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Erzähle mir bloß keine Märchen

Sagen berichten über Land und Leute aus alter Zeit

In: Kreis Euskirchen Jahrbuch 1984


Übersicht


Zeitbestimmung
Ortsangaben
Fabelwesen
Der Teufel
Die Hexen
Die Riesen
Die Zwerge
Die Juffern
Sagenhelden
Armut
Der erste Eifeler
Stöckelchen
Das versunkene Köln
Literaturnachweis

"Erzähle mir bloß keine Märchen!" So sagen wir oft und wollen damit deutlich machen, dass für uns nur Realitäten zählen. Und doch lassen wir uns bisweilen gerne von der Zauberwelt der Märchen einfangen. Manches ist einfach märchenhaft schön. Ein Märchen (lt. Lexikon "eine Wunder und Zauberei als Handlungselemente einbeziehende Geschichte") ist von einem Dichter erfunden, es ist weder zeit- noch ortsgebunden.

Bei den Sagen ist das anders. Volkssagen, die zwar auch von wunderbaren, übernatürlichen Vorkommnissen berichten, haben ihren Ursprung im Volk. Sie haben stets einen wirklichen Kern und manchmal auch einen historischen Hintergrund; sie reflektieren Weltanschauungen aus früheren Zeiten und führen zu einem bestimmten Ort. Sagen sind stark vom Volk geprägt und können sagenhaft viel über Land und Leute aussagen. Die Eifel mit ihren dichten Wäldern, geheimnisvollen Klüften und dunklen Gewässern ist besonders sagenträchtig.

Eifelsagen wurden bis zum vorigen Jahrhundert nur mündlich überliefert. An langen Winterabenden wurden die Geschichten in Bauernstuben, Spinnstuben oder Gaststätten in gemütlicher Runde weitergesagt. In der Sage "Ausgelohnt" aus Pesch, die 1935 aufgeschrieben wurde, wird diese mündliche Überlieferung so zum Ausdruck gebracht: "Die me dat verzallt hant, send ad lang duet on ful."

Als man begann die Eifelsagen aufzuschreiben, war schon viel Sagengut verlorengegangen. Peter Zirbes (1825-1901), der wandernde Steinguthändler und Eifeldichter aus Niederkail, sammelte als einer der ersten zahlreiche Sagen seiner Heimat und setzte sie in Versform. "Sagengeschichte ist Kulturgeschichte", schreibt Hans Erben zu der Sagendichtung.

Zeitbestimmung


"In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat ...", so beginnt das Märchen vom Froschkönig. Mit solchen vagen, aber aussagestarken Zeitangaben beginnt auch manche Eifelsage: "Zu der Zeit, da die Menschen nur in Tälern wohnten ..., "Als die Menschen die Gaben der Natur noch zu schätzen wussten ...", "Als die Bewohner der Eifel noch unablässig schwerste Arbeit leisten mussten, um das tägliche Brot zu verdienen ..." Andere Sagen weisen in die Vergangenheit: In früheren Zeiten, in alter Zeit, in der guten alten Zeit, vor langer Zeit oder vor langer, langer Zeit.

Erzählen Eifelsagen von legendären Gestalten, so sind diese natürlich zeitlich bestimmbar. Die vielen Legenden um Karl den Großen, die von Aachen bis tief in die Eifel hineinreichen, mögen hier als Beispiel dienen. Anlass zu Sagen gaben auch die Hunneneinfälle, die Kreuzzüge, der Dreißigjährige Krieg und die französische Revolution. Aber auch in anderen Geschichten aus alter Zeit finden wir genaue Zeitangaben. In "Nidhards Pfeil", in dem das Kloster Prüm einen großen Besitz geschenkt bekommt, ist festgelegt: "Gegen Ende des 9. Jahrhunderts". In einer anderen Sage um die Abtei Prüm heißt es noch genauer: "An einem Spätsommerabend des Jahres 855 ..."

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Äquadukt bei Vussem

Äquadukt bei Vussem

Nach der Sage soll der Teufel in zwei Tagen den Kanal von Köln in die Eifel gebaut haben (Bild: Äquadukt bei Vussem).

