfgebieten Vorsicht walten lassen.

Nach dem Herbst folgt bald die Adventszeit, die seit alters her etwas Geheimnisvolles an sich hat. Wenn der Himmel rot leuchtet, wissen die Kinder, dass das Christkind die Weihnachtsplätzchen backt. Legen die Kleinen ihren Wunschzettel auf die Fensterbank, so holt das Christkind in der Nacht den Brief ab. Überall fliegen Engel durch die Luft und schauen in die Fenster, um zu kontrollieren, ob die Kinder lieb und fromm sind.

Eine dämonische Schreckgestalt ist Knecht Ruprecht, auch Hans Muff genannt. Dieser teuflische Begleiter des heiligen Nikolaus verkörpert das Böse und Dunkle. Alle Kinder fürchteten sich einst vor ihm, hatten sie doch Angst, wegen irgendwelcher kindlichen Unarten in den Sack gesteckt zu werden.

Höhepunkt des Jahres war und ist das Weihnachtsfest. Vom christlichen Glauben aber auch von geheimnisvollem Zauber geprägt, erfüllt es die Häuser mit stiller Freude. Die Augen der Kinder strahlen erwartungsvoll. Obwohl der Schwerpunkt des Weihnachtsfestes sich inzwischen immer mehr vom christlichen Fest zum Familienfest verlagert und die Vorbereitungen durch die Kommerzialisierung bestimmt werden, hat das Fest noch viel von seinem alten Zauber bewahrt.


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