Dass Zeitangaben in Sagen vollkommen falsch sein können, zeigt die Sage vom Römerkanal. In dieser Erzählung werden der Beginn des Baus des Kölner Doms und der Bau der "Düvelsoder" miteinander in Verbindung gebracht. Der Grundstein zum Kölner Dom wurde im 12. Jahrhundert gelegt, die römische Wasserleitung wurde im 4. Jahrhundert fertiggestellt. So sind in der Sage zwei Ereignisse zeitlich zusammengelegt worden, die in Wirklichkeit fast ein Jahrtausend voneinander stattfanden. Dies lässt sich nur so erklären, dass die geheimnisvolle Wasserleitung erst 1867 als römisches Bauwerk erkannt wurde.

Ortsangaben

In der Sage um den Römerkanal ist auch der Verlauf der Wasserleitung "von Köln bis Trier" falsch angegeben, denn der Römerkanal endet im Rosenthal zwischen Urft und Nettersheim und ist nie bis Trier weitergebaut worden. Im Allgemeinen aber sind die Ortsangaben in den Volkssagen viel genauer als die Zeitangaben. Da heißt es etwa: In Ulmen, am Ufer des Laacher Sees, auf der Burg Eltz, auf Burg Landskron an der Ahr, in Kall im Schleidener Tal ...

In der Sage um die verschwundene Stolzenburg wird der Weg dorthin so gewiesen: "Wenn der Waller das fruchtbare Urfttal von Call nach Dahlbenden hinaufzieht, gewahrt er auf einer, aus schauerlichem, dichtem Gebüsche hervorragende Felsen-Kuppe, halb verwittertes Mauerwerk und eingesunkene Räume, welche die Überreste einer Burg aus der Vorzeit sind ..." In einer anderen Nacherzählung der Stolzenburgsage wird von einer zweiten Burg, Bielstein (auch Pielstein geschrieben) an der anderen Seite der Urft berichtet. Diese beiden Burgen sollen durch eine lederne Brücke miteinander verbunden gewesen sein. Von der Stolzenburg sind noch Mauerreste zu sehen, eine frühere Existenz der "Bielsteinburg" ist jedoch nicht nachweisbar. LINK STOLZENBURG AUF STEILER HÖHE

In der Sage "Die goldene Wiege" ist die Ortslage so beschrieben: "Eine Wegestunde von Rheinbach entfernt liegt am Rand der Rheinebene vor den Eifelhöhen der mächtige, weithin sichtbare Kegel des Tombergs."

Da die Sagen von Mund zu Mund gingen, ehe sie schriftlich fixiert wurden, ist das Einschleichen von Verwechslungen, vor allem bei den Ortsangaben, leicht möglich. Aber auch bei der gedruckten Wiedergabe können sich Fehler einschleichen. So ist in der Sage "Der verhexte Knecht" zu lesen, dass Nettersheim früher das "Hexendorf" genannt wurde. In Nettersheim selbst ist die Bezeichnung weder in der mündlichen Überlieferung bekannt noch in alten Schriften zu finden. Andererseits hatte der Ort Nattenheim bei Bitburg den Ruf als Zauberer- und Hexendorf. Hier liegt also eindeutig ein Übertragungsfehler vor.

Von Erzählungen aus Wahrheit und Volksdichtung sind Burgen und Klöster, Ruinen und Kapellen, Bildstöcke und Wegekreuze umrankt. Manche der zahlreichen Eifelquellen, die bei den Kelten als Kultstätten galten, sind im Volksmund auf wunderbare Weise aus der Erde gesprudelt. Auch die Maare gaben zu mancher Geschichte Anlass.

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Fabelwesen


Märchenfiguren und Fabelwesen, die oft identisch sind, haben zu allen Zeiten die Menschen fasziniert. Die Sagen sind wie die Märchen schwarz-weiß koloriert, es gibt Böses oder Gutes; das Böse wird bestraft, das Gute wird belohnt. Auch die Fabelwesen sind entweder gut oder böse.

Der Teufel

Als Zeichen des Bösen gilt in den Eifelsagen der Teufel, oft nur "der Böse" genannt. Er ist stets hinter den armen Seelen her. Um Seelen zu fangen, wird er ein Teufel in Menschengestalt und schlüpft in die verschiedensten Verkleidungen. In einer Teufelssage aus Bonn fällt dem Höllenfürst auf, "dass lange kein Bonner mehr den Weg zur Hölle gefunden hatte." So macht er sich auf, um eine Bonner Seele durch List zu erwerben, was dem armen Teufel aber nicht gelingt. Diese Sage "Der Teufelswind" beginnt: "Zu der Zeit, da sich der Teufel zuweilen selber noch die Seelen auf Erden fing ..." In der Sage "Der Eifeler Müller" erfahren wir, warum der Teufel das später nicht mehr nötig hat: "Heute kommt der Teufel nicht mehr in Leibesgestalt her, er versucht mit seiner Erfindung, dem Feuerwasser, zum Ziel zu gelangen ..." Der Satan ist nur zu besiegen, indem er mit dem Kreuz konfrontiert wird. So wird der Böse, nachdem er das große Bauwerk in Steinfeld in Teufelsschnelle erbaut hat, erst dann vertrieben, als ein Kreuz auf die Turmspitze gesetzt wird. Der Teufelstein in Diefenbach erinnert noch an den wütenden Verlierer. LINK KULTSTEINE IN DER EIFEL

Freude hat der Satan an allem gottlosen Tun. Besonders verwerflich war in alten Zeiten das Kartenspielen. In einer Verordnung der herzoglichen Arembergschen Verwaltung von 1755 wird Kartenspielern aus Mülheim und Reetz "ein Gulden Herrenstrafe und ein Pfund Wachs Kirchenstrafe" angedroht. Das Kartenspiel scheint also nicht ganz harmloser Natur gewesen zu sein. In mehreren Sagen gesellt der Teufel sich zu Kartenspielern, die auch an hohen Feiertagen dem Spielteufel unterliegen. Das Spiel geht so lange, bis die Sonntagsschänder den Bösen an seinen Pferdefuß erkennen und reumütig Besserung geloben. Die bekannteste Sage hierzu ist der Kartstein. Hier hat der Teufel am Osterfest in der Kakushöhle seine Hand im Spiel.

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Die Hexen


Bei dem Wort Hexen steht uns gleich aus Kindertagen das Schreckensbild der bösen Hexe aus dem Märchen Hänsel und Gretel vor Augen. Hexen sind böse Fabelwesen; daran hat auch Ottfried Preusslers Geschichte von der kleinen Hexe, die eine gute Hexe ist, nichts geändert. Was ist nun eine Hexe? In der Sage "Der verhexte Knecht" erfahren wir es: Ein Teufelsweib. Wenn wir heute von einem Teufelsweib sprechen, ist das nicht immer abwertend gemeint. Früher aber - und nicht nur in Sagen - waren Teufelsweiber Frauen, die mit dem Satan in Verbindung standen, die des Teufels waren. "Se hät den Düvel em Liev", sagt man in der Eifel.

Was trieben die Hexen nun so Verwerfliches? In der Moselsage: "Die Hexe, die keine war" wird eine Frau angeklagt: "...der Satan habe sie zu nächtlichen Tänzen überredet; da hätten sie in der Luft geschwebt; der Satan habe ihr Reichtum versprochen und ihr Gewalt verliehen, Früchte zu verzaubern, Gewitter herbeizulocken, Ungeziefer an die Weinstöcke und Krankheiten an Menschen und Vieh zu bringen." Der Lebenslauf einer Hexe aus Aachen wird kurz und bündig so beschrieben: "Bei Tage hat sie die Leute gequält, bei Nacht hat sie ihr Geld gezählt."

In der Eifel sollen die Hexen sehr zahlreich gewesen sein und es müssten eigentlich viele Hexensagen existieren; schriftlich festgelegt aber sind nur wenige. Ein Grund für die minimale Zahl der Hexensagen könnte sein, dass die Menschen nach den zahlreichen Hexenprozessen Angst hatten, durch das Erzählen von Hexengeschichten in Teufels Küche zu geraten. Dass Hexen beim nächtlichen Tanz oder Besenritt beobachtet wurden, wird in mehreren Dörfern der Eifel erzählt.

In der Sage "Die Hackefey", die uns auf Schloss Burgau bei Düren führt, erfahren wir, wie eine Hexe Streit unter den Menschen schafft. In dieser Sage hat sogar der Teufel Angst vor der Hexe Hackefey. Besonders bekannt waren die Hexen aus Zweifall. Es heißt, dass kein Tanz, keine Versammlung der Hexen beginnen durfte, ehe die gelehrten und teufelstüchtigen Zweifaller Hexen anwesend waren. Die anderen Hexen warteten mehr oder weniger geduldig auf die Zweifaller "Teufels Prinzessinnen" und sangen: "Juchhee, juchhoo, send die von Zwiefel noch net do?"

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Die Riesen

Kartsteinhöhle bei Mechernich

Kartsteinhöhle bei Mechernich

Bild: In der Kartsteinhöhle bei Mechernich soll der böse Riese Kakus gehaust haben.

"Hier (in der Kakushöhle) stand die Steinwohnstube des bösen Kakus, des Schreckens der umliegenden Ortschaften. Wie hingen ihm die langen, zottigen Haare um den wüsten Kopf, den ein langer Bart noch unheimlicher machte. Dunkel und haarig war die ganze Haut. Der Griff seiner tatzenähnlichen Faust war zermalmend." So wird der etwa vier bis fünf Meter große Kakus in der Sage "Der Kampf der Riesen" beschrieben. Der andere Riese dieser Erzählung ist Herkules, ein guter, römischer Held, der in einem Kampf den "bitterbösen" Kakus tötet, jedoch nach einigen Tagen seinen Verwundungen erliegt. Laut Sage soll er in der Nähe von Holzheim gestorben sein. Der Herkelstein bei Holzheim erinnert noch an seine letzte Ruhestätte. LINK SAGEN DER KAKUSHÖHLE

Die Erzählung dieses Kampfes finden wir nicht nur in den Eifelsagen. Der römische Schriftsteller Vergil (70-19 v.Chr.) erzählt, dass Herkules auf seiner Wanderung aus Gallien nach Italien den räuberischen Kakus tötete. Tacitus (55-115 n.Chr.) nennt Herkules in seiner Germania "den ersten aller starken Sieger". Herkules genoss im Rheinland große Beliebtheit und wurde hier, wie bei den Griechen und Römern, als Gott verehrt.

"Ein stolzes Geschlecht der Riesen" lebte auf der Hohen Acht. Es waren gute Riesen, die den Menschen nichts Böses taten. Weitere Riesen sind in den Eifelsagen nicht zu finden, denn diese Giganten suchten große Höhlen für ihre Bleibe. Die Eifel aber ist das Land der kleinen Höhlen und hier finden wir unsere nächsten Fabelwesen.



Die Zwerge


Zu den guten Geistern in den Sagen gehören die Zwerge, auch Wichtel, Erdmännchen, Moosmännchen, Ongererdesche (Unterirdische) oder Äedkäelche (Erdkerlchen) genannt. Diese sind friedlich - wenn auch etwas hinterlistig - und stets bereit, "den Menschen mit milder Hand und gütigem Herzen" zu helfen. Vor allem wollen die kleinen Wesen in Ruhe gelassen werden. Sobald sie gestört werden, verschwinden sie oder nehmen auch grausame Rache; so etwa in der Sage vom Tanzberg zwischen Keldenich und Dottel. In den Bleierzstollen legten die Bergknappen Kegelbahnen und einen Tanzsaal an und führten dort wilde Gelage durch. Als "dieses wüste Wesen eines Tages den Berggeistern auf die Nerven ging", ließen sie die Stollen einstürzen und die Zecher kamen um. (Eingesunkene Schächte sind tatsächlich im Tanzberg vorhanden.)

Wie die Heinzelmännchen zu Köln, so waren auch die Wichtel in der Eifel nachts besonders aktiv. Sie buken das am Abend angesetzte Brot, nähten und flickten und verrichteten vielerlei Arbeiten in Haus und Hof. In vielen Eifeldörfern erzählten die Menschen von den hilfreichen Geistern, die hier und da zu hören, aber nur selten zu sehen waren. Und doch erhalten wir in den Eifelsagen ein ziemlich genaues Bild von den kleinen Kobolden. Ihre Größe wird von Daumengröße bis Kleinkindgröße angegeben, oder -wie es in Niff und Neifel heißt: "Zwischen drei und vier Spannen einer starken Bauernhand sind sie groß."

In der Sage "Die Finsterley" aus der Dahlemer Umgebung wird ein Zwerg gesehen und wie folgt beschrieben: "Da stand plötzlich ein hässlicher, verwachsener Zwerg vor dem Erstaunten. Einer borkigen Rinde glich das Gesicht, das von einem filzigen Moosbart umrahmt war. Ein Paar grüne Augen blitzten aus schwarzen Höhlen. Hose und Wams aus Hirschleder bedeckten die krummen Glieder, die knorrigen Ästen nicht unähnlich waren."

Die Zwerge horteten große Reichtümer in ihren unterirdischen Behausungen. Von so einem Schatz erfahren wir in der Sage von der Acherlochhöhle bei Urft, in der ein Zwerg einem Mann einen Scheffel Gold verspricht. Der Mann läuft nach Hause, um einen Scheffel zu holen. Als er wieder an der Höhle ankommt, sind Gold und Zwerg verschwunden. - Im Jahr 1949 untersuchte das Landesmuseum Bonn, die Acherlochhöhle. Es wurde zwar kein Gold gefunden, wohl aber 123 römische Münzen. Es gab also bestimmt einen historischen Hintergrund für diesen Sagen-"Schatz".

Ein urwüchsiges winziges Eifelwesen ist das Heckenmännchen. Dieser kleine Gartengeist kratzt und kneift diejenigen, denen es nach den Kirschen in Nachbars Garten gelüstet.

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Die Juffern

"Wer nächtlicher Weile an der versunkenen Stolzenburg und der Teufelsader vorbei seines Weges gehen muss, der lasse sich nicht vom Grauen übermannen und nicht zu beschleunigtem Schritt verleiten, denn unten am Bach sitzen im Dunkel der Nacht die drei Juffern in weißen Gewändern und spiegeln sich in den leise rinnenden Fluten des Urftbachs ..."

Wer sind diese Jungfern oder Juffern, die als gute Feen in der Sagenwelt auftauchen? Hierüber hat man lange gerätselt. Erst als man die Heidentempel der Matronen erforschte, z.B. die Görresburg bei Nettersheim, kam man um 1920 zu der Erkenntnis, dass diese Sagenjuffern mit den Muttergottheiten, den Matronen, die stets in Dreierform dargestellt und verehrt wurden, identisch sind.

Als die heidnischen Kulte durch das Christentum verdrängt wurden, spukten die Schreckgötter als Teufel oder wilde Jäger in den Erzählungen der Menschen weiter. Als gute Feen und überirdische Wesen lebten die keltischen Matronen in den Sagen weiter. Das Wesen der Matronen können wir aus Steindenkmälern nur vage erraten, in den Sagen wird es aber umso deutlicher. Da finden wir Schönheit, Güte, Hilfsbereitschaft und Mütterlichkeit. Die Schutzmatronen waren die Schützerinnen von Haus und Hof, sie wurden um eine gute Ernte angefleht. Der schützende Charakter der Matronen geht aus der Sage von Heimbach hervor. Dort verscheuchten drei Juffern böse Eindringlinge und beschützten den Burghof. LINK JUFFERN

Es ist interessant, dass die Juffernsagen dort erzählt wurden, z. B. im Urfttal, wo später die Matronentempel ausgegraben wurden. Die Matronen wurden besonders im Jülicher Land verehrt, und dort sind auch die Juffernsagen zahlreich.

Die Matronen tragen in Abbildungen ein Körbchen mit Früchten auf ihrem Schoß. Dieses Körbchen finden wir auch in der Sage "Die weiße Frau", die in der Nähe von Fließem bei Bitburg zu Hause ist.

Sagenhelden


Neben den Fabelwesen sind es vor allem die Burgherren und Ritter, die das Eifel-Sagengut bereichern. Die Burgherren von Nideggen, von der Nürburg, von der Burg Are, von Zülpich und anderen Burgen sind in der Sagenwelt der Eifel zu finden. Volkshelden wie Till Eulenspiegel aus Holstein und Schinderhannes aus dem Hunsrück fanden den Weg in die Eifelstuben. Diese volkstümlichen Gestalten müssen viel durch die Lande gewandert sein, denn in manchem Landstrich sind ihre Gauner- oder Scherzstücke in den Sagen lokalisiert.

Nicht vergessen werden dürfen die Jäger, die in den Eifelsagen spuken. Da sind einmal die waidgerechten Jäger, die sich durch Jagen am Sonntag versündigen, und zum anderen die Wilddiebe. Von den Strafgeldern eines wildernden Jägers soll die Kapelle Hülchrath bei Blankenheim gebaut worden sein. Von einem Pastor aus Dahlem wird berichtet, dass er ein leidenschaftlicher Jäger war, "der lieber den Hirschen als den Seelen nachging". Er endete als Gespenst im Kirchenwald.

Schildbürgerstreiche halten die Eifeler sich gegenseitig vor. Neben Dahnen und Daleiden (nicht weit von der Luxemburgischen Grenze) ist Wiesbaum (zwischen Blankenheim und Hillesheim gelegen) als Schilda bekannt. In einer Erzählung bauen die Wiesbaumer eine Kirche, die nur durch eine Dachluke zu betreten ist. Der Wiesbaumer Hannes pilgert nun nach Trier und holt sich dort das Rezept für eine ordnungsgemäße Kirche. Doch auf dem Heimweg verliert er bei einem Sprung über einen Bach die Lösung. Alle Wiesbaumer wandern jetzt zu dieser Stelle, um das Lösungswort zu suchen. Und tatsächlich findet der Hannes es plötzlich. In einer Prozession ziehen die Wiesbaumer nach Hause, Hannes als Brudermeister voran, das Lösungswort als murmelndes Gebet vor sich hinsprechend: Fenster und eine Tür, Fenster und eine Tür ...

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Armut

Dass die Bewohner der Eifel in früheren Zeiten arm waren und dass es oft harte Hungerjahre gab, ist leider kein Märchen. Die Menschen waren auf die kargen Erträge des Eifelbodens angewiesen. Sie waren oft so arm, dass es nicht für das tägliche Brot reichte - sie waren bruutarm (brotarm). Die Armut der Bevölkerung spielt in den Eifelsagen eine dominierende Rolle.

Eine Sage aus der Mutscheid, die sich wahrscheinlich auf die Hungerjahre 1817/18 bezieht, sagt, woran der Eifelboden reich ist: "An Steinen, die immer wieder aus dem Erdinnern nachwachsen." In dieser Sage wird ein Stein zu einem Wunderbrot, das sich immer wieder erneuert und so den Hunger einer ganzen Familie stillt. Als die Frau ob ihres Reichtums hochmütig und hoffärtig wird, verwandelt das Brot sich wieder zu Stein.

Die Sagen, in denen es um Armut geht, predigen alle die gleiche Moral: Wenn durch Hilfe von guten Geistern (meist Zwerge) oder durch Glücksfälle die Not gelindert wird, so muss man sich seines Glückes auch wert erweisen. "Wohlergehen aber verführt oft zu Leichtsinn und Übermut", heißt es in der Sage vom Tanzberg, in der Männer über die Stränge schlagen. Meist aber sind es Frauen, denen bessere Verhältnisse zu Kopf steigen und die eitel und hartherzig werden.

"Der Schatz im Sarg" aus Münstereifel lehrt uns, dass man mit den Armen teilen muss, wenn man einen Schatz findet, "sonst kann man nicht glücklich werden." Auch wenn man selbst nur wenig hat, muss man mit den Ärmsten teilen, ist die Lehre der Sage "Das steinerne Brot". Die Geschichte führt in die Zeit nach dem 30jährigen Krieg. Hier erbettelt ein Junge ein Brot in einem Kloster bei Alflen, gibt aber einer bettelnden Frau nichts ab. Sein Brot wird zu Stein. Das steinerne Brot wurde später in der Kirche des Klosters aufbewahrt, "damit es alle ermahnte, die harten Herzens waren."

Schinderhannes, der bestimmt kein Tugendbold war, sagt, dass er "keine Halunken mag, die arme Leute schinden". Er selbst beraubte nur die Reichen und beschenkte die Armen. In einer Sage aus Vussem heißt es, dass Schinderhannes einer armen Frau Geld gibt, damit diese ihre verpfändete Kuh einlösen kann. Natürlich holt er sich sein Geld bei dem Pfänder wieder zurück und nimmt gleich alles mit, was er bei dem Reichen findet, "damit dieser einmal verspürt, wie Armut schmeckt."

Welche Hoffnungen hegten die Menschen nun, um ihrer Armut zu entrinnen? Sie kamen gar nicht auf die Idee, dass von außerhalb der Eifel Geld ins Land fließen könnte. Der Fremdenverkehr war eben noch nicht entdeckt. Ihren Lebensunterhalt erwarteten die Eifeler von ihrer Heimaterde. Waren die Erträge, die auf der Erde wuchsen kläglich, so hoffte man, dass die Schätze im Erdinneren ertragreicher waren. Und diese brachten tatsächlich zeitweise bessere Zeiten.

Die große Bedeutung der Erzvorkommen und der Eisenverarbeitung schlägt sich auch in den Eifelsagen nieder. Vom Tanzberg heißt es: "Wo man auch mit der Hacke zuschlug oder die Schaufel ansetzte, trat man auf Erzgestein. Es kam sogar die Redensart auf, der Bergmann könne schneller einen Sack mit Erz füllen als ein Müller einen Malter Korn zu mahlen vermöge. Den Menschen ging es in dieser Zeit so gut, dass sie immer sorgloser und übermütiger wurden."

Dass durch die Erdschätze bessere Zeiten zu erwarten sind, kommt auch in der Sage "Das Erdmännchen" aus Kall zum Ausdruck: "Dort stiegen sie an einer Strickleiter hinab und gelangten in eine Grube, wo offensichtlich früher Bergleute nach Erz gegraben hatten. Überall lag es zerkleinert noch in Hülle und Fülle herum. 'Das alles kannst du nehmen und teuer verkaufen', sagte das Männlein. 'Es ist gutes, gediegenes Erz. Dann wird eure Not zu Ende sein.'" In der Sage "Der Berggeist von Gressenich" können wir lesen: "In der Gressenicher Gegend wurde einst soviel Eisenerz gefunden, dass jedermann abbauen konnte, soviel er wollte."

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Der erste Eifeler

"Der Herrgott kam auf seiner Erdenwanderung auch einstmals ins Monschauer Land. Dort gab es damals, wie überhaupt in der ganzen Eifel, noch keinen Menschen. Als sich der Apostel Petrus, der bei ihm war, hierüber wunderte, sagte der Herr: 'Das Land ist zu rau, als dass hier einer leben könnte...' Darauf macht Petrus den Vorschlag, einen Menschen zu erschaffen, der eben in dieses Land passt. Und so entsteht aus einem Klumpen Eifelerde ein Mensch. Petrus sagte zu ihm: 'Danke deinem Schöpfer.' Der Erschaffene aber sah unzufrieden an seiner Nacktheit hinab, schimpfte wüst und ging in die Wildnis davon. 'Ist das ein ungehobelter Mensch!' ereiferte sich Petrus. Der Herr jedoch lächelte nur, als wollte er sagen: 'Der erste Monschauer, er ist nun mal so! Die Zeit wird ihn schon behobeln'."

Die Erschaffung des ersten Eifelers erzählt man in ähnlicher Art auch mit anderen Ortsangaben. Stets schneidet der erste Eifelbewohner, in fast zynischer Selbstkritik, schlecht ab. Er ist nicht besonders gut gelungen, aber für die Eifel eben gut genug. Dieser "ungehobelte" Mensch wurde nicht nur durch die Zeit behobelt, sondern vor allem durch das raue Land zurechtgebogen.

In den Sagen erleben wir, dass die Landbewohner mühsam, mit unermüdlichem Fleiß und stoischer Geduld den kargen Eifelboden bearbeiten. Von morgens bis abends rackern sich die einfachen Leute ab und trotzdem haben sie nicht genug zum Sattessen. Aber sie lieben ihre Heimat über alles. Die tiefe Verbundenheit mit der Natur kommt sehr oft zum Ausdruck. Im harten Kampf mit der Erde mag auch die Verschlossenheit, die Wortkargheit und Schwermut, die wir auch heute noch bei alten, naturverbunden Eifelern finden, ihren Ursprung haben.

Neid, Missgunst oder Unzufriedenheit kennt der Eifeler nicht. Er ist zufrieden, wenn er genug zum Leben hat. Reich möchte er nicht sein, denn reiche Leute sind durchweg böse und ungläubig, während arme Leute gut und fromm sind; diese Ansicht bringt zumindest manche Eifelsage zum Ausdruck. "In Schlössern und feinen Häusern wohnen nicht nur Menschen, die gut und edel sind", heißt es in einer Sage vom Totenmaar. Die Zufriedenheit der Eifelbewohner wurzelt in einem tiefgläubigen Gottvertrauen. Eine gottesfürchtige Frömmigkeit ist in mancher Sage zu erspüren. Der Teufel versteht diese Gottergebenheit nicht. In der Sage "Der Eifeler Müller" schimpft er: "Eine verfluchte Erdkante, diese Eifel! Wenn sie noch von dem Herrn aller Schöpfung besonders bedacht worden wäre, könnte ich ja die Leute verstehen! Er vernachlässigt sie mit Wachstum und Wetter, und dann diese Anhänglichkeit, diese Treue!"

An negativen Charaktereigenschaften finden wir in den Eifeler Volkssagen die Neugierde und die Klatschsucht. In der Sage "Die Zwergenfüße" besitzt ein Mann gleich beide Untugenden, ansonsten sind diese Laster den Frauen vorbehalten (natürlich nur in den Sagen). In der Römerkanal-Sage verliert der Dombaumeister aus Köln eine Wette und seine Seele, weil seine Frau den Mund nicht halten kann.

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Stöckelchen


Mit den Sagen verwandt sind die Schnurren, die in der Eifel treffend Stöckelchen genannt werden. Auch diese wurden in trauter Runde erzählt. Es waren wahre Begebenheiten, die jedoch liebevoll ausgeschmückt wurden. Die Zeitangabe ist bei den Stöckelchen unwichtig, aber ein Ort ist meistens angegeben. Der Unterschied zu den Sagen liegt darin, dass die Stöckelchen Alltagsgeschichten erzählen, ohne ins Märchenhafte zu gehen. In diesen Anekdoten sehen wir, dass der Eifeler viel Humor hat; er hat soviel Humor, dass er über sich selber lachen kann. Er besitzt auch eine gewisse Pfiffigkeit, die man als verschmitzte Bauernschläue bezeichnen kann. Zum Abschluss dieser Abhandlung soll ein Stöckelchen aus der Eifel in Versform nacherzählt werden.


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Das versunkene Köln


Auf dem Kölner Markt, da steht ein Mann,
der bietet gute Waren an.
Aus der Eifel kommt er her,
hat Butter, Speck und vieles mehr.
Er verkauft recht gut; er zählt sein Geld,
für heute reicht's. Was kost' die Welt?
Er will noch nicht nach Hause geh'n,
möcht' sich die Stadt etwas beseh'n.
Er ist zwar bieder - doch ein Mann -
die Gasthäuser, die zieh'n ihn an.
Er kann nicht lange widersteh'n,
er muss so 'n Haus von innen seh'n.


Viel später kommt er schwankend raus
Und macht sich auf den Weg nach Haus.
Er zeigt am Stadttor seinen Pass,
erzählt noch was vom Kneipen - Spaß,
dann wendet sich von Köln sein Sinn,
zur Heimat zieht es ihn nun hin.
Denn auch die wunderschöne Eifel
hat viel zu bieten - ohne Zweifel.


Der Weg wird ihm so lang und schwer!
Er torkelt hin, er torkelt her.
Die Beine woll'n ihn nicht mehr tragen,
auf allen Vieren muss er's wagen.
Grimmig verflucht er Köln und Käufer,
durch deren Geld er wurd' zum Säufer:
"Erde! Verschlinge diese Stadt,
die so verruchte Kneipen hat!"
Mühsam erhebt er seinen Blick
und schaut in Richtung Köln zurück.
Da wird er bleich und starr vor Schreck:
Die ganze Stadt ist wirklich weg!
Wo ansonsten all die Häuser steh'n,
da ist rein gar nichts mehr zu seh'n.
"Na ja, das hat man halt davon,
wenn man's so treibt wie Babylon!"


Mühselig rappelt er sich auf,
weiter durchs Tal und dann bergauf.
Erst wo die Eifelwinde weh'n,
da kann er wieder grade geh'n.
Allmählich wird es ihm dann klar,
dass sein Verfluchen unrecht war.
Die Stadt, die hat doch nicht nur Sünder,
es leben Frauen dort und Kinder!
Und alle sind ins Nichts versunken,
nur weil er hat zuviel getrunken.
Er sieht vor sich das schrecklich' Ende
und hebt zum Himmel seine Hände:
"Oh, lieber Gott, erhör mein Fleh'n,
lass Köln doch wieder aufersteh'n!"


Und er erreicht 'nen kleinen Gipfel
und sieht tatsächlich einen Zipfel.
Jetzt strebt er immer hoch und höher
und kommt der höchsten Spitze näher.
Keuchend kommt er oben an -
sieht staunend das, was Gott getan:
Im Abendrot strahl'n um die Wette,
Dächer, Türme, Dom-Silhouette.


Nach Haus geht's jetzt im Dauerlauf,
er reißt die erste Kneiptür auf,
erzählt von seiner trunk'nen Tat -
und wie er Köln gerettet hat.


Literaturnachweis

  1. Eifel und Mosel erzählen - Paul Weitershagen
  2. Zwischen Dom und Münster - Paul Weitershagen
  3. Rheinlands Wunderhorn - E. Trog
  4. Sagen und Legenden der Eifel - H.P.Pracht
  5. Eifeler Bauernleben in Sitte und Brauch - Adam Wrede
  6. Eifelvereinsfestschrift 1913
  7. Peter Zirbes - Hans Erben
  8. Kallmuth, Dorf am Pflugberg - Karl Guthausen
  9. Heimatbuch Dahlem - Karl Guthausen
  10. Zwischen Eifel und Ville 1949 - 1955
  11. Eifelvereinsblatt Februar 1913
  12. Eifelkalender 1935
  13. Heimatkalender 1962
  14. Chronik Nettersheim - Manuskript F. Jakob Schruff
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